An Weihnachten wurden wieder die Geschlechterstereotype ausgepackt

An Weihnachten wurden wieder die Geschlechterstereotype ausgepackt

Geschrieben am 02.01.2019
von Lilover Laylany Rodriguez

Jungs sind stark und können besser Fußball spielen, Mädchen sind lieb und spielen immer mit Pferden: Diese Geschlechterbilder sind schon bei unseren Jüngsten fest verankert. Allen voran die Spielzeugindustrie befördert diese Geschlechterstereotype.



© Dakota Corbin on Unsplash

Bevor ich meinen Nebenjob in einem Kaufhaus begann, war ich überzeugt, dass diejenigen Eltern, die dem bizarren Gender-Marketing der Spielzeughersteller zum Opfer fallen, allenfalls eine beschränkte Mehrheit darstellen. Wie falsch diese Annahme ist, lässt sich relativ einfach durch einen Blick in die Spielwarenabteilung jedes beliebigen Kaufhauses feststellen: Schnell fällt auf, dass eine rosa-blaue Trennlinie quer durch diese unschuldige Welt verläuft.

Als ich zum Geschenke-Einpacken beordert wurde, wunderte ich mich anfangs noch nicht, dass ich vornehmlich Baby Born-Puppen und Spielzeugautos auf den Tisch bekam. Schlucken musste ich erst, als mir eine Sonderedition des Rätsel-Kartenspiels Black Stories in die Hände fiel. In dem Fall wurde es (wenig originell) in “Pink Stories” umbenannt und mit dem Hinweis „50 geheimgefährliche Rätsel nur für Mädchen“ versehen. Am Liebsten hätte ich die danebenstehenden Eltern gefragt, warum sie der Meinung seien, ihre Tochter würde nichts mit den stinknormalen Black Stories anfangen können.

Überraschend waren auch die Reaktionen der Eltern. Wehe, wenn das Prinzessin-Lillifee-Buch in blauem statt pinkem Geschenkpapier eingewickelt wurde. Ja, noch nicht mal die Schleife durfte sich außerhalb des roten Farbspektrums befinden. Ansonsten erntete ich nur ein geradezu panisches „Stop“ und einen vielsagenden Blick des Elternteils, gefolgt von dem Satz „Es ist doch für ein Mädchen.“

Geschlechterspezifisches Spielzeug ist heutzutage auf einem Hoch

Fakt ist: Das Angebot an Spielzeug, das sich ausnahmslos einem bestimmten Geschlecht zuordnen lässt, ist heute höher, als es noch vor 20 Jahren war. Sie lassen sich nicht nur einfacher vermarkten, sondern verkaufen sich auch häufiger. Das macht nur Sinn, denn hat man eine Tochter und einen Sohn zuhause, muss man das rosa Brettspiel im Zweifel auch in der Jungenversion kaufen. Doppelte Ausgaben also.

Während selbst ich mir bei Absurditäten, wie der Bratwurst für die Frau (oh ja, die gibt es) oder der Bier-Seife für Männer, ein Lachen nicht verkneifen kann, hört der Spaß meiner Meinung nach dann auf, wenn diese Marketing-Strategien, an diejenigen angewendet werden, die sie am wenigsten durchschauen können: Kinder.

Die Spielzeugindustrie bedient sich noch immer der traditionellen Geschlechterrollen

Das Gender-Marketing orientiert sich immer an Geschlechterstereotypen: Spielzeug, das für Mädchen bestimmt ist, beschäftigt sich zumeist mit den Themen Kreativität (Malbücher, Freundschaftsbänder knüpfen), Haushalt (Nähmaschinen, Spielzeugküchen) oder Tieren (Pferdefiguren) und kommt meist rosa und glitzernd daher. Im Gegensatz dazu ist Spielzeug für Jungen meist technisch (Baukräne, Spielzeugautos) und mit räumlichem Denken (Lego-Bausets) verbunden.

In der sehenswerten ZDF-Reportage No more Boys and Girls mit Collien Ulmen- Fernandes bestätigt Hirnforscher Gerald Hüther, dass das Spielzeug, mit dem sich ein Kind in jungen Jahren beschäftigt, Einfluss auf spätere Interessen haben kann. Spielzeug, das räumliches und logisches Denken fördert, führt demnach irgendwann dazu, dass sich dementsprechend neuronale Verbindungen im Gehirn entwickeln. Sprich: Ein Junge interessiert sich im Erwachsenenalter unter anderem deshalb für den technischen Bereich, weil er sich von Kindesbeinen an mit ihm beschäftigt hat.

Auf der anderen Seite haben Jungen, deren Interessen in kreativen Bereichen wie zum Beispiel dem Nähen liegen, kaum Möglichkeiten, diese an geschlechtsneutralem Spielzeug auszuleben. Davon abgesehen sehen sich Jungen, deren Interessen von der Norm abweichen, auch schon in jungen Jahren mit Ausgrenzung und Mobbing konfrontiert. Auf diese Weise wird die Vielfalt an Handelsweisen und die Individualität der Kinder auf einzelne Rollenmuster verkürzt, so Petra Focks, Autorin des Buches “Starke Mädchen, starke Jungen”.

Auch das genetische Erbgut hat einen entscheidenden Einfluss

Doch sind wirklich nur die Spielzeughersteller die Schuldtragenden oder sind es die Eltern, die ihren Kindern Geschlechterrollen aufdrängen? Gibt es womöglich auch eine genetische Komponente?

Im Grunde ist keiner frei von stereotypischen Gedankenmustern. Das liegt daran, dass Geschlechterbilder seit unserer Kindheit fest in uns verankert sind. In einigen Studien ist neben der gesellschaftlichen auch eine erbliche Komponente nachweisbar. Bereits in den ersten Lebenstagen, so die Studie, zeigen weibliche Neugeborene mehr Interesse an Gesichtern, Jungs hingegen eher an mechanischen Dingen, wie das Mobile über dem Bettchen. Auch die Psychologie-Professorin Doris Bischof-Köhler hebt hervor, dass schon als Kleinkinder Jungen eher grobmotorisch und Mädchen eher feinmotorisch agieren.

Dies sollte allerdings niemand als Ausrede nehmen, sein Kind ausschließlich “dem Geschlecht entsprechend zu erziehen”. Eine klare Schwarz-Weiß-Trennung ist nämlich nicht möglich; individuelle Neigungen und Persönlichkeiten können sich auch nur entwickeln, wenn ausreichend Freiraum geschaffen wird. Vermittelt man dem Kind früh das Gefühl, etwas nicht machen zu können, erschafft man gedankliche Trennlinien, die nur sehr schwer wieder abgebaut werden können. Auch im Hinblick auf die wenigen Frauen in MINT-Berufen ist es notwendig, auch Mädchen früh in technischen und analytischen Bereichen zu fördern.

Was können Eltern konkret tun?

Keine Mutter, die ihrer Tochter eine Barbie kauft, ist automatisch eine Rabenmutter. Das Wichtigste ist, sich der Problematik erst einmal bewusst zu werden und vielleicht auch die eigenen gedanklichen Rollenbilder zu hinterfragen. Hat man sich entschieden, seine Kinder möglichst ohne Stereotype zu erziehen, rät Petra Focks Eltern dazu, Familienangehörige gerade vor der Weihnachszeit zu “briefen”. Sprich: zu erklären, warum man sich für seine Kinder eine möglichst große Vielfalt an Spielzeug wünscht. Auf keinen Fall sollte man überdramatisieren. Wünscht sich die Tochter ein Puppenhaus, sollte man dem Wunsch natürlich nachgehen. Schließlich sollen die Kinder in erster Linie Spaß an ihren Geschenken haben. Einzig und allein auf die Fülle an geschlechtstypischem Spielzeug sollte geachtet werden.

Schlussendlich kann jeder etwas dafür tun, den Nachwuchs so gut es geht zu fördern. Gegen Ende der Reportage No More Boys And Girls konfrontiert Collien Ulmen-Fernandes die Grundschüler mit Spielzeug des jeweils anderen Geschlechts. Nach anfänglichem Meckern finden viele Mädchen Gefallen an einem großen Baukran und einige Jungen sind ganz versunken in das Basteln eines Traumfängers. Deutlich wird auch, dass einige Mädchen sich von bestimmten Gedankensweisen lösen und stolz darauf sind etwas geschafft zu haben, “was nur Jungs schaffen”.

Die Vorteile sind also mehr als erkennbar und es liegt an jedem Elternteil und an jedem Pädagogen, die Kinder bei dieser Entwicklung zu unterstützen.