Krankenseelsorge: Ein offenes Ohr für Bedürftige

Krankenseelsorge: Ein offenes Ohr für Bedürftige

Geschrieben am 14.02.2019
von Chantal Gilbrich

Ein Seelsorge-Kurs bildet einen festen Bestandteil des Theologiestudiums. Dieser praktische Studienteil stellt eine große Herausforderung, aber gleichzeitig auch eine tolle Chance dar. Ich habe ein Semester lang in einem Leipziger Krankenhaus hospitiert und meine Erfahrungen in einem begleitenden Seminar an der Universität reflektiert.



© Pixabay

Ich stehe im Flur meiner zugewiesenen Station im Krankenhaus. Ich nähere mich der ersten Tür. Mein Herz pocht unaufhörlich. Meine Hände zittern. Noch einmal atme ich tief durch und nehme all meinen Mut zusammen, um die Klinke herunterzudrücken. Die Institution Krankenhaus war für mich vor Beginn des Seelsorge-Kurses ein vollkommen fremder Ort. Eigene Freunde oder Verwandte im Krankenhaus zu besuchen, ist schon immer eine merkwürdige Situation. Mit völlig fremden Menschen ist es nicht gerade einfacher. Obwohl ich insgesamt ein halbes Jahr lang den Krankenseelsorge-Kurs besucht habe, hat es mich jede Woche wieder sehr viel Überwindung gekostet, von Tür zu Tür zu gehen.

Große Ablehnung seitens der Patienten

Meine Angst war nicht ganz unbegründet. Was einem hinter der Tür eines Patientenzimmers erwartet, ist nämlich meistens Ablehnung. Gerade in Ostdeutschland reagieren viele Menschen mit Abneigung gegenüber Religion im Allgemeinen und Kirche im Speziellen. So haben auch viele der Patienten mich wieder aus dem Zimmer geschickt mit der Begründung, sie seien Atheisten und wollten mit der Kirche nichts zu tun haben. Als junge Frau hat man oft noch zusätzlich Probleme, ernst genommen zu werden. Insbesondere viele ältere Menschen zweifeln – nicht ganz zu Unrecht – daran, inwiefern ich ihnen mit meiner geringen Lebenserfahrung helfen könnte.

Tatsächlich konnte ich mich mit den meisten Problemen der Patienten nicht vollends identifizieren. Selten war es die Krankheit selber, die im Mittelpunkt stand. Meistens waren es doch eher persönliche Probleme wie der Tod des Ehepartners/der Ehepartnerin, das Älterwerden und dem damit verbundenen Verlust der eigenen Selbstständigkeit oder die Angst, Taufe/Einschulung/Schulabschluss des Enkelkindes nicht mehr miterleben zu können. Zum Teil mussten einige der Patienten den Schock nach einer dramatischen Diagnose verarbeiten oder aber mit der Angst vor dem eigenen Tod kämpfen.

Zeit als wichtigstes Geschenk für kranke Menschen

Damit haben sich rückblickend einige schöne Gespräche mit Patientinnen und Patienten ergeben, die ich nicht missen möchte. Sie waren jede Woche wieder der Antrieb, den ich gebraucht habe, um erneut den Gang ins Krankenhaus auf mich zu nehmen. Denn eines konnte ich den kranken Menschen trotz meines jungen Alters doch geben: Zeit. Den Krankenschwestern und Ärzten fehlt oft die Zeit, sich intensiv mit ihren Patienten auseinanderzusetzen und auch die Angehörigen können ihren Familienmitgliedern nicht dauerhaft beistehen.

Ein offenes Ohr und Zeit war alles, was ich den Betroffenen bieten konnte. Für die meisten Patienten war aber gerade das alles, was sie gebraucht haben. Diese Menschen waren es oft, die mir ihr Herz ausgeschüttet haben. Die einen waren erleichtert, einmal frei über ihre Probleme reden zu können. Die anderen machten auf mich einen sehr einsamen Eindruck und waren unglaublich dankbar, über die Gesellschaft, die ich ihnen für eine kurze Zeit geben konnte. So erzählten mir die Patienten von ihren Familien, Partnern und Enkelkindern. Es ging um die Umzüge, die sie in ihrem Leben bereits hinter sich gebracht hatten, die eigene Hochzeit oder aber auch das bevorstehende Weihnachtsfest.

Begleitendes Seminar zur Reflexion der Seelsorge-Gespräche

Nach den Krankenhaus-Besuchen war der Gesprächsbedarf oft groß. Umso besser, dass die wöchentlichen Seminarstunden nicht lange auf sich warten ließen. Hier war der passende Raum, um seine Erfahrungen teilen und reflektieren zu können. Die wohl größte Herausforderung aller Teilnehmenden war es mit einer gewissen Ohnmacht umzugehen, der man selbst unausweichlich unterliegt, sobald schlimme Diagnosen und Schickalsschläge sich in den Vordergrund eines Seelsorge-Gesprächs stellten. Diese Ohnmacht überwältigen und souverän das begonnene Gespräch weiterführen zu können, ist alles andere als einfach.

Darüber hinaus waren Themen wie der Umgang mit demenzkranken Patienten, die Theodizee-Frage oder die Phasen eines Schocks wichtige Schwerpunkte innerhalb des Seminars. Für mich war es erleichternd zu sehen, dass die anderen Studenten ähnliche Probleme und Sorgen aus dem Krankenhaus mitgebracht hatten wie ich. Besonders wertvoll waren auch die vielen Tipps, die die professionellen Seelsorger uns mitgegeben haben. Jede Woche hatte ich erneut die Chance, sie in der Praxis anwenden und ausprobieren zu können.

Der Krankenseelsorge-Kurs als einmalige Erfahrung

Rückblickend war der Krankenseelsorge-Kurs eine tolle Erfahrung, die ich machen durfte. Jedes Mal wieder hat mich vor allem das große Vertrauen der Patienten begeistert, welches sie mir – einer vollkommen fremden Person – geschenkt haben. Die Gespräche selber waren erschütternd, traurig, überwältigend und wunderbar. Mit fremden Menschen über derartige tiefgründige Themen zu sprechen, ist wirklich beeindruckend. Ganz allein wäre es mir allerdings nicht möglich gewesen, die vielen neuen Eindrücke zu verarbeiten und mein Verhalten als Seelsorgende zu reflektieren. Dazu hat mir das begleitende Seminar unter professioneller Anleitung an der Universität sehr geholfen.