Erik (31): Ich kandidiere für das Europäische Parlament

Erik (31): Ich kandidiere für das Europäische Parlament

Geschrieben am 08.04.2019
von Inga von der Stein

Während die junge Generation für das Klima protestiert, liegt das Durchschnittsalter der Abgeordneten im Europäischen Parlament bei 51 Jahren. Kein Wunder, dass sich vor allem Jüngere nicht repräsentiert fühlen. Doch für die kommende Europawahl im Mai haben die deutschen Parteien auch einige jüngere Kandidaten am Start, Erik Marquardt ist einer davon. Was treibt ihn an, was bedeutet Europa für ihn?



© Erik Marquardt

Mit den Europawahlen am 26. Mai gibt es auch die Chance, dass frischer Wind in das Europäische Parlament in Brüssel kommt. Die junge Generation von Abgeordneten – das könnten sie werden: Tilman Kuban (31) von der CDU, Delara Burkhardt (27) von der SPD, Svenja Ilona Hahn (29) von der FDP und Erik Marquardt (31) von Bündnis 90/ Die Grünen. Wir hatten die Gelegenheit, Erik einige Fragen zu stellen. Aufgewachsen in Berlin hat er früh mit Politik angefangen und war Bundessprecher und politischer Geschäftsführer der Jungen Grünen. Er interessiert sich vor allem für das Thema Migration – als Fotojournalist ist er zu den Fluchtrouten und nach Afghanistan gereist. Mit Listenplatz 8 bei den Grünen hat er sehr gute Chancen in das Europäische Parlament einzuziehen. Zeit um mehr über eines der neuen Gesichter zu erfahren.

Warum hast du dich entschlossen, für das Europäische Parlament zu kandidieren? Was ist deine Motivation, so jung schon politisch zu sein?
Ich engagiere mich schon länger in verschiedenen politischen Zusammenhängen, aber bisher habe ich das immer ehrenamtlich gemacht. Mit der Listenaufstellung für die Europawahl bei uns Grünen stand für mich deswegen auch eine Richtungsentscheidung an: Werde ich weiter ehrenamtlich neben meiner Arbeit als Fotograf und Fotojournalist Politik machen, oder bekomme ich die Chance, hauptberuflich an politischen Themen zu arbeiten. Diese Chance erhalten nicht viele Menschen und ich bin sehr froh, dass ich gute Aussichten habe, zukünftig im Europäischen Parlament für globale Gerechtigkeit und eine menschenwürdige Asyl- und Migrationspolitik zu streiten.

Hast du das Gefühl, dass der jungen Generation das Interesse an der Politik fehlt?
Gerade die Fridays-for-future-Proteste zeigen, dass die Jugend nicht politikverdrossen, sondern eher die Politik jugendverdrossen ist. Seit Jahren stellt man in Studien fest, dass sich immer mehr junge Menschen für Politik interessieren, aber wir müssen in Parteien und Parlamenten mehr dafür tun, dass junge Leute an politischen Entscheidungen beteiligt und gehört werden. Das ist das beste Mittel gegen den rechten Populismus.

Was möchtest du umsetzen, solltest du in das Europäische Parlament einziehen? Hast du ein Herzensprojekt?
Mich treibt momentan vor allem um, dass viele der Verantwortlichen in der Europäischen Union diejenigen Werte mit Füßen treten, die der EU einst den Friedensnobelpreis beschert haben. Das sieht man besonders bei der Flucht- und Migrationspolitik. Ich will nicht in einer Europäischen Union leben, die sich stärker gegen die Rettungsmissionen im Mittelmeer engagiert als gegen das tausendfache Sterben. Ein demokratisches Europa darf keine Festung mit tausenden Toten an den Außengrenzen sein. Deswegen werde ich mich zum Beispiel für eine europäische Seenotrettungsmission und die Unterstützung der zivilen Seenotrettung einsetzen.

Hast du Angst gerade von älteren Kollegen nicht ernst genommen zu werden?
Nein. Ich werde hart arbeiten, fleißig sein und habe viel Erfahrung als Fotojournalist in Krisengebieten sammelt. Falls jemand glaubt, dass man erst kurz vor der Rente ernsthaft Politik machen kann, kann ich ihn leider nicht ernst nehmen.

Was ist die größte Herausforderung für Europa? Für die junge Generation?
Wenn wir es nicht schaffen, die Gesellschaften in den europäischen Staaten für politische Entscheidungsprozesse zu begeistern und aufzuzeigen, dass komplexe Probleme auch manchmal komplexe Antworten benötigen, habe ich große Angst. Wenn die Menschen den einfachen, aber falschen Antworten der Rechtspopulisten Glauben schenken, wird die Politikverdrossenheit zunehmen und wir werden immer stärker polarisierte Gesellschaften beobachten. Damit das nicht passiert, brauchen die anderen Parteien eine modernere, positivere und ehrlichere Kommunikation.

Worauf freust du dich besonders, falls Brüssel dein neuer Arbeitsort wird?
Darauf, dass ich dann endlich Vollzeit mit der Arbeit starten kann.

Warum sollten gerade junge Menschen wählen gehen?
Alle sollten wählen gehen, weil das Europäische Parlament immer mehr Einfluss hat. Es droht nicht nur ein Rechtsruck im Parlament, uns läuft auch die Zeit davon. Bei der Klimakrise wird in den nächsten fünf Jahren entschieden, ob wir bereit sind, die Zerstörung riesiger Gebiete auf diesem Planeten zu verhindern. Vielen Menschen scheint nicht bewusst zu sein, dass wir kurz davor stehen, dass Kipppunkte erreicht werden, ab denen diese Zerstörung unumkehrbar stattfinden wird.

Was bedeutet Europa dir?
Ich habe das Gefühl, dass wir uns alle gemeinsam nochmal klar machen müssen, dass dieser Kontinent im letzten Jahrhundert zwei Weltkriege erleben musste. Besonders als Deutsche, die an diesen Kriegen die Schuld tragen, sollten wir uns immer wieder klar machen, welches Leid Krieg erzeugt und welche Verantwortung für den Frieden daraus erwächst. Als Kontinent haben wir eine Verantwortung für dieses Friedensprojekt, aber auch dafür, in einer globalisierten Welt gemeinsam an Lösungen für die großen Herausforderungen zu arbeiten. Niemand glaubt ernsthaft, dass Nationalstaaten Klima, Migration oder die Wirtschaftsordnung relevant beeinflussen können. Deswegen müssen wir Europäische Zusammenarbeit radikal stärken, weil nur das realistisch eine Lösung ist.

Was ist deine Version für Europa? Glaubst du an die „Vereinigten Staaten von Europa“ oder eher an ein nationales Staatenbündnis?
Ich denke nicht, dass man eine Vision von Europa mit einer Überschrift beschreiben kann. Aber wir als Grüne setzen uns langfristig für eine föderale europäische Republik ein, die nicht zentralistisch alle Entscheidungen in Brüssel trifft: Wir wollen ein Europa, in dem die Menschen in ihren Städten und Kommunen mehr mitbestimmen können und die Zusammenarbeit zwischen den Staaten trotzdem intensiviert wird.

Anmerkung von der Autorin: Nicht vergessen, am 26. Mai wählen zu gehen, mehr Info wie ihr euch einbringen könnt, findet ihr hier: https://www.diesmalwaehleich.eu/