Der „wahn-sinnige“ Zehn-Euro-Tag

Der „wahn-sinnige“ Zehn-Euro-Tag

Geschrieben am 24.08.2019
von Sarah Veihelmann

Wie wir in den Tag hinein und hinaus stiefeln.  Aber auch jeder Tag eine Krone haben muss. Eine philosophische Überlegung.



© Pixabay

Wir stiefeln mal in den Tag hinein. So auch ich. Ich stapfe auf einen Berg mit einem Sightseeing-Objekt. „Vom Feinsten“, denke ich. Male mir meinen Tag bunt. Er wird mein Nonplusultra-Tag. Seit langem wieder kann ich so richtig aufatmen.

Nach wenigen Erkundungen folgt die nüchterne Fertigstellung eines Pustekuchens. Ich entdecke einen langweiligen Berg, halt nichts Besonderes und meine Laune war auch schon besser.

Und die anderen Leute? Jeder tappt vor sich hin. Es ist ein Feiertag. Jeder muss ruhen. Das sagt man sich vielleicht so. Die Waschmaschine bleibt aus, die Küche kalt und man läuft vom Winde verweht in der Pampa umher.

Je näher ich dem Menschengetümmel entgegenlaufe, desto bewusster bemerke ich die krampfhaft glücklich wirkenden Wesen. Nett in die Kamera lächelnd, gerade heute, weil doch Feiertag ist, weil man doch mit der Familie zusammen ist, weil der Eintritt immerhin einen Zehner gekostet hat.

Die verkünstelte Kunst

Man muss sich freudig zeigen. Sonst wäre der Tag verloren und morgen beginnt doch wieder der graue Alltag. Man muss sich doch entspannen. Das ist es aber im Grunde genommen nicht. Es wirkt gezwungen. Wie Marionetten. Wie Programmierungen. Es ist ein Rollenspiel. Jeder spielt seine Rolle. Manchmal erahne ich schon, was kommen wird. Ein Kind tritt der Mutter immer wieder auf den Schuh. Die Mutter schreit auf, der Vater ächzt nach. Die Mutter erbost gegenüber ihrem Mann, das unartige Kind mittendrin. Der Vater findet es witzig, die Mutter fühlt sich als Opfer. Das Kind braucht irgendwas, kann es nicht äußern, macht sich durch den Schuhtritt bemerkbar und entzündet ein Feuerwerk an Emotionen. Das Kind scheint einen Tunnelblick zu haben und trotzdem nachzudenken, ob es mit dem Treten weitermachen möchte.

Ich gehe zügig vorbei. Kann das nicht verstehen, ich bin ja nicht so.

Ein anderer Vater reibt sich den Kopf, er wurde vermutlich gestoßen, bleibt ungewöhnlich lange in der Position, Schuldgefühle machen sich breit und Zweifel und Sorgen. Die Kinder sitzen still daneben, die Mutter entspannt, fast schon amüsiert.

Die Eindrücke erschlagen mich und ich fühle mich kraftlos. Also beginne ich ebenfalls die Natur krampfhaft zu bestaunen. Es muss an diesem teuren 10-Euro-Tag irgendetwas Gutes geben.

Das verstörte Glück…

Am Waldrand vorbeischlendernd, empfinde ich kurz wie ein kleines, leichtes Kind. Früher zog ich so durch die Wälder in Gedanken versunken. Heute nehme ich eine Enge wahr. „Wie wird alles werden?“ „Was, wenn wir nie wirklich glücklich sind? Was, wenn wir nicht müde werden, einem euphorisierenden Lebenswerk hinterher zu rennen, um letztlich den Kern des Lebens zu verpassen?“ Selbst die Wiesen und Wälder scheinen dieses Gefühl der Angst mir entgegen zu schreien. „Was, wenn meine Erwartungen immer höher und nicht gestillt werden und ich letztlich an Bitterkeit zu Grunde gehe?“

…wiederfinden.

Schließlich gelingt es mir, die Augen zu öffnen und ich hebe den Blick. Ich sehe meine Mitwelt. Tragen sie die gleichen Fragezeichen mit sich herum? Denken auch sie, nie wirklich Glück empfinden zu können? Eigentlich verstehe ich doch die Menschen um mich herum zu gut. Ich hetze ebenso umher, will das Glücksempfinden herbeizwingen.

Was, wenn wir alle an diesem Tag wie im Wahn getrieben umherirren, um irgendeinen Sinn zu finden um den Wahn-Sinn zu verstehen?

Obwohl wir alle nur da sein wollen. Wenigstens heute an diesem Feiertag. Auch nicht alles dafür tun, um glücklich sein zu müssen. In den Tag hineingehen, ihn erleben, annehmen, ihn schließlich beenden, um einen neuen zu beginnen. Und die Krone?

Wenn mein Tag eine Einladung ist zu leben, ist er eine Einladung und ich verpasse ihm keine Bewertung.