Gleichberechtigung: Darum brauchen wir eine (Care-)Revolution

Gleichberechtigung: Darum brauchen wir eine (Care-)Revolution

Geschrieben am 09.04.2019
von Lioba Martin

Wir haben schon manches erreicht, aber wenn es um die Verteilung entlohnter und unentlohnter Arbeit zwischen Männern und Frauen in Deutschland geht, kann von echter Gleichberechtigung keine Rede sein. Warum Geschlechterungleichheit systemimmanent ist, vor allem Care- bzw. Sorgearbeit uns alle angeht und wir deshalb eine (Care-)Revolution brauchen.



© Vonecia Carswell via Unsplash

Wir haben schon manches erreicht, aber wenn es um die Verteilung entlohnter und unentlohnter Arbeit zwischen Männern und Frauen in Deutschland geht, kann von echter Gleichberechtigung keine Rede sein.  Warum Geschlechterungleichheit systemimmanent ist, vor allem Care- bzw. Sorgearbeit uns alle angeht und wir deshalb eine (Care-)Revolution brauchen.
Kapitalistischer Verwertungsmaßstab schafft ungleiche Chancen und Verhältnisse
In einem kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem werden Menschen nach einem ökonomischen Verwertungsmaßstab sortiert. Es wird also danach gefragt, wie nützlich ein Mensch für die Kapitalproduktion ist. Aufgrund historisch-kultureller Entwicklungen wird der Bereich der bezahlten Lohnarbeit meist Männern und die unbezahlte Reproduktionsarbeit meist Frauen zugewiesen. Dies hat vor allem damit zu tun, dass Frauen, wie aber auch anderen marginalisierten Gruppen, ein geringerer wirtschaftlicher Wert in diesem System zugeschrieben wird. Der Grund dafür ist, dass ein Generalurteil über Frauen gefällt wird, weil sie aufgrund ihrer Gebärfähigkeit nicht ganz so flexibel und ständig verfügbar seien wie Männer. Diese Eigenschaften sind in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem jedoch gefordert. Dies verschafft Frauen einen Konkurrenznachteil, da sie in der Regel nun mal diejenigen sind, die Kinder gebären und dann auch meist die zeitintensive Kindererziehung übernehmen. Werden Frauen dennoch eingestellt, dann oft für einen geringeren Lohn. Der Teufelskreis schließt sich, wenn Frauen in einer heterosexuellen Paarbeziehung Kinder bekommen und die Personen sind, die im Paarhaushalt weniger verdienen, da es sich dann für die Familie insgesamt mehr lohnt, wenn die geringer verdienende Person zuhause bleibt oder in Teilzeit arbeitet, um die Kinderbetreuung und den Haushalt zu bewerkstelligen. Hinzu kommt, dass viele Männer in Berufen tätig sind, die beispielsweise gar keine Teilzeit zulassen, sodass dann meist die Frau berufliche Einschränkungen für die Familie in Kauf nimmt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von 2015 beträgt der durchschnittliche Umfang der entlohnten und unentlohnten Arbeitszeit pro Woche in einem Haushalt alleinlebender Paare ohne Kinder bei Männern 30 Stunden Lohn- und 18 Stunden Reproduktionsarbeit und bei Frauen 24 Stunden Lohn- und 25 Stunden Reproduktionsarbeit. Dies zeigt, dass selbst in einer Paarbeziehung ohne Kinder Frauen also immer noch mehr unbezahlte Arbeit im Haushalt übernehmen als Männer, die wiederum mehr entlohnte Arbeit verrichten. In einer Paarbeziehung mit Kindern verstärkt sich diese Rollenverteilung noch einmal. Männer verrichten dort im Schnitt 37,5 Stunden entlohnte und 22 Stunden unentlohnte Arbeit, während Frauen nur noch 17,5 Stunden entlohnte, dafür aber 40 Stunden unentlohnte Arbeit schultern. Dies zeigt, dass eine einfache Umverteilung der Lohn- und Reproduktionsarbeit zwischen Männern und Frauen nicht funktioniert, da die meisten Männer viel entlohnte Arbeit entrichten und somit weniger Kapazitäten für Haushalt, Kindererziehung oder Angehörigenpflege übrig haben. Die Wirtschaft benötigt jedoch die Reproduktionsarbeit, um weiterhin zu funktionieren. Dies erkennt auch der Staat, weshalb Familien- und Gleichstellungspolitik in seinem Interesse ist.
Familien- und Gleichstellungspolitik als Wirtschaftspolitik
Es ist kein Zufall, dass das traditionelle Ernährermodell, in dem der Mann den Familienlohn allein verdient, zunehmend durch ein neoliberales Konzept abgelöst wird, das nun Männer und Frauen in der Erwerbsarbeit braucht. Abgesehen davon, dass die Lebenshaltungskosten stetig steigen, während die Löhne nur langsam nachziehen und es deshalb für viele Paare gar nicht mehr möglich ist, mit nur einem Gehalt die Existenz zu sichern, wäre das alte System auch nicht länger wirtschaftlich rentabel gewesen. Die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt lohnt sich also, da die Kapitalproduktion damit gesteigert werden kann. Umgekehrt hat jedoch keine signifikante Umverteilung der Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen, weder in Familien noch in entlohnten Sorgeberufen, stattgefunden. Dies bedeutet eine Doppelbelastung für Frauen, da diese nun beides, Kinderbetreuung und Lohnarbeit, übernehmen. Denn Sorgearbeit muss weiterhin geleistet werden, auch wenn Frauen nun verstärkt in die Erwerbstätigkeit eingebunden sind. Doch wer erledigt die ganze unentlohnte Reproduktionsarbeit, wenn alle erwerbstätig sind?
Aufgrund des Leistungsprinzips des Kapitalismus und der Individualisierung im Neoliberalismus geht die gesellschaftliche Entwicklung der Lohnarbeit in Richtung Intensivierung und Flexibilisierung. Letzteres mag sich positiv anhören, bedeutet aber für viele eine Mehrbelastung, da eine klare Abgrenzung zwischen Erwerbsarbeit und freier Zeit nur noch selten gewährleistet wird. Zudem wird  Sorgearbeit zunehmend auf das Individuum auslagert durch die steigende Privatisierung und Kostensenkungspolitik in Bereichen wie Bildung und Gesundheit. Auch die Ökonomisierung im Pflegebereich verlagert die Pflege von Angehörigen zunehmend in Familien, meist an die Frauen. Ziele wie Profitmaximierung und Kostensenkung sind längst in Bereichen angekommen, die eigentlich keinen Wirtschaftszweig darstellen sollten, sondern an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet sein müssen. Diese Entwicklung schafft eine gesellschaftliche Norm, in der Carearbeit individuelle statt gesellschaftliche Verantwortung ist.
Krise sozialer Reproduktion entlarvt Krise der kapitalistischen Verwertungslogik
Sorgearbeit geht uns aber alle etwas an. Denn Sorgearbeit bedeutet schließlich nicht nur Kinder-, Kranken- und Altenpflege, sondern auch Selbstsorge, um erwerbsfähig zu sein und zu bleiben und die eigene Existenz sichern zu können. Viele Menschen kommen jedoch mit der Überlastung nicht mehr zurecht und erkranken. Diese Fälle sind in den Pflege- und Sorgeberufen besonders hoch, wo die finanzielle Entlohnung trotz enorm hoher Arbeitsbelastung sehr gering ist. Dazu kommt die eigene und familiäre Reproduktionsarbeit trotz der Zeitnot wegen der finanziell notwendigen Erwerbstätigkeit. Es gibt immer mehr Menschen, die aufgrund von psychischen, psychosomatischen oder altersbedingten Erkrankungen pflegebedürftig sind. Die Kosten für die Reproduktion von fitten Arbeitskräften steigt, während immer mehr Menschen ausfallen. Vor allem älteren Menschen wird in diesem System kaum noch ein Wert zugeschrieben, da sie nicht mehr als Arbeitskraft zur Kapitalsteigerung beitragen können und stattdessen durch ihren Rentenbezug dem System Kosten verursachen.  Dies zeigt deutlich, dass es so nicht weitergehen kann. Wir brauchen dringend einen gesamtgesellschaftlichen Perspektivwechsel. Wir brauchen eine solidarische Gesellschaft, die sich an den Bedürfnissen ihrer Mitglieder orientiert. Wir brauchen ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, dass sich auf Sorgearbeit statt auf Profitmaximierung und Kostensenkung konzentriert. Wir brauchen eine Politik, die die Existenz von Menschen sichert und Zeitsouveränität ermöglicht. Dies kann beispielsweise durch einen angemessenen Mindestlohn, ein bedingungsloses existenzsicherndes Grundeinkommen und die Abschaffung prekärer Beschäftigungsverhältnisse ermöglicht werden. Gleichzeitig muss die Lohnarbeitszeit drastisch gekürzt und die soziale Infrastruktur ausgebaut werden um reale Chancengleichheit für alle Menschen zu gewährleisten. Sorgearbeit muss wieder zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe werden. Deshalb brauchen wir eine (Care-)Revolution!