Journalismus und Objektivität – Über ein Ideal, das Ärger macht

Journalismus und Objektivität – Über ein Ideal, das Ärger macht

Geschrieben am 20.03.2019
von Clara Voigt

Nach dem Ideal des objektiven Journalismus gilt es, über die Wahrheit faktenbasiert und ohne Voreingenommenheit zu berichten. Das klingt geradezu nach dem Kern des journalistischen Ethos. Aber inwieweit können wir tatsächlich Objektivität vom Journalismus erwarten?



© Pixabay

Was genau bedeutet eigentlich „Objektivität“? Üblicherweise meinen wir damit eine neutrale Sicht auf Angelegenheiten, also Informationen dazu, wie die Dinge nun einmal sind. Ohne Meinung oder Wertung, eben ohne subjektive Eindrücke. Wir nehmen also an, dass das, was als objektiv gilt, die Sache in ihrer eindeutigen Wahrheit darstellt. Aber was, wenn unterschiedliche Positionen Widersprüchliches als wahr behaupten? Dann liegen die einen einfach falsch, oder? Vorsicht. Denn mit welchen Kriterien können wir wirklich beurteilen, welche Geschichte richtig und welche falsch ist? Könnte nicht in beiden Wahrheit stecken?

Das eröffnet die Frage danach, was wir unter Wahrheit verstehen. Erwarten wir eine absolute Wahrheit oder lassen wir die Möglichkeit zu, dass etwas Wahrheit enthalten kann, obwohl es im Gegensatz zu einer anderen akzeptierten Wahrheit steht? Wenn wir Journalismus konsumieren, erwarten wir dann, mit allen Informationen ausgestattet zu werden, die relevant für das Verständnis der Situation sind? Können wir von einem einzelnen Menschen, oder selbst einer bestimmten Gruppe, wirklich erwarten, den notwendigen Zugang zu allen Faktoren zu haben, die eine Situation ausmachen?

Ein interessantes Beispiel für die Komplexität von Geschehnissen ist die Geschichtsschreibung unterschiedlicher Nationen. Es lässt sich feststellen, dass diese zuweilen voneinander abweichen und sogar Gegenteiliges zu den gleichen Ereignissen festgehalten wurde. Das geht so weit, dass sich konkrete Fakten widersprechen. Das Phänomen der „alternativen Fakten“ gab es also schon lange vor Donald Trump.

Journalismus wird von bestimmten Menschen gemacht, von anderen aufgenommen und wer wie was wo publizieren darf oder zu lesen/hören bekommt, hängt nochmal von anderen Menschen und Institutionen ab. Damit gibt es eine Menge Faktoren, die dazu führen, dass bestimmte Wahrheiten als objektiv gelten und andere unter den Tisch fallen. So stellt sich die Frage, ob wir wirklich an dem Ideal der neutralen Fakten, an jenem der Objektivität festhalten sollten. Denn vielleicht ist das einfach nicht zu erreichen – die umfassende Wahrheit eindeutig zu begreifen.

Mit einer Verschiebung des Fokus von der Erfassung des ganzen Bilds zu konkreten Einzelheiten lässt sich meiner Meinung nach auf jeden Fall deutlich mehr anfangen. Wenn der Anspruch an den Journalismus nicht objektive Wahrheit, also die umfassende Erklärung der Situation ist, dann muss die eine Perspektive eine andere nicht ausschließen. Wenn die Betonung auf einer konkreten Perspektive auf ein Ereignis liegt, dann wird dieses aus einer bestimmten Perspektive erklärt, die zugleich andere Erklärungen als möglich zulässt.

Die Form des Journalismus, die mich also am meisten beeindruckt, ist die, bei der die Menschen, um die es geht, selbst sprechen dürfen. Texte, in denen der Autor/die Autorin als eine konkrete Person in ihrer individuellen Situation und mit ihrer je eigenen Perspektive erkennbar ist. Damit ist auf der einen Seite transparent, inwiefern sie/er persönlich in dem Text involviert ist, es wird so aber auch mehr Raum für die Geschichte selbst und die darin auftretenden Protagonisten gelassen. Wenn ich als Autorin weiß, dass meine Sicht auf eine Angelegenheit durch meine eigene Situation bestimmt ist, ich meine Subjektivität also nicht aus meiner Interpretation der Welt ausschließen kann, dann fällt es mir leichter, jemand anderem den Platz in meinem Weltbild einzuräumen, seine/ihre Geschichte zu erzählen. Wenn ich mir der Begrenztheit meines Wissens von der Welt bewusst bin, dann trete ich mit einer anderen Haltung denen gegenüber, deren Weltsicht von meiner abweicht.

Damit ist der vielleicht erste Moment, der darüber entscheidet, ob hier eine objektive Wahrheit postuliert wird, die Haltung und Sprache der Verfasserin/des Verfassers. Hier ist allerdings auch die Frage berechtigt, wie viel Verantwortung tatsächlich bei dem Journalisten/der Journalistin liegt, über diese Begrenztheit seines/ihres Wissens aufzuklären und wie viel bei den Konsument/innen liegt, den Text als die Perspektive eines Menschen mit einer bestimmten Herangehensweise an die Situation zu erkennen.

Schließlich wirken aber noch ganz andere Kräfte darauf, ob wir etwas als die einzige Wahrheit annehmen oder ob wir es doch mal hinterfragen, nämlich einfach, welchen Informationen wir ausgesetzt sind. Sei es durch unsere Mitmenschen, Radio, öffentlich-rechtliche Fernsehsender oder den Feed unseres Social Media-Accounts. Und in dieser Hinsicht spielen Qualität und Präzision des Inhalts nicht mehr so eine große Rolle, sondern vielmehr, mit welcher Ausschließlichkeit oder Vielfalt Informationen auf uns einströmen.

Wenn wir einer Perspektive für objektiv wahr halten, dann ist die Konsequenz, dass wir alle anderen nicht anerkennen. Mit dem Anspruch der objektiven Berichterstattung von Fakten an den Journalismus entsteht die Überzeugung, mit seinen Informationen wahr und falsch eindeutig zu erkennen. Wie oben gezeigt, bezweifle ich die Eindeutigkeit von Fakten in vielen Kontexten. Als Menschen sind wir doch so sehr in einer konkreten Situation in der Welt verankert, dass wir immer nur aus unserer Perspektive schauen können. Und die ist weder unbegrenzt noch allwissend. Ebensowenig sind es die Ressourcen, auf die ich zurückgreife, um meine Informationen zu bekommen. Alles ist doch in bestimmter Weise gefärbt, kommt aus einem bestimmten Kontext. Die Idee objektiver und unbedingter Wahrheit lädt dazu ein, mit Gewissheit über Angelegenheiten zu sprechen, von denen uns stets nur ein ganz bestimmt geformter Eindruck zugänglich ist.

Journalismus, der grundlegend Einfluss auf unser Weltbild hat, spielt eine wichtige Rolle in diesem Bezug. Wie oben angesprochen, lassen uns unterschiedliche Faktoren glauben, dass das Publizierte die objektive Wahrheit darstellt. Zum einen passiert das durch Sprache und Stil des Textes sowie durch das Format, durch das wir die Informationen vermittelt bekommen. Vor allem aber werden wir nur bestimmten Erklärungen über die Welt ausgesetzt durch die Auswahl, die von anderen Akteuren darüber getroffen wird, welche Auffassungen publiziert werden. Agenda Setting nennt man das.

Und durch die Verbreitung einer bestimmten Perspektive auf eine Situation und Interpretation der Fakten erliegen wir der Illusion, dass diese die eindeutige Wahrheit darstellt. Das geht über die journalistische Arbeit selbst weit hinaus, ist aber von grundlegender Bedeutung, wenn wir uns fragen, welche Erklärungen als objektiv gelten und welche Perspektiven wir nicht anerkennen. Denn damit etwas überhaupt erst Einzug in unser Verständnis über die Welt haben kann, muss jemand es veröffentlichen. Einfluss und eine gewisse Form der Macht sind erstmal notwendig, um die eigene Perspektive sichtbar machen zu können. Nur wer in der Öffentlichkeit gehört wird, hat die Möglichkeit, seine Auffassung der Realität als objektive Wahrheit darzustellen. Insofern bei unserem Verständnis von „Objektivität“ die Idee der neutralen, eindeutigen Wahrheit mitschwingt, disqualifizieren wir jedwede Perspektive, die eben nicht die nötige öffentliche Aufmerksamkeit und Geltung zugesprochen bekommt. Und plötzlich geht es nicht mehr um die tatsächliche Qualität des Inhalts, sondern um das Ansehen und Einflussvermögen derjenigen, die hinter dem Text stehen.

Ich glaube, das sind Aspekte, die wir im Kopf behalten sollten, wenn wir das Ideal objektiver Informationen hochhalten: Jeglicher publizierter Inhalt landet nur vor unseren Augen aufgrund bestimmter, einflussreicher Menschen, die ihn jeweils für bedeutend halten. Alles andere findet seinen Weg erst gar nicht zu uns.