Y-Kollektiv: Karneval, Dreads und viele Anglizismen

Y-Kollektiv: Karneval, Dreads und viele Anglizismen

Geschrieben am 23.03.2019
von Alexandre Kintzinger

Im Youtube-Jugendkanal „Y-Kollektiv“ des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks geht es in einem Videobeitrag um „kulturelle Aneignung“. Sind „Blackfacing“ am Karneval und Dreadlocks bei Weißen erlaubt? Viele Kommentatoren kritisieren den Beitrag scharf, nicht aber weil sie Rassismus verteidigen wollen, sondern wegen der klischeehaften Vorgehensweise der Reporterin. Eine Kommentierung und Einordnung von Alexandre Kintzinger.

 



© Concha Mayo on Unsplash

„Kulturelle Aneignung – Wo fängt Diskriminierung an?“ ist der Titel der Reportage. Reporterin Dilan Gropengiesser geht unter anderem den Fragen nach ob „weiße“ Menschen darauf verzichten sollen Dreadlocks zu tragen und ob es heutzutage noch angemessen ist sich für Fasching das Gesicht schwarz an zu malen. Gerade letzteres sei etwas, das definitiv im Jahr 2019 niemand mehr tun sollte.

Komplexe Thematik – diskutiert in heiter fröhlicher Karnevals-Atmosphäre

Erste Station der Reportage ist der Heumarkt in Köln am Gründonnerstag. Nach Meinung von Reporterin Dilan wohl der geeignete Ort, um über „komplexe“ Themen wie Rassismus und Diskriminierung zu reden. Zunächst kommt sie ins Gespräch mit einem Mann, der als „bayerischer Seppl“ verkleidet ist, das Gesicht jedoch auffallende schwarz gefärbt hat.

Als die Reporterin nach seiner Motivation für dieses Kostüm fragt, antwortet er, dies solle einen Sonnenbrand darstellen. Auf die Frage, ob er es in Kauf nehmen würde, dass sich Menschen durch sein Kostüm beleidigt fühlen, erwidert er, dass er dies natürlich nicht hoffe und die Menschen, die sich mit ihm identifizieren können, sich dadurch eingeladen fühlen sollten Karneval mitzufeiern. Natürlich wirft der Mann hier ein Vorurteil auf, so als würden Menschen mit dunkelhäutiger Hautfarbe keinen Karneval in Deutschland feiern, was schlichtweg falsch ist. Der schwarz gefärbte Seppl war in der Reportage übrigens der einzige, den wir zu sehen bekamen, der das sogenannte „Blackfacing“ verwendete.

Eine weitere Diskussion über Blackfacing führte sie mit einer Gruppe von „Jägermeistern“. Auf die Frage, ob diese sich ihre Gesichter für Karneval auch mal schwarz anmalen würden, antwortete ein junger Mann, dass dies für ihn kein Problem sei, da man nicht immer auf die Vergangenheit blicken soll und es halt zu Karneval dazu gehöre. Die Geschichtskunde der Y-Kollektiv-Reporterin über das Blackfacing als Karnevals-Tradition in den früheren deutschen Kolonien in Afrika ging bei den Angetrunkenen jedoch unter.

Welche Sinnhaftigkeit die Erwähnung von „Traditionen“ hat, die schon mehr als 100 Jahre zurückliegen, ergibt sich nicht ganz, vor allem wenn den meisten Menschen, egal ob Deutsche oder Ausländer, diese Traditionen nicht mal bekannt sind respektiv einen persönlichen oder historisch-kulturellen Bezug dazu haben. Hier wollte man wohl aus dramaturgischen Gründen die rassistische Tradition der „Minstrel Show“ auf Deutschland übertragen. Bei dieser Tradition aus den USA verkleiden sich weiße Menschen als Jim Crow, einem rassistischen Stereotyp des dummen, aber glücklichen Sklaven. Dieser Brauch hatte noch bis in die 1960er Jahre hinein Bestand, vor allen im Süden der USA.

Als nächstes wurde eine als „Indianerin“ verkleidete Frau interviewt. Sie wurde gefragt, ob es rassistisch und diskriminierend sei, sich als amerikanische Ureinwohnerin, pardon als „Native American“, Anglizismen sind so ein Ding der Reporterin, zu verkleiden. Die meisten Menschen recherchieren wohl kaum nach traditioneller Kleidung von amerikanischen Ureinwohnern, um daraus ein Kostüm zu gestalten, sondern kaufen eines, das eher auf Klischees aus Hollywood-Western beruht. Abgesehen davon findet sich hier in Europa wohl nur eine verschwindend kleine Zahl von Menschen, die Anstoß an einer Indianerverkleidung nehmen.

Die Frau im besagten Indianerkostüm kritisierte ihrerseits die zu weitgehende politische Korrektheit, bekräftigte jedoch keine rassistischen Motive zu haben, da sie selbst zum Teil nichtdeutscher Herkunft ist. Dass einen der Fakt, mixed-raced zu sein, davor bewahren würde, rassistisch zu sein, verneint Reporterin Dilan. Darüber kann man sicherlich diskutieren, mit den Anglizismen sollte die Y-Kollektiv Reporterin jedoch vorsichtiger sein. Denn der Ausdruck „mixed-race“ hat im angelsächsischen Sprachraum eine andere Bedeutung als in Kontinentaleuropa. Vor allem in den USA ist der Ausdruck „Race“ eine neutrale Bezeichnung, um Menschen bezüglich ihrer ethnischen Herkunft zu kategorisieren. In Deutschland ist der Begriff Rasse wegen der Zeit des Nazi-Regimes dagegen sehr negativ behaftet.

Das Verkleiden an sich sei nicht direkt etwas schlimmes, sagt die Reporterin, „es sei ja auch eine deutsche Tradition“, sie sagt jedoch auch: „dummerweise genauso wie Rassismus“. Diese Aussage erschien vielen in den Kommentarspalten unter dem Beitrag als sehr kurz gegriffen, denn leider ist Rassismus schon ein globales kulturelles Phänomen, das von Europa bis nach Indien und Neuguinea reicht.

Als nächstes lernt man Noel kennen, der einige Aufmerksamkeit letztes Jahr beim Karneval erregte, als er sich als Nazi verkleidete. Dieses Jahr ist er jedoch weniger kontrovers verkleidet als Crackjunkie Tyrone Biggums, Kunstfigur von Dave Chappelle. Der Coup daran ist, dass Noel dunkelhäutig ist, was natürlich die Nazi-Verkleidung noch provokanter erscheinen ließ. Teilweise im Witz sagt Noel, dass dies für ihn auch eine Form von kultureller Aneignung gewesen ist. Sonst erzählte Noel noch über seine Erfahrungen, die er mit Menschen aus seinem näheren Umfeld machte, wie beispielweise im Karnevalsverein und mit Vorurteilen wegen seines Aussehens. Dieser Teil der Reportage ist bei weitem der einzige, der das Thema Rassismus im Ansatz sachlich diskutiert, jedoch sehr kurz.

Dreadlocks – Können Haare wirklich diskriminierend sein?

Weiter geht es in der Reportage in Berlin, wo die Reporterin Dilan sich mit Bine, der Gründerin von Dreadfactory, einem Netzwerk von Dreadstylisten, trifft. Bine trägt ihre Dreadlocks schon seit sie 14 ist. Sie erzählt, ihr Interesse an dieser Frisur kam durch ihre Faszination für Subkulturen und davon, dass sie schon seit ihrer Schulzeit immer eine rebellische Natur war. Y-Kollektiv Reporterin Dilan meint dazu, sie sei „opportunistisch unterwegs“ gewesen. Ohne jetzt den „Duden-Nazi“ heraushängen zu lassen, aber das Adjektiv „opportunistisch“ hat sehr wenig mit nonkonformem Verhalten zu tun, dies aber nur am Rande.

Zurück zu Bine, die sich von Reporterin Dilan eine Lektion über die Geschichte der Herkunft des Wortes „Dreadlocks“ anhören muss. Diese hat erst durch kürzlich erworbenes Wissen erfahren, dass dieser Ausdruck von weißen Sklavenhändlern stammt. Dreadlocks jetzt wiederum nur in Verbindung mit dem atlantischen Sklavenhandel zu setzen, greift aber viel zu kurz.

Denn seine Haare gekraust zu tragen wurde erstens auch in südamerikanischen Kulturen oder in Indien praktiziert und zweitens wollten beispielsweise die Anhänger der Rastafari-Religion im karibischen Raum sich durch Dreadlocks gegenüber der weißen englischen Obersicht abgrenzen. Dreadlocks gelten also einerseits als Ausdruck einer spirituellen religiösen Lebensweise bzw. als Ausdruck einer alternativen Lebensweise.

Reggae und Dancehall haben als teils populäre Musikrichtungen natürlich Anteil an der globalen Verbreitung des Dreadlocksstyle und Menschen, die sich dafür entschieden Locks zu tragen, haben generell eine eher tolerante offene Sicht auf die Gesellschaft. Niemand würde nur auf die Idee kommen, beispielweise Jacob Hemphill, dem Sänger der amerikanischen Reggae-Band SOJA, kulturelle Aneignung vorzuwerfen. Es handelt sich vielmehr um kulturellen Austausch respektiv dem Wusch an einer Kultur, die einen fasziniert, teilzunehmen.

Kann man Kultur wirklich „besitzen“?

Wenn beispielweise eine Deutsche sich entscheidet, zum Islam zu konvertieren und sich dann dazu noch entscheidet, eine Burka zu tragen, würde man in diesem Fall dann den Vorwurf kultureller Aneignung erheben? Wohl kaum. Der Begriff „kulturelle Aneignung“ ist an sich schon sehr problematisch, denn er kann so verstanden werden, als hätte eine Gruppe von Menschen einer anderen etwas weggenommen, was keineswegs der Fall ist.

Zu guter Letzt lernt man noch Dwayne kennen. Er ist der Meinung, dass weiße Menschen zwar durchaus das Recht haben, Reggae oder Hip-Hop zu machen und Dreadlocks zu tragen, wenn man sich jedoch ein kulturelles Symbol aneignet, dann hat man eine „Verantwortung der Fürsorge gegenüber dieser Kultur“. Zudem meint er, man sollte dann, wenn man wie beispielweise im Fall von Bine Geld erwirtschaftet, mit dieser Kultur auch etwas an diese zurückgeben.

Auch er verfällt dem falschen Denkmuster, als hätte jemand einer anderen Kultur etwas weggenommen und somit eine Schuld auf sich geladen. Solange man respektvoll mit einer Kultur umgeht, muss sich auch niemand wegen etwas schuldig fühlen. Nach Reporterin Dilan schützt Unwissenheit nicht davor, dass wir Menschen diskriminieren. Das mag größtenteils stimmen, jedoch muss die Diskriminierungsdebatte dann aber auch differenzierter betrachtet werden. Hinter jeder Unwissenheit oder vermeintlicher Unsensibilität weißer Menschen Rassismus zu vermuten, ist der falsche Weg. Wenn wir in einer wirklich toleranten Gesellschaft leben wollen, dann muss man manchmal auch etwas aushalten und nicht direkt alles auf die Goldwaage legen.

Fazit

„Kulturelle Aneignung“ ist ein gescheitertes Konzept der Soziologie, das keinen wirklichen Nutzen für das Verständnis von Diskriminierung und Rassismus hat und das wichtige Anliegen des Antirassismus ins Absurde führt. Y-Kollektiv, das durch Gebühren finanzierte Jugend-Onlineangebot der Öffentlich-Rechtlichen, dessen Reportagen sogar schon mit Medienpreisen ausgezeichnet wurden, hat bei dieser Reportage weit übers Ziel hinausgeschossen und dem, was man unter guten Journalismus versteht, einen gewaltigen Bärendienst geleistet.