Zwischen Kopftuchgebot und Hashtag Movements: Frauen im Iran

Zwischen Kopftuchgebot und Hashtag Movements: Frauen im Iran

Geschrieben am 23.09.2019
von Helena Renz

Die Islamische Revolution im Iran 1979 hat die Geschichte des Staates und seiner Gesellschaft entscheidend verändert. Besonders die Rechte der Frauen sind davon beeinflusst worden.



„Vor der Revolution war das iranische Volk berühmt für seine attraktive Kleidung und es gab hier eine Haute Couture“, sagt Sadaf, eine iranische Modedesignerin, im Interview mit dem Online-Magazin Refinery29 auf dessen Youtube-Kanal. Danach war nicht mehr viel davon übrig. Die Umsetzung der islamischen Prinzipien und Werte im iranischen Alltag nach der Revolution 1979 führte zu einer strengen Kleiderordnung. Frauen mussten nun ihre Haut bedecken und durften ihre Haare nicht mehr zeigen. Jede Missachtung führt zu einer Bestrafung. Das ist jedoch noch nicht alles, denn das Leben von Frauen war nicht nur in Bezug auf das Erscheinungsbild betroffen, sondern auch unter anderem hinsichtlich Bildung und Familienplanung. Aber was genau passierte in der Revolution, die diese Entwicklung verursachte?

Die Islamische Revolution im Iran 1979 hat die Geschichte des Staates und seiner Gesellschaft entscheidend verändert. Aufgrund der schwachen Regierungsführung von Reza Pahlavi führte die Revolution mit ihrem Anführer Ayatollah Khomeini zu einer formalen „Islamischen Republik“, die von islamischen Werten und Prinzipien sowie einer Abkehr von der zuvor eingeleiteten Verwestlichung geprägt war. Die Bürger waren nun gezwungen, ein Leben zu führen, das dem Islam und Gott gewidmet war. Mehrere Verbote wie Alkohol und westliche Filme wurden verhängt. Das Missachten der neuen Regeln und Werte führt zu harten Strafen, die im islamischen Strafrecht festgeschrieben sind, welches wiederum von der Scharia beeinflusst wird.

Hashtag Movements und Co.

Dies hatte auch erhebliche Auswirkungen auf die Rechte und das Leben von Frauen. Seit der Revolution war die Zulassung von Frauen in gesellschaftlichen und politischen Prozessen begrenzt. Sie mussten auf die Geschlechtertrennung in öffentlichen und privaten Räumen achten und Einschränkungen in ihrem Bildungsweg hinnehmen. Die verhängte Kleiderordnung schien jedoch das vorherrschende Thema zu sein und fungiert immer noch als Symbol für die bestehenden Einschränkungen in feministischen Bewegungen. Diese Bewegungen finden seit dem ersten Tag nach den Änderungen statt und erscheinen nicht nur als Protest und Demonstration auf den Straßen, sondern heutzutage vor allem in sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram.

Eines der Gesichter hinter diesen Bewegungen ist die Journalistin und Autorin Masih Alinejad, die mehrere Kampagnen startete und sogar die sogenannte „Hashtag-Bewegung“ verursachte. Alinejad ermutigte andere Frauen, auch ihre geheimen Momente der Freiheit zu teilen. Folglich wurde sie mit Bildern von Frauen im ganzen Land „bombardiert“. Darüber hinaus erstellte sie eine Facebook-Seite mit dem Titel „My Stealthy Freedom“, auf der iranische Frauen ermutigt werden, Fotos und Videos von sich selbst ohne das Kopftuch in der Öffentlichkeit zu veröffentlichen. Abgesehen davon startete sie 2017 die Kampagne für den Weißen Mittwoch und fordert Frauen auf, jeden Mittwoch weiße Kleidung zu tragen, um gegen die strenge Kleiderordnung des Iran zu protestieren. Außerdem veröffentlichte Alinejad das Bild einer Frau, die ein Kopftuch als Flagge verwendete, die dann wiederum das Gesicht der iranischen Protestbewegung wurde.

Die Folgen der Proteste

Das Engagement bleibt nicht ohne Konsequenzen. Alinejad lebt seit 2009 in einem selbst auferlegten Exil und kann nicht in den Iran reisen, ohne eine Verhaftung fürchten zu müssen. Sie erhält sogar Morddrohungen. Genauso ist es ihren Eltern verboten, das Land zu verlassen. Zwischen ihr und ihrem Vater besteht kein Kontakt. Generell wurden zwischen Dezember 2017 und Mai 2018 allein in der Hauptstadt Teheran mehr als 35 Demonstrantinnen festgenommen. Die Polizei hat gewarnt, dass Frauen, die an Demonstrationen gegen den Hijab teilnehmen, eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren zu erwarten haben.

Gleichzeitig gibt es aber auch positive Stimmen bezüglich des Hijabs. So berichten manche Frauen, dass der Schleier es ihnen ermöglichte, eine Ausbildung zu erhalten, da er die Einhaltung der Moral für strenge Familien bewahrte. Dennoch gehen viele auch weiter. Auch nach mehr als 25 Jahren nach der Revolution veranstalten Frauen, die die Hardliner im Establishment unterstützen, ihre eigenen Kundgebungen, um gegen das zu protestieren, was sie als das Versäumnis der Behörden ansahen, das Hijab-Gesetz durchzusetzen. Diese Bewegungen beschränken sich allerdings nicht nur auf Proteste und Demonstrationen, sondern gehen auch aktiv gegen Missachtungen der Gesetze vor. So sind Frauen, die gegen den Hijab kämpfen, häufig Belästigungen und Gewalt durch die Moralpolizei und regierungsnahe Wächter ausgesetzt. Sie werden körperlich angegriffen, indem sie ins Gesicht geschlagen, mit Schlagstöcken geschlagen, mit Handschellen gefesselt und in Polizeivans gebündelt werden. Recht bekannt diesbezüglich ist der Fall der Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh, die zu 38 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt wurde. Sie wurde im Juni 2018 verhaftet und wegen Spionage, Verbreitung von Propaganda und Beleidigung des Obersten Führers des Iran angeklagt.

Für die Selbstbestimmung der Frau

Alles in allem kann man sagen, dass die Islamische Revolution die Rechte der Frauen in mehrfacher Hinsicht beeinflusst hat. Auch wenn es Frauen gibt, die die vom Staatsoberhaupt auferlegten Regeln und Werte unterstützen, ist ihre Freiheit in der Gesellschaft erheblich eingeschränkt. Denn ob eine Frau einen Schleier trägt oder nicht, ob sie an politischen Prozessen teilnimmt, sollte nicht vom Staat, sondern von der Frau selbst entschieden werden. Es ist schwer zu sagen, ob es für Feministinnen möglich ist, dieses Ziel in naher Zukunft zu erreichen, aber die vorgestetellten Bewegungen führen bereits in diese Richtung.

© Brett Sayles / pexels.de