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Don’t #unfollowme

Geschrieben am 14.11.2018
von Rebecca Schneider

Fast 50.000 Posts mit dem Hashtag #unfollowme sind auf Instagram zu finden. Mit der gleichnamigen Social-Media-Kampagne soll ein Zeichen gegen Hass, Gewalt und Rechtsextremismus gesetzt werden. Ein gutes Ziel mit fraglichem Weg, findet unsere Autorin.



© f1rstlife / Rebecca Schneider

Wie bei einigen Instagramern* ist mein Feed seit einigen Tagen geflutet mit Bildern zur #unfollowme-Kampagne. Promis wie „Normalos“ rufen ihre Follower dazu auf, ihnen zu entfolgen. Zumindest sofern sie homophob, gewaltverherrlichend oder politisch etwas zu weit rechts orientiert sind.

Ins Leben gerufen wurde die Social-Media-Kampagne vom Hamburger Verein „Laut gegen Nazis“. Auf der für die Aktion eingerichteten Website kann jeder ein Foto hochladen und anschließend mit dem besagten Hashtag und einem ausgewählten Slogan zu verschiedenen politisch hochaktuellen Themen versehen. Danach kann das Bild mit Statements zu LGBTQ, Flüchtlingen, Diskriminierung, Nationalismus etc. im Netz verbreitet werden.

Wohin mit den Ex-Followern?

Angenommen angesprochene Personen entfolgen einem daraufhin tatsächlich; was passiert mit den Ex-Followern? Sie verschwinden schließlich nicht einfach, sondern bleiben Mitglieder der sozialen Netzwerke. Nur beziehen sie ihre Informationen und Inspiration jetzt woanders her, von weniger weltoffenen und toleranten oder im schlimmsten Fall hetzerischen Profilen. Durch den Aufruf zum Entfolgen werden Personen separiert und ausgegrenzt. Die gut gemeinte Tat könnte ganz andere als die eigentlich gewünschten oder erwarteten Folgen mit sich bringen. Natürlich bedeutet das nicht, dass rechtsradikales Gedankengut toleriert werden muss, gar darf. Die Frage ist nur, ob #unfollowme der richtige Weg ist.

Die Frage der Langfristigkeit

Es ist unbestritten, dass es großartig und einzig richtig ist, sich gegen Menschen(gruppen)verachtendes Verhalten auszusprechen und sich davon distanzieren zu wollen. Fraglich ist, ob Ausgrenzung eine Veränderung bewirken kann. Ist es nicht viel mehr sinnvoll, sein Statement regelmäßig zu verkünden und Stellung zu beziehen? Und zwar so, dass genau jene Menschen es mitbekommen, die durch die #unfollowme-Aufforderung angesprochen werden.

Werden Menschen mit rechtem Gedankengut ausgegrenzt, verringert sich der Einfluss, dem sie sich täglich unterziehen auf einen von Gleichgesinnten vertretenen Konsens, mit dem sie sich ohnehin identifizieren (können).

Herkunft der eigenen Position

Ständig werden wir mit Informationen und unterschiedlichen Meinungen überflutet. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene können eine große Ambivalenz erfahren zwischen dem was sie zu Hause, in der Schule und im Internet lernen. Ansichten von Familienmitgliedern und Vorbildern werden, wenn auch unterbewusst, internalisiert. Vielleicht hält jemand eine gewisse Einstellung zum Thema XY für richtig, weil er schlichtweg nie mit einer gegenteiligen Meinung in Berührung gekommen ist. Man stelle sich hier einen Teenager vor, der in einem streng gläubigen Umfeld groß wird mit der für ihn überall verbreiteten Annahme, gleichgeschlechtliche Partnerschaft sei etwas Abzulehnendes. Dieser junge Mensch erachtet ganz andere Gegebenheiten als „normal“ als jemand, der unter einer völlig anderen Prägung aufgewachsen ist.

Kommunikation statt Ausgrenzung

Es erscheint deshalb viel sinnvoller, seine digitale Reichweite für einen positiven Einfluss zu nutzen. Für den einen oder anderen mag dein Instagram-Profil das einzige sein, auf dem er neue Sichtweisen zu politischen Themen erfährt. Du könntest die Chance nutzen, durch Social Media regelmäßig Einblick in deine bunten, toleranten Gedanken zu geben, Vorurteile zu widerlegen und aufzuklären. Nicht nur bietest du damit Paroli, sondern ermutigst andere weltoffene Menschen, es dir gleichzutun. Und vielleicht öffnet der eine Follower durch deinen Einfluss wiederum seinem Umfeld die Augen und die Inspiration zieht Kreise. Ausgrenzung hat selten zum Erfolg geführt. Kommunikation ist der Schlüssel zur Veränderung. Es sollte nicht gegen Menschen gehen, sondern für die Sache.

Also, seid laut gegen Hass, Gewalt, Menschenrechtsverletzungen & Co. Aber vergesst dabei nicht, respektvoll zu bleiben.

*Um die einfache Lesbarkeit zu wahren wurde in diesem Artikel auf das Gendern verzichtet. Es sind stets Personen jeden Geschlechts gemeint.