Firstlife

„Kommt, eilet auf den Kreuzberg schnell“: Wallfahrt als Gebet mit den Füßen

Geschrieben am 08.11.2018
von Matthias Chrobok

Fußwallfahrten: sportliche Herausforderung oder Ausdruck des Glaubens? Vom 20. bis 24. August machen sich circa 500 Würzburger auf zum Kreuzberg in die Rhön. Und das seit 1647. Matthias Chrobok war in diesem Jahr zum zweiten Mal mit dabei.



alle Bilder © Rüdiger Faulhaber

Es ist noch sehr früh an diesem Montagmorgen. Dennoch füllen zu dieser unchristlichen Zeit über 400 Männer und Frauen die Schönbornstraße vor dem Würzburger Neumünster. Um Punkt 4.45 Uhr geht’s los. Mit dem Tagesrucksack auf dem Rücken und Kniebandage passe ich mich dem flotten Tempo an. Bei Sonnenaufgang hält Präses Bruder Maximilian Bauer den ersten Impuls auf dem Weg nach Rimpar. Es ist der erste von insgesamt 17 Impulsen während der Wallfahrt. Wir halten sie vor Bildstöcken auf dem Hin- und Rückweg.

Mit Gebet und Gesang ziehen wir über die Felder. Nur in den Dörfern begleitet uns die Blaskapelle. In den Gebetspausen lasse ich die Natur auf mich wirken und höre nur das monotone Marschieren der Pilger. Wie schön, wieder in Unterfranken zu sein! Ich habe die Dörfer im Würzburger Umland sehr vermisst.

Erster Tag: 49 Kilometer und viel Bekanntes

Eine dieser typischen Dorfkirchen steht in Gramschatz. Dort machen wir unsere erste längere Rast. Nach dem Einzug zieht es viele in die Messe, ebenso viele zum Frühstück. Hauptsache hinsetzen! Zu diesem Zeitpunkt sind wir 6 Stunden unterwegs und haben 19 Kilometer hinter uns. Bis zum Tagesziel Euerdorf sind es noch 30 Kilometer. Beim Gehen sollten einem diese Zahlen lieber nicht im Kopf umherschwirren.

Auf dem Weg dorthin komme ich mit Edmund ins Gespräch, den ich beim letzten Mal kennengelernt habe. „Du, in meiner Unterkunft sind noch zwei Betten frei“. Ich nehme dankend an, da ich in Euerdorf noch keinen Schlafplatz habe. So schnell und unkompliziert geht das auf der Wallfahrt!

Nach weiteren sieben Stunden Gehen, Singen und zwei Rosenkränzen erreichen wir gegen 20 Uhr Euerdorf. Von dort geht´s sofort in die Unterkunft, wo ich das Bett und vor allem die Dusche mehr denn je zu schätzen weiß. Aber vor allem die Gemeinschaft und gute Gesellschaft machen für mich die Wallfahrt aus: Nach dem Essen sitzen wir bei einem Wein gemütlich zusammen und gehen früh schlafen, denn am nächsten Tag geht es nach der Messe um 5 Uhr direkt weiter dem Kreuzberg entgegen.

Zweiter Tag: Der Kreuzberg ist in Sicht!

Den kann man von weitem schon sehen. Noch sind wir 36 Kilometer entfernt. Um 14 Uhr ziehen wir mit Fahnen und Blaskapelle in Burkardroth ein. Die Sonne brennt von oben und der Asphalt von unten. Nach der Messe bleibe ich in der kühlen Kirche. „Weil die Ruhe in der Kirche auch für den Körper da ist“, wie mir Martin sagt, heißt es für mich: Beine hochlegen und dösen.

Beim Einzug nach Waldberg staune ich über das wirklich tolle Engagement der Gemeindemitglieder. Bier, Kaffee und Kuchen zur Mittagszeit lässt das Wallfahrerherz höher schlagen. Wie vor zwei Jahren weiß ich: Von Waldberg, der nächsten Station, sind es nur noch 9 Kilometer bis zu unserem Ziel. Aber die haben’s in sich, denn zum 928 Meter hohen Kreuzberg geht’s über die Kniebreche. Die Kapelle spielt einen flotten Marsch – das gibt Kraft und Motivation!
Die wird größer, als ich von weitem die drei Kreuze sehe und die Stufen zum Kloster hinuntergehe. Gänsehaut überkommt mich, wenn ich erfahre, dass ich im Mehrbett-Zimmer übernachten darf – mit sechs anderen Männern! Das ist echtes Wallfahrts-Feeling! Genauso wie das gemeinsame Essen und Trinken in der Klosterschänke und die Komplet am Abend.

Dritter Tag: Ich darf bei der Prozession das Kreuz tragen!

„Du kannst heute das Männerkreuz tragen“, teilt mir Florian nach der Messe am Freialtar mit. Für jeden sollte es eine Ehre sein, das Kreuz ein Stück weit zu tragen. Ich trage es während der Prozession und anschließend den Kreuzberg hinunter. Wie konzentriert ich jeden Schritt vor den anderen setzen muss, hätte ich vorher nicht gedacht. Mit brennenden Oberschenkeln lasse ich die Kniebreche hinter mir und freue mich auf ein Stück Kuchen und eine große Pause in der Kirche in Waldberg. Von hier sind es 11 Kilometer bis Burkardroth. Dort schlafe ich wie vor zwei Jahren auch im Pfarrheim – am Morgen danach spüre ich jeden einzelnen Knochen, obwohl ich meinen Schlafsack dabei habe.

Vierter Tag: Wolkenbruch kurz vor der Mittagsrast

Doch das Beschweren habe ich mir zumindest während der Wallfahrt abgewöhnt. Langsam zwickt‘s im linken Knie, aber mit Voltaren bei jeder Rast hält’s. Am heutigen vorletzten Tag werden wir 40 Kilometer hinter uns lassen. Heute denke ich fast stündlich daran, einfach in den Bus zu steigen und mich zur nächsten Ortschaft fahren zu lassen. Aber das ist keine Option in diesem Jahr! Dank gutem Schuhwerk und noch besserem Wetter kann ich Wülfershausen schon sehen.

Es ist dunkel und vor uns sehen wir schon die Wand aus Regen. „Bitte, lass es die nächsten 15 Minuten nicht regnen, dann sind wir da“, denke ich mir und just in diesem Moment fängt es an, sintflutartig zu regnen. Ich bemühe mich erst gar nicht, meine Regenjacke auszupacken. Das Wasser läuft mir durch die Socken direkt in die Schuhe, aber was soll’s!

„Privat würde ich mich spätestens hier abholen lassen“, sagt mir eine Mitpilgerin. Gar keine schlechte Idee, denke ich. Aber habe ich mir dieses Jahr nicht vorgenommen. Schließlich kippe nicht nur ich in Wülfershausen das Wasser aus den Schuhen. Ich beklage mich nicht, denn ich habe weder Blasen noch Gelenkschmerzen.

In Arnstein übernachte ich in der Stadthalle. Gemeinsam mit 20 Männern wird’s auf den Feldbetten auf jeden Fall gemütlich. Doch mehr freue ich mich über die Dusche und komme mir vor wie nach dem Sportunterricht in der Schule: Gemeinschaftsdusche! Aber das macht eine echte Wallfahrt aus!

Fünfter Tag: Einzug in Würzburg und die Schmerzen sind wie weggeblasen

Das Ziel ist in Sicht, denn wir schaffen auch die letzten 26 Kilometer. Um elf Uhr kommen wir in Rimpar an und die „Bruderschaft zum Heiligen Kreuz“ nimmt neue Mitglieder auf. Ich bin eines davon.

Wie bei jeder Rast bin ich auch hier in Rimpar überwältigt vom ehrenamtlichen Engagement der Gemeindemitglieder. Frisches vom Grill und Radler sind jetzt genau das Richtige, weil ich merke, dass mein rechtes Knie schmerzt. Die letzten Kilometer werde ich also nicht mehr richtig „hufen“, aber das ist egal – Würzburg liegt vor uns. Kurz vor der Rimparer Steige machen wir ein letztes Mal Pause und ich merke, wie erfrischend doch eine kühle Weinschorle ist!

Im Krankenwagen zum Einwallen nach Würzburg

Die Rimparer Steige komme ich zu Fuß nicht mehr hinunter und fahre mit dem Krankenwagen nach Grombühl. Dort begrüßt uns wie jedes Jahr Bürgermeister Adolf Bauer und die ersten Würzburger. Wir sind am Ziel und jetzt singt es sich viel befreiter und freudiger. Ich fühle mich gut, meinen Glauben auf diese Weise zu bezeugen und winke den Menschen am Straßenrand zu.

Wie beim ersten Mal ist es ein unbeschreibliches Gefühl und die Blessuren nach 173 Kilometern sind für einen kurzen Moment vergessen. Wir ziehen in die Semmelstraße ein, wo mit unserer Ankunft die „Zwiebelkerwa“ beginnt. Meine Eltern und meine Oma empfangen mich und ich falle ihnen in die Arme. Spätestens jetzt kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten und werde es auch auf dem Weg zum Dom nicht können. Wie überwältigend ist es, wenn dir Menschen zujubeln und du einfach nur froh bist, wieder daheim zu sein! Für mich ein unbeschreiblich schönes Gefühl.

Zusammen finden wir uns im Dom ein. „Ohne so viele Menschen wäre die Wallfahrt einfach nicht möglich“, sagt Pater Maximilian und meint dabei Wallfahrtsführer, Wallfahrtsleiter und -sekretär. Last but not least die Männer und Frauen, die als Verkehrssicherer mitgelaufen sind. Ein letztes Mal empfangen wir den eucharistischen Segen. Nach dem feierlichen „Te Deum“ nehme ich noch den Segen mit dem Kreuzpartikel mit nach Hause.

Mein Fazit: Fußwallfahrt ist Glaubenszeugnis mit den Füßen

Ich habe viel mit auf den Kreuzberg genommen. Ich habe wieder gemerkt, wie erfüllend es ist, 5 Tage einfach nicht erreichbar zu sein und sich geistig zu erneuern. Jeden Tag bin ich mit einem Anliegen im Gedanken gepilgert. Jeden Kilometer an das gedacht, was ich in den letzten zwei Jahren erlebt habe.

Dafür danke ich und das waren mir die 173 Kilometer allemal wert! Ich weiß, Fußwallfahrten sind nicht jedermanns Sache, trotzdem kann ich euch nur ermutigen: Probiert es aus und erlebt Gemeinschaft, eure körperlichen Grenzen und das erfüllende Gefühl, einfach nur zu sein.