Vom Toptorjäger zum König der Zocker

Vom Toptorjäger zum König der Zocker

Geschrieben am 24.08.2019
von Marcel Bothe

Ulf Kirsten schoss in der DDR seine Tore, wurde nach dem Mauerfall durch eine List von Bayer Leverkusen verpflichtet – und machte mit dem Toreschießen einfach weiter. Nach seinem Karriereende ist er dem Sport weiterhin treu geblieben, zunächst als Trainer, dann als sportlicher Berater. Seine neuste Tätigkeit führt ihn zum Markt der Sportwetten.



Florian K. [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)]

Im Grunde spielten Wetten schon frühzeitig eine gewisse Rolle in der Karriere des Ulf Kirsten. Ende der 80er Jahre hatte er vieles erreicht: Einzug ins Halbfinale des UEFA-Cups mit Dynamo Dresden in der Saison 1988/1989, zweimaliger Meister mit Dynamo, dazu dreimal Pokalsieger. Kirsten erzielte in seiner Zeit in Dresden, die von 1983 bis 1990 dauerte, 154 Tore und galt zusammen mit seinem Teamkollegen Matthias Sammer sowie Andreas Thom und Thomas Doll vom BFC Dynamo Berlin als Top-Spieler des Landes. Top-Spieler des Landes hieß zu dieser Zeit aber: Einer der besten der DDR. All seine bisherigen Erfolge hatte er bis dahin im geteilten Deutschland gefeiert.

 

Im Herbst 1989 kam jedoch neuer Schwung auf, die politische Lage änderte sich und ein Fall der Mauer deutete sich an. Fußball war schon damals ein Geschäft. Auch Bayer Leverkusen wusste das, und der damalige Manager und heutige TV-Experte Reiner Calmund witterte den großen Deal. Am 9. November 1989 fiel die Mauer tatsächlich, und nur sechs Tage später spielte die DDR-Auswahl zur WM-Qualifikation gegen Österreich in Wien. Calmund sah seine Chance und schickte Wolfgang Karnath zum Spiel. Eigentlich war dieser Betreuer der Leverkusener A-Junioren, aber eben auch ein „cleveres Kerlchen“, wie Calmund später gegenüber dem TV-Sender Sport1 sagte. Das Stadion betrat Karnath zwar nur mit einer Tribünenkarte, doch mit ein bisschen Geschick und seinem Sanitäter-Ausweis von der Bundeswehr gelangte er in den Innenraum, setzte sich einfach auf die Ersatzbank der DDR – und konnte direkt mit Matthias Sammer sprechen, der kurz zuvor ausgewechselt worden war. „Wir hatten vorab keine Kontaktmöglichkeiten zu ihnen“, erinnerte sich Karnath Jahre später im Gespräch mit transfermarkt. de, „es war ein Abenteuer“. Das Abenteuer gelang aber, die Wette ging auf: In einem kurzen Gespräch überzeugte er Sammer von Verhandlungen, spät am Abend trafen sich die beiden im Mannschaftsquartier der DDR, Kirsten und Thom stießen auch noch dazu.

Ulf Kirsten und Andreas Thom wechselten dann auch tatsächlich zu Bayer Leverkusen, Matthias Sammer jedoch nicht: In Form vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl schaltete sich die Politik ein und bat den Verein, nicht direkt alle Stars aus dem Osten zu kaufen. Sammer wechselte so zum VfB Stuttgart, was Karnath noch heute bedauert: „Bayer Leverkusen wäre über Jahre unschlagbar gewesen, es wäre kein Thema gewesen, mit einem Führungsspieler wie Matthias Sammer die Meisterschaft nach Leverkusen zu holen.“ Zwar wackelte auch der Transfer von Kirsten noch einmal, als sich Borussia Dortmund einschaltete und sich schon einig mit dem Stürmer war, doch letztlich machte Leverkusen das bessere Angebot und konnte Kirsten für sich gewinnen.

Kirsten, der 1965 in Riesa auf die Welt gekommen war und bislang nur in der Jugend für die BSG Chemie Riesa (1972-1978) und BSG Stahl Riesa (1978-1979) gespielt hatte, bevor er zu Dynamo Dresden ging und dort 1983 seine ersten Einsätze bei der Profimannschaft hatte, war nun angekommen im großen Business Bundesliga. Ein Transfer, der sich für beide Seiten lohnte: Kirsten traf schon in seinem ersten Bundesligaspiel gegen Bayern München, die erste Saison schloss er mit 11 Bundesliga-Treffern ab. Am Ende blieb er von 1990 bis 2003 in Leverkusen und erzielte in diesem Zeitraum 181 Bundesliga-Tore. Damit ist er noch heute, obwohl erst mit 25 Jahren in die Bundesliga gekommen, unter den besten zehn Torjägern der Liga-Geschichte. Zu einem Meistertitel sollte es nie reichen, immerhin erreichte Leverkusen dreimal mit Kirsten den zweiten Platz – besonders dramatisch in der Saison 2000/2001: Nach dem 31. Spieltag hatte Leverkusen fünf Punkte auf den Zweitplatzierten, dazu war der Verein bereits ins Finale der Champions League und des DFB-Pokals eingezogen – das historische Triple war also möglich, ein Triumph, der bis zum damaligen Zeitpunkt erst vier europäischen Vereinen gelungen war. Leverkusen verlor jedoch am 32. Spieltag gegen Werder Bremen, am 33. Spieltag gegen den 1. FC Nürnberg, und die Tabellenführung war dahin. Neuer Spitzenreiter war nun Borussia Dortmund, trainiert von Matthias Sammer. Der 2:1-Sieg am letzten Spieltag gegen Hertha BSC nützte Bayer nichts mehr, da Dortmund ebenfalls gewann und sich den Meistertitel sicherte.

Und auch die anderen beiden Titelchancen lösten sich bald in Luft auf: Gegen Schalke 04 verlor Leverkusen das DFB-Pokalfinale mit 2:4, im Finale der Champions League gegen Real Madrid biss sich Bayer die Zähne am verletzungsbedingt eingewechselten Ersatztorhüter Iker Casillas die Zähne aus, der später eine Ära bei den Königlichen prägen sollte. Das Spiel ging schließlich durch einen Linksschuss aus der Drehung des heutigen Real-Trainers Zinedine Zidane mit 1:2 verloren. Kirsten war in diesem Spiel nur Ersatzspieler und kam in der 65. Minute rein, konnte jedoch nichts mehr bewirken. Generell endete die Karriere von Ulf Kirsten so langsam: In der folgenden Saison kam er zwar noch auf 32 Spiele in der Bundesliga und elf Tore und wiederholte so seine Bilanz aus der ersten Saison in Leverkusen, im Jahr darauf kam er aber nur noch zu fünf Pflichtspieleinsätzen. Am Ende seiner Karriere durfte er sich neben den Meistertiteln und Pokalsiegen in der DDR noch über drei Torjägerkanonen freuen, dazu gewann er 1993 den DFB-Pokal gegen die Amateure von Hertha BSC. Das Siegtor in der 77. Minute zum 1:0: Ulf Kirsten. Kirstens Zeit in der Nationalmannschaft blieb titellos: Vor der Wende spielte er 49-mal für die Auswahl der DDR und erzielte 14 Tore, nach dem Fall der Mauer folgten 51 Spiele für das vereinte Deutschland mit 20 Toren. 1996, als Deutschland Europameister wurde, gehörte Kirsten nicht zur Auswahl, dafür vier Jahre später bei der EM in Belgien und den Niederlanden, als die deutsche Mannschaft empörend früh in der Gruppenphase scheiterte – das 0:3 gegen Portugal war Kirstens 100. und letztes Länderspiel.

Dem Fußball blieb Kirsten stets treu: Nach dem Karriereende bei Bayer Leverkusen 2003 wurde er dort Co-Trainer der Profimannschaft, 2005 ging er für sechs Jahre als Chef zur zweiten Mannschaft. Seit 2012 ist er für eine Sportagentur tätig, Anfang 2019 übernahm er beim Viertligisten Wacker Nordhausen die Tätigkeit als sportlicher Berater und Sponsorenbeauftragter an. Sein Erbe bei Dynamo Dresden hinterlässt Kirsten als Ehrenspielführer, zu dem er 2018 ernannt wurde – und durch seinen Sohn Benjamin, der von 2008 bis 2015 bei Dynamo unter Vertrag stand. Jedoch kommt der Sohn nicht ganz nach dem Vater: Während Kirsten Senior seine Erfüllung darin fand, Tore zu erzielen und damit die Massen zu begeistern, will Kirsten Junior genau dies verhindern – er ist Torwart.  „Ich war am Anfang Stürmer und kann auch heute noch beide Positionen spielen. Auch bei unserer zweiten Mannschaft musste ich schon mal als Feldspieler aushelfen. Aber ich wollte einfach Torwart sein, der Vergleich zwischen Ulf und Benjamin Kirsten ist ja selbst gegeben, wenn ich im Tor stehe. Diese Legende Ulf Kirsten kann man nicht überbieten“, sagte Benjamin 2009 gegenüber Spiegel Online über Vergleiche mit seinem Vater. Diese muss er mittlerweile nicht mehr ganz so oft aushalten: Seit 2016 hütet er das Tor von Lokomotive Leipzig.

Kirsten Senior ist weiter auf der Suche nach lukrativen Geschäften im Sport – und ist auf ein Thema gestoßen, das seine Karriere gewissermaßen ja mit angestoßen hatte: Wetten. Während es damals die Hoffnung eines Vereinsmitarbeiters war, durch durchaus dreistes Verhalten diverse Top-Spieler nach Leverkusen zu lotsen, besinnt sich Ulf Kirsten jedoch auf den Urgedanken des Wettens und bietet ein Portal an, das die Quoten von Sportwetten vergleicht und dem Nutzer so den größtmöglichen Gewinn bieten soll. Er setzt damit auf einen Markt, der zunehmend boomt: 2016 etwa wurden 5,12 Milliarden Euro auf Sportwetten in Deutschland gesetzt – knapp zwei Milliarden mehr als noch vier Jahre zuvor. Tendenz steigend. „BKING24“ heißt das Portal, das Kirsten zusammen mit einem Freund gegründet. „Be a King – sei ein König“, erklärte Kirsten gegenüber Sport Bild den Namen, der ihn nun zum Zockerkönig Deutschlands machen soll – mit guten Quoten auf Erfolg.