Minimalismus: Bin ich wirklich so schlimm?

Minimalismus: Bin ich wirklich so schlimm?

Geschrieben am 03.09.2019
von Sarah Veihelmann

Ein ganz persönlicher, erlebnisreicher Streifzug durch das unebene Land des Minimalismus mit Reisetipps und einem Schluck Wasser aus der Bibel.



© Pixabay

„Komm schon, nur noch eine Kiste! Nur noch eine!“, so rede ich mir selbst gut zu. Eigentlich könnte ich live aus meinem Wohnheimappartement berichten: „Guten Tag meine Damen und Herren, ich begrüße Sie hier in meiner Bude zur Berichtserstattung. Inmitten von Chaos, Kisten und Spinnenweben. Ein Umzug steht bevor und wir alle sind höchst motiviert. Wann und ob überhaupt der Umzug abgeschlossen wird, bleibt unklar. Aber wir bleiben dran.“

Mit den Monaten muss ich mir unglaublich viel Zeugs angesammelt haben. Gut, ich bin eine Leseratte, also viele Bücher. Gut, ich bastle viel, also haufenweise Bastelzeugs. Gut, ich bin ein Bewegungsmensch, also viele Sportgeräte. Gut, ich bin… Diese Lebenseinstellung verlangt nun von mir Nerven wie Drahtseile und gebiert einen inneren Kritiker, der unentwegt vor sich hin flötet, was für ein Dreckmonster ich sei.

Gedanklich reise ich in zuvor gesehene YouTube-Videos. Hier berichten inspirierende junge Menschen, aufgenommen in ihrem meist weiß gestrichenen, beinahe leer wirkenden, äußerst aufgeräumten (viel drin ist ja nicht) Appartement von ihrem neuen Lebensstil. Sie erzählen von der Sehnsucht nach Klarheit und Ordnung. Und das ist doch auch mein Wunsch. Überblicken, was ich besitze, worum ich mich kümmern muss, wofür ich Verantwortung habe.

Kurzerhand errichte ich im selben Wohnheim einen Geschenketisch mit all den Objekten, die ich nicht unbedingt brauche. Es fällt mir schwer loszulassen und gleichzeitig bemerke ich, wie ich freier atme. Wie ich als Person mehr Raum einnehmen kann. Ist diese Art von Beschränkung das, was mich freier atmen lässt?

Die Zeiger meiner Armbanduhr hüpfen fröhlich von einem Punkt zum nächsten, nur bei mir scheint sich nichts zu bewegen. Die Gegenstände liegen immer noch herum und ich ärgere mich darüber. Bin ich wirklich so schlimm? Schaffe ich es nicht Ordnung zu schaffen und zu bewahren? Gleichzeitig bin ich heilfroh, mich endlich von meiner alten Kerzensammlung zu trennen. Unheimlich viele nicht mehr gemochte Kleidungsstücke finden einen neuen Besitzer und ich beginne zu fragen: „Brauche ich das wirklich? Wenn ja, wozu?“ Alleine die Frage zu stellen ist wertvoll und zielführend. Aber Moment mal, was ist eigentlich das Ziel von dem Ganzen?

Ich wage einen Versuch, mein Lebensziel in einem Satz zu formulieren. Mein Ziel ist, mich in einer fortwährenden Reinigung zu üben und sie zu überprüfen um mein Leben somit in Reinheit zu leben. Ist das der Sinn meines Lebens?

Schließlich treffe ich die Entscheidung mein Aufräum- und Reinigungsziel in meiner stillen Zeit. Das ist meine Zeit, in der ich mich besinne, in der ich die Bibel lese, bete und zur Ruhe komme. Ich verlasse zunehmend das alleinige Umsetzen eines räumlichen Minimalismus und erkenne das Spektrum und die Notwendigkeit für mein ganzes Leben.

  1. Ich blicke auf meine bisher eingegangenen Beziehungen und Kontakte zu Mitmenschen. Dabei frage ich mich, ob ich im Frieden mit ihnen lebe, ob ich ihnen klar meine Bedürfnisse anvertraue. Verlange ich zu viel von ihnen oder übe ich mich in Schlichtheit und Genügsamkeit? Unweigerlich denke ich an Paulus, der im Römerbrief die Gemeinde auffordert, mit allen Menschen in Frieden zu leben, insofern sie selbst dafür sorgen können. (Römer 12, 18). Auch höre ich Teile meiner gesagten Worte. Rede ich tausend Phrasen, die doch keine Essenz haben? Kleinlaut denke ich daran, ob man mein Gesagtes von den Dächern rufen darf. Vielleicht können wir diesem Bereich mit dem Begriff sozialen Minimalismus beschreiben.
  2. Ich blicke auf mein Innenleben mit meinen Gefühlen und Gedanken und frage mich, wann ich hier zuletzt geputzt habe. Ich sehe den Staub von vorgestern, den Gedankennebel, die beinahe ausrutschende Wut, die verblasste Liebe, die nicht mehr gelebt wurde. Und dabei höre ich Salomo, der weise König, wie er in den Sprüchen uns lehrt: „Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens.“ Beschämt erinnere ich mich an das letzte Anblaffen eines lieben Mitmenschen. Ich hatte zu viel Müll und Dreck in mein Herz gelassen. Ob der Begriff innerer Minimalismus hilfreich wäre um uns daran zu erinnern unser Herz zu bewahren?

Letztlich erkenne ich, wie wichtig mir zum einen ein genügsames Leben ist, in dem ich mein Ziel der Reinheit verfolgen kann, denn aus ihr folgt für mich Schönheit und Beständigkeit. Zum anderen muss ich aber auch annehmen, wie wenig ich aus eigener Kraft rein bleibe. Daher stellt mir die Bibel Jesus als Vorbild der vollendeten Reinheit vor.

„Kommt noch etwas? Also nächstes Mal brauchen wir ein Lkw!“, mein Vater holt mich ins Hier und Jetzt zurück. „Ach ja, ich glaube es kommt nichts mehr. Nur noch ein paar kleinere Sachen“, beruhige ich uns. Der nächste Umzug muss aber leichter und schneller vonstatten gehen, raune ich mir innerlich zu. Immerhin weiß ich jetzt, dass Minimalismus gar nicht so mini ist, sondern im Verzicht wohl der wahre Reichtum liegt.