Geflüchtet: Nach einer wahren Geschichte

Geflüchtet: Nach einer wahren Geschichte

Geschrieben am 29.03.2019
von Hanna Keppler

Sie ist eine von vielen tausend Geflüchteten, die ihre Heimat vor über drei Jahren aufgrund von Krieg, Diskriminierung oder politischer Verfolgung verlassen mussten. Jeder Geflüchtete hat seine ganz persönliche Fluchtgeschichte. Das  Portrait von Leyla ist an wahre Begebenheiten angelehnt und steht stellvertretend für viele tausend weitere Fluchterfahrungen.



Leyla © Pixabay

Leyla ist 27 Jahre alt. In ihrem Heimatland Syrien hat sie ein Lehramtsstudium abgeschlossen. Sie war mit Omar verheiratet. Die beiden lebten glücklich mit ihrer kleinen Tochter Noor in einem Haus, zusammen mit Omars Familie. 2011 entbrannte der Bürgerkrieg und spitzte sich immer mehr zu. Oppositionsgruppen kämpfen noch immer gegen die Regierung Assads und der IS versetzt mit seinem brutalen Vorgehen das ganze Land in Angst und Schrecken.

Natürlich hoffte und betete jeder für Frieden, aber die Kämpfe wollten kein Ende nehmen. Eines Tages kam Omar nach der Arbeit nicht nach Hause. Er war bei einem Luftangriff ums Leben gekommen. Leyla blieb nun allein bei Omars Familie zurück. Trotz ihrer unendlich großen Trauer wusste Leyla, dass sie nicht aufgeben durfte. Sie hatte eine kleine Tochter und für die musste sie stark sein.

Es gab immer häufiger Stromausfälle und die Preise für Lebensmittel, Kleider und andere notwendige Güter schossen in die Höhe. Dazu wurde es immer gefährlicher. Der IS rückte auch näher an die Stadt, in der Leyla wohnte. Immer mehr Menschen flohen in Richtung Europa.

Krieg in Syrien © Pixabay

Flucht

Im August 2015 beschloss Omars Bruder, dass es am besten sei, wenn Leyla und ihre Tochter mit der Familie nach Deutschland kämen. Er hatte bereits einen Schlepper ausfindig gemacht. Leylas Schwiegervater und ihr Schwager hatten beide als Ärzte gearbeitet. Sie waren somit wohlhabend genug, um sich die Flucht leisten zu können. Die Nachbarsfamilie hatte nur ihren ältesten Sohn nach Europa schicken können, für den Rest der hatte das Geld nicht gereicht.

Gemeinsam mit etwa 20 anderen Menschen brachte sie der Schlepper an die türkische Grenze. In der Türkei suchten sie sich ein Hotel, in dem sie die Zeit bis zur Weiterreise verbrachten.

In der Nacht machten sie sich auf zur Überfahrt nach Griechenland. Das Boot war schon völlig überfüllt und Leyla ließ einen Teil ihres Gepäcks zurück, da sie ohnehin nicht mehr genug Platz dafür auf dem Boot hatte. Sie drückte ihre Tochter eng an sich und betete zu Allah, dass er sie beschützen möge.

Vor ihnen lag nun ein langer Fußmarsch. Sie ernährten sich einen Tag lang nur von Bananen und Keksen, da sie sonst nichts anderes dabei hatten. Es zerbrach Leyla beinahe das Herz, als die kleine Noor sie fragte, warum sie heute noch nichts gekocht hatte. Wie gerne hätte sie den Hunger des Mädchens, aber auch ihren eigenen gestillt.

In Deutschland

Schließlich ging es über mehrere Etappen mit dem Zug weiter über den Balkan in Richtung Deutschland. Nach zwölf Tagen erreichte Leyla München. Die Gruppe, der sie und Omars Familie sich angeschlossen hatten, war im Zug kontrolliert worden. Natürlich hatte niemand einen Pass bei sich, den er hätte vorweisen können. Glücklicherweise hatte Leyla Englisch in der Schule und im Studium gelernt. Der Schaffner erklärte ihr, dass sie bei der nächsten Gelegenheit aussteigen müssten. Am Bahnhof in München wurden sie von Helfern des roten Kreuzes empfangen und bekamen etwas zu essen.

Von München wurden Leyla und ihre Gruppe weiter in die Landeserstaufnahmestelle nach Karlsruhe geschickt. Hier musste sie mit ihrer Tochter auf engstem Raum mit anderen wohnen, die das Gleiche durchgemacht hatten, wie sie. Das Essen im „Camp“, wie sie die Unterkunft nannten, schmeckte ihr nicht. Es war so anders als in Syrien. Nachts konnte sie kaum schlafen. Auch die Kleine war schwer zu beruhigen. Einige junge Männer im Zimmer nebenan hörten bis spät in die Nacht laut Musik oder brüllten herum. Die Nerven lagen bei jedem blank.

Nachdem sie alle untersucht worden waren, erhielten Leyla und Omars Familie die Nachricht, dass sie in eine Kleinstadt unweit von Karlsruhe verlegt werden sollten. Die Familie hatte Glück, sie bekamen eine eigene Wohnung und Leiya durfte nach wenigen Wochen einen Sprachkurs beginnen.

Heute

Nach eineinhalb Jahren konnte Leyla den Sprachkurs mit dem Niveau C1 abschließen. Sie bewarb sich für ein Studium an einer nahegelegenen Hochschule und erhielt eine Zusage. Kurz darauf stellte sich jedoch heraus, dass sie als Studentin keine Anspruch mehr auf Arbeitslosengeld-II-Leistungen hat. Da ihr Studienabschluss aus Syrien noch geprüft wird, kann sie kein BAföG beantragen. Wie soll sie nun für sich und ihre Tochter sorgen? Es bleibt nur die Möglichkeit, das Studium wieder abzubrechen und auf die Anerkennung des syrischen Studienabschlusses zu warten.

Leyla ist wütend und traurig. Sie ist so stolz auf den Studienplatz gewesen. Sie wollte etwas erreichen in Deutschland. Für ihre Tochter und für Omar. Es wird ihr wohl nichts anderes übrig bleiben als zu warten. Sie hat es satt. Warten musste sie schon so oft in Deutschland. Bei der Ausländerbehörde, beim Jobcenter oder auf den Bescheid vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Aber Leyla weiß auch, dass Deutschland ihre einzige Chance ist. Hier kann sie in Frieden leben und es gibt Gesetze, die sie schützen.