Firstlife

Ein Abschiedsbrief an den Mann, der mich ausgetauscht hat

Geschrieben am 20.10.2018
von Redaktion

Wenn ich unsere „Beziehung“ mit einem Wort beschreiben müsste, wäre es: warten. Warten darauf, dass du dich meldest. Warten darauf, dass wir uns sehen und vor allem, warten darauf, dass du dich endlich zu uns bekennst. Nach der Trennung wurde daraus ein Warten, das du merkst, wie sehr ich dir fehle und dass du mich nicht verlieren willst. Das wandelte sich in ein Warten, dich wiederzusehen und hoffentlich zu merken, dass da nichts mehr zwischen uns ist.



© pixabay

Und dann standest du plötzlich vor mir. Dein weicher Blick schaute mich noch genauso an wie damals. Auch dein Geruch hatte sich kein bisschen verändert. Als du mich umarmen wolltest, konnte ich es nicht. Ich musste sofort daran denken, dass du vielleicht kurz zuvor noch „sie“ umarmtest. Unser ganzes Gespräch über fragte ich mich, ob sie wohl noch in deinem Leben ist. Sie. Die große, unbekannte Größe, die seit dem Tag eine Rolle in meinem Leben spielt, seitdem ich weiß, dass du mich mit ihr betrogen hast.

Während des Gespräches vergaß ich jedoch fast, dass es sie gab. Als wir über vergangene Erinnerungen sprachen, fühlte es sich für einen kleinen Moment so an wie früher. Ich erinnerte mich direkt wieder an so vieles, dass ich an dir liebte. Ich liebte es, wie du ruhig neben mir geschlafen hast und dich im Halbschlaf immer wieder vergewissert hast, dass ich noch da bin. Wie du mich umarmt und näher an dich gezogen hast. Ich liebte sogar dein morgendliches Gegrummel, wenn du noch zu müde für den Tag warst und zu unruhig, um noch liegen zu bleiben. Wie du morgens automatisch neben deinem Kafee meinen Tee gekocht hast. Vor allem liebte ich es, wie du mich anschautest, wenn du dich unbeobachtest fühltest.

Doch Liebe reicht oft nicht. Die Erkenntnis, dich immer noch genauso zu lieben, wie bei der Trennung vor einem halben Jahr, war weniger schlimm als gedacht. Immerhin hatte ich wirklich den Eindruck, dass dir das Ganze mit uns auch nahe geht und ein Teil von dir mich vermisst, wir aber einfach unterschiedliche Dinge vom Leben wollen und vor allem du keine Beziehung möchtest. Hätte ich gewusst, was ich eine halbe Stunde später erfahren würde, wäre dieses Gespräch ganz anders verlaufen. Im Nachhinein kommt mir die ganze Unterhaltung völlig paradox und unwirklich vor. Als wäre nichts davon wahr.

Der Moment, in dem durch dein „Ja, ich bin mit ihr zusammen“ aus deiner damaligen Affäre plötzlich deine feste Freundin wurde, war ein Schlag ins Gesicht, ohne dass du auch nur einen Finger erheben musstest. In diesem Moment krachte mein ganzes Konstrukt zusammen, das mich die letzten Monate gerettet hatte. War ich die ganze Zeit davon ausgegangen, dass du auch noch ab und zu an mich denkst und nicht einfach aus deinem Leben schneiden konntest, fühlte es sich ab da genauso an.

Früher dachte ich, das Schlimmste, was du tun könntest, sei es, mit einer anderen Frau zu schlafen. Daraufhin sagte ich immer, dass ich mit allem umgehen kann, solange du nicht mit ihr zusammen bist. Plötzlich bewahrheitete sich meine größte Angst. Schon wieder. Dich zu verlieren war schlimm. Noch schlimmer war, dass du nie um mich gekämpft hast. Nur dachte ich, dass du dich wie abgesprochen auf dich konzentrierst. Während ich das wirklich tat, machtest du genau das Gegenteil. Du hast an meine Stelle einfach sie gesetzt.

Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf. Machst du ihr die gleichen Komplimente wie mir? Schläft sie nun auch jedes Wochenende an der Stelle, die ich lange als meine zählte? Weiß sie von mir? Wie zur Hölle konntest du mich so schnell vergessen? Ich bereue es sehr, dich all das nie gefragt zu haben, sondern stattdessen nur schweigend vor dir zu stehen. Vor allem bereue ich, dass ich dich nicht gefragt habe, wie es andersrum wäre. Ich hatte es mir so fest vorgenommen und dann einfach vergessen: Wäre es dir egal, wenn ich jemand Neues hätte?

Ich hätte dich auch gleichzeitig so gerne angeschrien, wie du mir das antun kannst und womit ich all das verdient habe? Warum ich nicht laut wurde, obwohl ich es so gerne wollte? Ich konnte nicht. Unabhängig davon, wie verletzt und geschockt ich war, wollte ich dich selbst in diesem Moment nicht auch verletzen. Ich habe vor einiger Zeit gelesen, dass du weißt, dass es Liebe ist, wenn du jemanden nicht dafür hassen kannst, dass er dir das Herz gebrochen hat. Genauso war es in dem Moment. Ich hätte mir eher die Zunge abgebissen, als dir auch weh zu tun. Selbst nach allem, was passiert ist, könnte ich dich nie auch nur im Ansatz so verletzen wie du mich.

Zumindest das Gefühl zu haben, dass du mich einfach ausgetauscht hast, tut höllisch weh, aber ich will, dass du glücklich bist. Du bedeutest mir sogar so viel, dass ich dir eine andere Frau an deiner Seite wünsche, wenn es dir dann gut geht, auch wenn es für mich schrecklich ist. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass es nicht sie ist. Ich würde dir das niemals sagen, warum auch? Meine einzige Argumentation ist immerhin mein Bauchgefühl. Nur war eben dieses bei dir immer sehr gut.

Mit Sicherheit ist es gerade toll für dich und du bist auch traumhaft von mir abgelenkt, aber ich denke nicht, dass es hält. Nichtsdestotrotz wünsche ich dir wirklich eine Frau, die dich glücklich machen kann und so nimmt, wie du bist. Mit all deinen Ecken und Kanten und davon hast du wirklich genug. Ich hoffe, sie engt dich nicht ein, so wie ich es getan habe. Dafür wünsche ich mir, dass sie dich genauso wieder zudeckt, wenn du dich abstrampelst. Dass sie dir den Rücken kratzt, wenn es dich juckt und wie ich daran erinnert, endlich zum Arzt zu geben. Ich hoffe, dass du jemanden findest, der dich so liebt, wie ich, nur, dass sie dich auch glücklich machen kann.

Manchmal frage ich mich auch, ob unsere besonderen Momente auch unsere Momente bleiben. Wir brauchten keinen Luxusurlaub, sondern waren uns selbst genug. Selbst die verrücktesten Geschichten, wie unser nächtliches Müll-Umtopfen, konnte unsere Laune nicht milden. Außenstehende müssen uns für verrückt gehalten haben, als wir in der nächtlichen Dämmerung große Müllsäcke durch die Gegend trugen. Und wir? Wir lachten uns nur halbtot. Ich in deinem viel zu großen grauen Pulli. Meinst du, sie würde auch ohne mit der Wimper zu zucken, wie ein Dieb mit dir und riesigen blauen Müllsäcken durch die Gegend laufen? Es waren die kleinen und doch perfekten Momente, die uns ausmachten. Zumindest für mich. Für dich waren sie anscheinend nur ein Zeitvertreib. Ein Zeitvertreib, indem die Akteure beliebig ausgetauscht werden können. War ich nur jemand, der zur Überbrückung gut genug war, bis die Richtige auftaucht? Wenn ja, hätte ich das gerne gewusst.

Ich weiß auch noch genau, wie wir zufällig auf einem Straßenfest landeten. Ein klarer Abend an einem lauen Frühsommertag. Wir schlenderten Hand in Hand durch das dichte Treiben des Festes und die Welt schien perfekt. Meine Hand in deiner Hand und dein Lachen an meinem Ohr. Alles war so zwanglos und locker. Die angenehmen Abendbrisen, die frische Luft auf unsere Haut und in unsere Lungen wehten. Es war ein fantastischer Abend. Wir saßen auf der Wiese und genossen unsere Zweisamkeit. Es war keine besondere Situation. Es waren nur zwei Menschen, die aneinander gekuschelt auf einer Wiese saßen und der Musik lauschten. Doch einer dieser Menschen warst du. Du, nein wir, machten diesen Abend perfekt. Ohne dich wären es nur Festlichter und eine Wiese gewesen, doch mit dir war es meine liebste Erinnerung an uns. Abends saß ich mit verstrubbelten Haaren – wieder mal in deinem grauen Pulli im Bett. Dein Kopf war auf meine Schulter gelehnt. Ich weiß noch genau wie du zu mir meintest, dass ich dir vertrauen kann und ich war so dumm, dir zu glauben.

Und nun? Nun frage ich mich, ob diese Momente noch eine Bedeutung für dich haben. Verblassen sie in deiner Erinnerung oder sind sie bereits vergessen? Werden sie ausgetauscht gegen Erinnerungen mit deiner Neuen? Wirst du mit ihr das Gleiche erleben, wie mit mir? War alles eine Illusion? Eine Blase, welche zum Platzen gebracht wurde? Für mich werden diese Momente immer einen besonderen Stellenwert haben. Sie bleiben wichtig und wahr. Ich weiß nicht, ob ich jeweils wieder eine Therme betreten kann, ohne an dich zu denken. Mein Körper am Beckenrand gelehnt und deine Arme um mich geschlungen, als würdest du mich nicht mehr loslassen wollen. Deine stolzen Blicke, wenn ich es schaffte, mehrere Aufgüsse durchzuhalten. Schaust du jetzt sie so an? Es war klar, dass wir uns neu verlieben, aber dass du mich einfach ersetzt und wohl alle Erinnerungen vergessen hast, kann ich nicht verstehen. Haben sie dir auch nur eine Sekunde etwas bedeutet?

Vielleicht fällt es dir auch so leicht, weil du mir nur etwas vorgespielt hast. Mir das Gefühl von Geborgenheit gegeben und dich trotzdem nach weiteren Möglichkeiten umgesehen und obwohl ich weiß, dass ich alles für unsere Beziehung getan habe, frage ich mich, ob ich etwas falsch gemacht habe. So oder so sind wir vorbei und an meiner Stelle ist jetzt sie. Wahrscheinlich hast du keine Sekunde mehr an mich seit dem Gespräch verschwendet. Das Härteste wird es sein, in dem Wissen mit dir abzuschließen, dass du es andersherum schon lange getan hast, während ich vorher die ganze Zeit dachte, dass ich dir immerhin nicht egal bin. Oder täusche ich mich und die anderen haben recht? Willst du mich vergessen, weil dein Verstand dir sagt, dass sie besser zu dir passt als ich? Denn wenn ja, dann wirst du noch merken, dass das nicht funktioniert. Menschen lassen sich nicht einfach austauschen wie eine gebrauchte Couch. Eines Tages werde ich in deinen Gedanken erscheinen. Doch dann werde ich bereits über dich hinweg sein. Das schaffe ich auch nochmal. Wenn will ich, dass du weißt, dass ich dich nicht einfach verlassen habe. Du hast mich gehen lassen.

Ich wünschte, du würdest mir sagen, dass ich mich täusche und du mich nicht einfach vergessen hast. Selbst im Gespräch und jetzt umso mehr, hätte ich gerne gehört, in welchen Situationen ich dir fehle, was du noch gerne erlebt hättest oder auch, was du an mir vermisst. Ich hätte gerne irgendeine Aussage, an die ich mich klammern kann, die mir zeigt, dass ich dir nicht so egal bin, wie ich mich gerade fühle und dass meine Freunde mit der Aussage Recht haben, dass auch deinerseits Gefühle für mich da waren, auch wenn wir zu unterschiedlich sind. Ich hätte einfach gerne irgendeinen Beweis dafür, dass es dir auch weh tut. Du meintest mal, dass du mir damals fast auch einen Brief geschrieben hast, um dich zu erklären. So einen hätte ich gerne oder einen Anruf und Worte, die mir sagen, dass ich falsch liege. Ich weiß aber natürlich, dass es diese Aussagen und Erklärungen nie geben wird. Während ich mich wieder zusammenkratze und irgendwie versuche, weiterzumachen, verschwendest du bestimmt keinen Gedanken an mich und bist froh, das Gespräch hinter dir zu haben. Während ich nicht schlafen kann, liegt sie in deinen Armen, wie ich es lange getan habe.

Unser Gespräch habe ich tatsächlich vermasselt. Anstatt mit Antworten aus der Sache rauszugehen wie geplant, sitze ich hier mit all meinen Fragezeichen, aber in dem Moment konnte ich nicht mehr klar denken. Abends wäre ich fast noch einmal bei dir vorbei gelaufen und hätte nachgefragt, aber ich wollte dich nicht nerven. Vielleicht war sie sogar da. Selbst die schlimmsten Antworten könnten nicht so wehtun und mich vom Weitermachen abhalten, wie das Spekulieren jetzt. Ich hatte so sehr gehofft, dass du dich nochmal meldest und ich die Frage stellen kann, ohne mich melden zu müssen. Denn das werde ich nie wieder tun. Keine Sorge. Aber natürlich kam nichts mehr. Dafür müsstest du ja noch wissen wollen, wie es mir geht.

Sag mir nur eins: Hat dir unsere Zeit jemals etwas bedeutet oder waren alles nur schöne Worte?

In Liebe,
die Frau, die sich fragt, ob du sie einfach ersetzt hast.