Firstlife

Leben mit chronischen Schmerzen

Geschrieben am 02.12.2018
von Redaktion

„Aber du bist ja noch so jung!“ seufzt meine Oma. Auch sie hat schon seit vielen Jahren Rückenschmerzen. Insgeheim gebe ich ihr Recht, weil ich denke, dass junge Menschen gesund sein sollten. Mittlerweile weiß ich jedoch, dass es viele Menschen gibt, die schon in jungen Jahren mit einer chronischen Erkrankung kämpfen. Ein offener Brief.



© Pixabay

Schleichender Schmerz und viele Arztbesuche

Meine Rücken-Geschichte beginnt mit dem Studium: Ich spürte, dass mir während der Zugfahrt auf dem Weg nach Hause der untere Rücken zu schmerzen begann. Ich nahm diesen Schmerz nicht ernst und ging erst nach einem Jahr zum Arzt. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Schmerzen schon so weit ausgebreitet, dass ich sie nicht nur im unteren Rücken, sondern auch im oberen spürte und das ständig. Ich sagte dem Arzt, dass ich viel sitzen würde, und er empfahl mir, Sport zu machen, um meine Muskeln aufzubauen. Außerdem veranlasste ein Orthopäde einen MRT.

Ich schaffte es gerade noch, einen MRT zu machen, bevor es für mich mit dem Flugzeug nach Polen ging. Dort machte ich ein Auslandssemester in Krakau. Mein ständiger Begleiter war mein Schmerz. Weil ich kein Polnisch konnte, fing ich an, mit YouTube-Videos kleine Sportübungen zu machen. Allerdings reichte meine Disziplin nicht, um die Übungen regelmäßig durchzuführen. Als ich wieder in Deutschland war, meinte der Orthopäde, dass auf dem MRT alles in Ordnung wäre. Auch er empfahl mir, Yoga oder eine Rückenschule zu machen.

Einige Zeit später machte ich einen Rückenkurs, wobei ich feststellte, dass mir mein Rücken danach noch mehr weh tat – auch wenn es heißt, dass man seinen Rücken bei Schmerzen nicht schonen soll. Als nächstes ging ich zu einer Osteopathin, danach zu einer Schmerztherapeutin, die mir auch nicht helfen konnten. Mit jedem Arztbesuch und jedem erfolglosen Versuch, meine Schmerzen zu bewältigen, sank mein Mut ein Stücken mehr, bis ich kaum noch Hoffnung hatte, dass es jemals wieder besser werden könnte.

Ins „Loch“ gerutscht

Die Aussicht, mein restliches Leben lang mit ständigen Schmerzen zu leben, erzeugte eine tiefe Verzweiflung in mir. Dabei war für mich das Schlimmste, keine eindeutige Ursache zu kennen und das Gefühl zu haben, von den Ärzten nicht ernst genommen zu werden. Meine ganze Aufmerksamkeit war auf den Schmerz gerichtet und ich wollte ihn unbedingt loswerden. Ich wusste, wie es war, ohne Schmerzen zu leben und wollte diesen Zustand wieder erreichen. Doch ich schaffte es nicht und das frustrierte mich. Irgendwann hatten sich die Gedanken in meinem Kopf festgesetzt: „Niemand kann dir helfen“ und „Der Rest deines Lebens wird schrecklich sein“. Da auch die übrigen Umstände in meinem Leben sehr herausfordernd waren, rutschte ich in ein tiefes Loch. So kam es, dass ich mit 25 Jahren nicht mehr leben wollte. Mir wurde bewusst, dass ich Hilfe brauche.

Ich kündigte meinen Job und zog, nachdem ich ein Jahr lang in Köln gelebt hatte, wieder zurück zu meinen Eltern, was ein gefühltes Scheitern war. Mittlerweile bin ich froh, dass ich diesen Schritt getan habe. Ich begann eine Psychotherapie. Ich dachte, dass die Schmerzen ein psychosomatischer Ausdruck meines Unbehagens sein könnten. Zwar half mir die Therapie nicht in Bezug auf meine Rückenschmerzen, aber in anderer Hinsicht: Herauszufinden, was mir wirklich guttut und Konflikte nicht zu vermeiden. Die Therapie hat dazu geführt, dass ich mir ein Leben aufgebaut habe, dass ich wirklich führen möchte – abgesehen von meinem Schmerz.

Getragen sein

Ich wünschte, ich könnte damit enden, dass die Ursache gefunden wurde und dass ich die Schmerzen losgeworden bin. So ist es aber nicht. Ich lebe mittlerweile seit fünf Jahren mit ständigen Schmerzen und manchmal spüre ich, wie mich wieder die Mutlosigkeit überkommt. Aber ich weiß auch, dass ich getragen bin. Getragen von vielen Menschen, die mich lieben und die für mich da sind. In Folge meiner eigenen Mutlosigkeit habe ich zahlreiche Erfahrungen von echter Freundschaft und Liebe gemacht: Zu wissen, dass Menschen für dich da sind, auch wenn du ihnen gerade nicht viel geben kannst, ist unglaublich wertvoll. Auch meine Familie hat mich unterstützt, wo sie kann. Für mich ist das ein Geheimnis: Dass gerade im Schmerz die größte Liebe sichtbar wird. Mein Respekt gilt allen Menschen, die solche Menschen mit chronischen Erkrankungen begleiten oder die selbst an einer solchen Krankheit leiden.

Als Christin habe ich die Überzeugung, dass Gott alles zum Guten wenden kann. Ich stelle ihm immer wieder die Frage, warum er das Leid nicht einfach wegnimmt und manchmal ist mir einfach nur zum Heulen zumute, aber ich habe die Hoffnung, dass er mir eines Tages zeigt, was er daraus gemacht hat: Es wird etwas Wunderschönes sein.