Die Generationenfrage: Was haut dich eigentlich noch vom Hocker?

Die Generationenfrage: Was haut dich eigentlich noch vom Hocker?

Geschrieben am 07.09.2019
von Sarah Veihelmann

„Herzlich willkommen. Sie befinden sich auf dem Areal einer international erfolgreichen Friss-dich-schnell-fett-Kette. Wir bieten Pommes kross, lasch, semi-frittiert, salzig, extra salzig, mit Ketchup, mit Mayo. Oder doch Ofenkartoffeln, mit Kräutern, mit natürlichen Aro… „Gibt es auch einfach eine Kartoffel?“, schreie ich in die Sprechanlage.



Hallo! Ich bin aus der Generation mit den tausend Möglichkeiten. „Euch steht doch die Welt offen“, so beneidet mich ein Vertreter der Generation X. Nennen wir ihn Hans. Und ich zucke mit den Schultern und belehre Hans: „Ja, keine Ahnung.“ um gleichzeitig zu Eyleen aus der Gen Z Partie zu blicken, die gerade versucht die Weltoffenheit ins Hier und Jetzt zu beamen.

Von A bis Z – was war nochmal A?

Die Möglichkeiten umfassen nicht nur die Berufswahl, sondern auch die Geschlechtswahl (heute männlich, morgen weiblich und übermorgen divers?), Beziehungs- und Familienformen, das Tagesmenü (Burger für ’nen Euro oder Pommes für ’nen Euro?), die Marke des Waschmittels (welche Wäsche ist danach weißer gebleicht?) und sämtliche andere Pillen (eine Pille fürs Schlafen, eine fürs aktiv werden, eine für die Gesichtsfalten). Den Tagesausflug könnte man am Bodensee gestalten genauso gut aber auch ein mit Haferkeksen bereichertes Picknick in Schweden genießen. So what?

Herzlich willkommen in meiner Generation

Ich lebe in einer Generation mit einer Million Kontakten. Kannte mein Urgroßvater Fritz gerade mal seine eigene Familie mit Knechten und Mägden, lugt der Teenie von heute kaum über den Handyrand hinaus. Jeder kennt jeden, flüchtig, mal kurz geschrieben. Ja, kenne ich. Und was ist jetzt schlimm daran?

Ja und dann befinde ich mich in einer Generation mit unzähligen Ignoranten. Wir besuchen Kurse um das natürliche Entspannen zu lernen. Manche betiteln es wohl noch als wieder erlernen. Aber wir haben es halt (noch) nicht gelernt. Das muss irgendwie an uns vorbeigehechelt sein. Gleichzeitig schaufeln wir eine kleine Stunde unserer kostbaren Zeit frei, um uns im Kraftraum zu pushen. Der gewöhnliche Alltag bietet das doch nicht. Und der faule Peter von nebenan soll mal schön selbst seine Möbel für den Umzug schleppen.

Den nächsten Kurs zu natürliche Hilfsmittel für jegliche Beschwerden buchen wir ebenfalls? Nee, wir latschen in die Apotheke bei Halsschmerzen. Ist doch einfach. Das macht man so. Obwohl doch der Zusatz für jegliche Beschwerden verlockend klingt. Wir sind doch die Generation mit einem Herz für Universalreiniger oder die Generation Angsthase. Wir kennen uns nicht mehr aus, also da kann uns nichts passieren. Ein Rezept fürs Glücklichsein, ein Gerät für den ganzen Haushalt, ein Tee für alle Krankheiten. Ich ziehe doch nicht mit einem Pflanzenratgeber in den Wald und sammle Kräuter und trockne die auch noch. Wenn dann kaufe ich sie nur im Supermarkt mit dem Siegel Auf gar keinen Fall giftig. Und wiederum frage ich: „Was kann denn an diesem Denken falsch sein?“

Okay ab in den Wald und Tiere jagen?!

Ich will doch nicht bei einem romantischen früher-war-alles-besser-Denken stehen bleiben. So nach dem Motto: Ach müssten wir doch wieder in die Wälder und Schafe schlachten. Ihnen das Fell über die Ohren ziehen, spinnen, weben und nähen um nach gefühlt zehn Jahren etwas Gescheites zum Anziehen zu haben. Nee, ein Klick, ab zur Kasse und der Paketbote streckt mir mein schickes Designerkleid entgegen. Und ich frage erneut: Was ist bitteschön schlimm daran?

Jetzt kommt die Antwort – echt?!

Das Schlimme daran ist, dass die uns gebotenen Möglichkeiten von uns als selbstverständlich angesehen werden. Dass uns nichts mehr juckt. Dass wir über die Maßen hinaus Gebrauch von der Welt machen. Dass uns eigentlich nichts mehr vom Hocker reißt. Dass die Zeitungen und Social Media von heftigen Schlagzeilen wimmeln müssen, damit wir sie überhaupt noch lesen, um keine Ent-täuschung zu erleben. Wir wollen nichts Unangenehmes fühlen. Und wir sind uns nicht bewusst, dass das Leben die Form annimmt, in die wir es hinein pressen.

Wir tun so, als würden Politiker und „die Oberen“ aus Wirtschaft und Co über unsere Köpfe hinweg bestimmen, aber wir sind die treibende Kraft. Wir geben Input und nehmen Output. Und wir wollen nicht mehr ernsthaft und ehrlich Nein sagen mit all den daraus folgenden Konsequenzen. Alles muss Alternativen haben. Wir entscheiden uns nicht. Es muss offen bleiben. Die großen Tugenden wie Verantwortung, Pflicht, Gehorsam und Liebe fühlen wir nur noch. Ich fühle mich nicht verantwortlich dafür. Verantwortung hat aber nichts mit einer Emotion zu tun, sondern mit einem bewusst-zielgerichtetem Handeln, wofür man die Konsequenzen trägt. Ebenso wie Liebe. Natürlich darf sie gefühlt werden, aber immerhin ist die Hochzeit ein Bund und Versprechen für gute und schlechte Zeiten. Na, wenn da alles nur Emotion ist?

Und was soll das hier?

Ein Plädoyer für mehr Dankbarkeit, Achtsamkeit, für einen bewussteren Umgang? Eine Ermutigung Nein zu sagen? Wenn dem so wäre, welche Möglichkeiten gibt es, um unsere Generation zu ändern?

Was hatte Hans von einer kleineren Welt, was Uropa Fritz von wenigen Kontakten und was hat Peter davon, wenn ihm keiner helfen will? Mit diesen Fragen schaue ich nach links, sozusagen in die Generation zurück. Und ich schaue zu Eyleen nach rechts und frage mich, wofür sie lebt.

Schreie ich nach links: „ Ihr seid verantwortlich, dass ich heute so viele Möglichkeiten habe und mich nicht entscheiden kann!“ oder nach rechts: „ Du wirst schon irgendwie klar kommen. Das musste ich auch“?

Und was macht den Unterschied?

Ich bin aus einer Generation, die sich auf Mami und Papis Sofa wohlfühlt, wenig Fragen stellt und keine Falten aus einer vorherigen Generation glatt bügelt. Oder doch? Muss die eine Generation nicht zwangsläufig das Kleidungsstück bügeln, wenn sie es einigermaßen ohne Falten tragen möchte? Sind wir so anders als die Generationen davor und danach? Wir kochen doch auch nur mit Wasser.

Wofür ich mich stark mache

Ich plädiere für funktionierende mentale Filtersysteme, die Eigenverantwortung voraussetzen. Was lasse ich in mein Leben hinein? Was nicht? Welche Auswirkung hat mein Handeln? Das wäre vielleicht der Beginn einer Selbstreflexion. Und ich gebe zu, dass ich mir manchmal so eine kleine Welt von Hans wünsche. Eine übersichtliche, strukturierte Welt. Mit dem Kopf bei der Sache bleiben, ohne schon wieder über nachher nachzudenken. Und ich mag es nur wenig Kontakte zu pflegen. Die Familie als die Nächsten zu betrachten. Klare Hierarchieverhältnisse in der Familie. Mein Glaube an den Gott, der sich in der Heiligen Schrift offenbart, gemeinsam zu leben. Aber was hält mich davon ab? Die zahlreichen Möglichkeiten etwa? Kein installiertes Filtersystem? Bleibe ich alleine mit diesen Fragen?

So wende ich mich Eyleen zu und ermutige sie mit den Worten: „Schaffe eine kleine Welt von Hans, sinnvolle Kontakte wie Fritz, vertraue auf starke Helfer wie Peter, installiere ein schützendes Filtersystem und sei dir deiner Handlungen und deren Konsequenzen bewusst.“

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