Firstlife

Priestermangel: Warum Laien nicht mehr Aufgaben übernehmen können

Geschrieben am 20.11.2018
von Moritz Hemsteg

In der katholischen Kirche werden tausende Pfarrstellen werden in gut zehn Jahren unbesetzt bleiben. Von Seiten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken wird der Ruf zu mehr Verantwortung der „Laien“ genannten Nichtkleriker laut. Doch darin liegt ein Trugschluss.



© Pixabay

Zwischen den historisch gewaltigen Gedenken zum Weltkriegsende, Pogromnacht, Mauerfall und Sankt Martin ereilte die kirchliche Welt der Bundesrepublik die Nachricht, dass bis 2030 sowohl 7.000 katholische Priester- wie auch noch einmal so viele evangelische Pfarrstellen unbesetzt bleiben. Es ist bekannt, dass die Zahl der in Deutschland geweihten Priester seit drei Jahren unter 100 per annum liegt. Zudem sind allein im letzten Jahre über 500 Priester aus dem aktiven Dienst ausgeschieden, während nur knapp über 70 neu geweiht wurden.

Die Lage spitzt sich also zu, wenngleich man mit aktuell 1.719 Katholiken pro Priester im weltweiten Schnitt noch gut bedient ist. Rechnet man hinzu, dass nur circa 10 Prozent der Katholiken die sonntäglichen Messen besuchen, kümmert sich ein Priester um 170 Katholiken. Wenn man weiterhin berücksichtigt, dass viele Katholiken als Familie eine Messe besuchen, dann kümmert sich ein einzelner Priester um vielleicht 50 Familien. Je nach Aufgabenfülle eines Priesters wäre das mit einer vollen Stelle also machbar, zumal, wenn man bedenkt, dass das religiöse Leben katholischer Laien heutzutage nicht für jeden Zentimeter eines geschlagenen Kreuzzeichens einen herbeieilenden Geistlichen benötigt.

Zahlen neu gedacht

Es wäre dennoch fatal, die Lage schön zu reden. Das Zusammenlegen von Priesterseminaren, der durch Bewohnerschwund oftmals erzwungene Rück- und Renovierungsbau einst ehemaliger Studienkasernen in den katholischen Bastionen Deutschlands zeugt vom Glanz älterer und der Tristesse jüngerer Zeiten. Wendet man die schwindende Zahl an Priestern zudem nicht nur auf die Gottesdienstbesucher an, ergibt sich ein noch fataleres Bild.

Denn nicht nur die Zahl der Priester wird weniger, sondern vor allem auch die Zahl der Katholiken. Gehörten noch zu Wendezeiten über 28 Millionen Menschen der katholischen Kirche an, so sind es heute in Deutschland nur knapp über 23 Millionen. Die Zahl der Taufen unterbietet die Zahl der verstorbenen und Ausgetretenen um ein Vielfaches. Der Begriff des Priestermangels verbindet sich oft und so auch in der oben angeführten Rechnung mit den Gottesdienstbesuchern. Tatsächlich kann man ihn auch anders wenden, wenn man den Priester nämlich nicht primär als Zelebranten der Sonntagsmesse, sondern – beispielsweise – als Missionar versteht. Dann aber hätte man durch den Rückgang der Priesterzahlen ein noch viel gewaltigeres Problem, weil auf immer weniger Männer eine immer größere Zahl von Konfessionslosen hinzukommt. Seit 1990 hat deren Zahl in der Bundesrepublik um knapp 15 Million zugenommen.

Was zu tun sei

Der Präsident des Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg, hat im Publikationsorgan der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, „Die Politische Meinung“, jüngst einen Beitrag verfasst, in dem er die Agenda der Kirche neu formulierte. Für ihn ist klar, dass nicht nur die Priester, sondern vor allem die katholischen Laien eine neue Rolle für sich finden müssten. Diese läge in der Leitung der Gemeinden vor Ort.

Damit würden alle Errungenschaften der deutschen Diözesen hinsichtlich der Zusammenlegung und Fusionierung von Pfarreien allerdings zunichte gemacht. In der Diözese Trier demonstrierten jüngst 1.500 Menschen gegen die geplante Strukturreform, Sternberg liefert nun deren intellektuelle Basis. Doch allzu schnell wird hier Romantik mit Realität und Partizipation mit Gewinn verwechselt.

Große Einheiten versprechen nie da gewesene Modernität

Tatsächlich ermöglichen die neuen großen Pfarreigebilde in den verschiedenen Diözesen erst einmal einen Schub an Professionalität; allein dadurch, dass Sekretariate sich vernetzen undtheologische Think-Tanks durch Mischung ursprünglich eigenständiger pastoraler Teams entstehen, arbeiten Pfarreien nun wesentlich professioneller. Hinzu kommt, dass große Seelsorgeeinheiten die Möglichkeiten bieten, Schwer- und Leichtpunkte zu formulieren, während die alten, kleinen Einzelgebilde immer noch alles selbst hatten tun müssen, auch wenn weder Know-how noch Personal vor Ort war.

Darüber hinaus sind Kirchen und Kirchgemeinden, die mit oder ohne einen sie leitenden Geistlichen aus dem letzten Loch pfeifen, durch größere Strukturen nun offensichtlicher in ihrem Scheitern. Wenn eine moderne Seelsorgeeinheit, ob sie nun „Gemeinschaft der Gemeinden“, „Pfarrei neuen Typs“ oder „Sprengel“ heißt, 10 Kirchen besitzt, dann fällt es mit einer gewissen Nüchternheit leichter, eine von diesen zu schließen, als wenn man 10 Bauten heizen, gottesdienstlich bespielen und versorgen muss, die in früheren Zeiten jeweils eigene Pfarrkirchen und damit unbedingt zu erhalten gewesen waren.

Die Rolle des Pfarrers als leitendem Angestellten des Bischofs wird dabei en passant neu geschaffen. Tatsächlich genügt es für den Berufsstand eines priesterlichen Leiters heutzutage nicht, zu beten und die Messe zu lesen. Das Zentrum der Arbeit eines Geistlichen ist nach wie vor das Stricken und Halten von Beziehungen. Allerdings sind sowohl Vernetzung wie auch professionelles Arbeiten durch steigende Mobilität aller Altersgruppen und gestiegene digitale Möglichkeiten heute nicht mehr örtlich beschränkt. Für die Trierer Situation sei angefügt, dass die meisten ihrer einst knapp 900 Pfarreien über die längste Zeit der Geschichte ihres Bestehens nie einen eigenen Pfarrer gehabt haben.

Sternbergs Vorschläge bedeuten einen Sprung in die Vergangenheit

Thomas Sternberg zeichnet die überschaubare Gemeinde aus selbst- und letztverantwortlichen Gläubigen als Zukunft. Die seelsorgliche Arbeit vor Ort, so meint er, könne darin von Theologen wie Laien geleistet werden. Die neu geschaffenen Groß-Strukturen ermöglichten keine Beziehung mehr.
Tatsächlich kann man in allen Lebensbereichen eine Anonymisierung und Flexibilisierung von Zugehörigkeiten beobachten. Ein künstliches Auflehnen kirchlicher Amtsträger gegen diese gesamtgesellschaftliche Entwicklung wäre auf Dauer geradezu grotesk.

Aber was insbesondere gegen den Vorschlag Sternbergs, der immerhin Vorsitzender des die Katholikentage organisierenden ZdK ist, spricht, ist seine Romantisierung der herbeigesehnten Verhältnisse. Allein für städtische Verhältnisse, in denen immer mehr Menschen und auch Katholiken heute in Deutschland leben, spielt die Ideologie von der „Gemeinde vor Ort“ viel weniger eine Rolle, als sie das früher getan haben mag. Und auch für die ländlichen Ortschaften, in denen es einst blühendes katholisches Leben gab, sei angefügt, dass es deren Bewohnern sowohl für den Arbeits-, Schul- und Einkaufsweg gelingt, größere Distanzen hinter sich zu bringen.

Auch das Zusammenwerfen der ausgebildeten theologischen Fachkräfte mit selbsternannten Seelsorgechristen zeugt von einem Kirchenbild Sternbergs, das keineswegs dem Stand der Zeit gerecht wird. Die Stärke des Katholizismus ist ja seine einigermaßen sichergestellte Universalität in Lehre und Struktur. Das Theologiestudium dient für deutsche Seelsorger als Qualitätssicherung katholischer Arbeit. Wenn Sternberg nun vorschlägt, dass auch Laien und Nicht-Theologen – er unterscheidet nicht zwischen diesen Begriffen – Gemeinden leiten und seelsorglichen Rat geben sollen, dann misstraut er nicht nur den bisherigen kirchlichen Strukturen, sondern auch der Qualität der theologischen Studien, die in Deutschland in Konkordaten zwischen Staat und Kirche geregelt von angehenden Seelsorgern abzuleisten sind.

Klerikalisierung als Professionalisierung auf Katholisch

Tatsächlich sind es aber gerade diese beiden Faktoren Struktur und Lehre, welche als Stärken des Katholizismus und zumal bei immer größer werdenden Seelsorgeeinheiten als überlebenssichernde Konstanten der Kirche gesehen werden müssen. Die Vernetzung der Priester vom Eintritt ins Priesterseminar an, ihr inter- wie intradiözesaner Austausch untereinander, die Möglichkeiten an so vielen Stellen in der Kirche fruchtbar zu wirken, gepaart mit einer dank der Ehelosigkeit sehr hohen Ungebundenheit wie Flexibilität, machen die Stärke des katholischen Amtes aus. Wenn nun die Seelsorgeeinheiten größer werden, gibt es vermutlich zum ersten mal in der Nachkriegsgeschichte die Möglichkeit, solche Traditionen, die an vielen Orten angeblich „schon immer“ so existierten, aufzubrechen.

Wenn sich 10 ehemals eigenständige Pfarreien zu einer einzelnen neuen Struktur zusammenschließen, besteht die Möglichkeit, Gläubige aus 10 Orten zusammenzuführen, sie zu vernetzten und, ganz katholisch, Beziehungen aufzubauen, die vorher strukturell bedingt niemals hätten bestehen können. Dadurch werden auch Verkrustungen aufgebrochen, an die man ohne die Not des Priestermangels gar nicht heran gekommen wäre. Rein begrifflich wäre es auch mehr als schief, wenn die Kirche dem Geistlichen, sprich dem Kleriker, die Leitung entzöge. Denn kann man christlicherseits eine nicht-geistliche Leitung der Kirche ernsthaft in Erwägung ziehen? Ich meine nein.