Was ich auf den Philippinen über Zufriedenheit und Dankbarkeit gelernt habe

Was ich auf den Philippinen über Zufriedenheit und Dankbarkeit gelernt habe

Geschrieben am 04.10.2019
von Rebecca Rudolph

Ein Traumziel vieler Urlauber: die Philippinen. Wunderschöne Inseln, freundliche Menschen ziehen viele Menschen hier her. Eigentlich wollte ich auf den Philippinen nur einen Monat Urlaub machen. Was ich aber hier gelernt habe, über mich, über Deutschland und über die Leute hier, wird mich (hoffentlich) mein Leben lang prägen.



Das unterschiedliche Leben in der Großstadt und auf der Insel

Vorab: Meine beste Freundin ist Halbphilippinerin. Dadurch habe ich viele locals kennengelernt und habe nochmal einen ganz anderen Einblick in das Leben hier bekommen.

Manila, die Hauptstadt der Philippinen, ist wie fast jede andere asiatische Großstadt: laut, überfüllt, dreckig. In meinen Augen jedenfalls. Viele arme Leute, wenig Arbeit und ein Verkehr, der so krass ist, dass man ihn kaum beschreiben kann. Aber egal wie zusammengewürfelt und unfertig diese Stadt aussieht, nie habe ich eine solche Freundlichkeit und Offenheit erlebt wie auf den Philippinen.

Sei es am Flughafen, in einem Taxi, Restaurant oder wenn man einfach nur nach dem Weg fragt. Die Menschen sind so hilfsbereit und immer am Lächeln und zum Scherzen aufgelegt. Was ich wirklich krass fand, dass es in den wohlhabenderen Gegenden oder auch in Mittelschichtvierteln aussieht wie in den  ärmeren Ecken Deutschlands. Krankenversicherung, regelmäßiges Einkommen? Fehlanzeige. Viele Menschen sind arbeitslos. Meistens wohnen mehrere Generationen zusammen, da es so etwas wie eine Rente auf den Philippinen nicht gibt. Es ist auch ganz normal, mit 37 Jahren noch mit seiner Mutter zusammen zu wohnen.

Wir redeten viel darüber, dass wir in Deutschland eigentlich so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen wollen und aus der Heimatstadt ziehen. Das aber ist völlig unverständlich für die Philippinos. Die Gastfreundschaft und Großzügigkeit, die uns entgegengebracht wurden, waren trotz der sehr einfachen Verhältnisse einfach unglaublich. Wir wurden von Anfang an wie Familienmitglieder behandelt. Ich denke, das Leben in den Großstädten ist sehr hart, da kein Job sicher ist und hier sehr viele arme Menschen leben.

Siargao und die tollen Menschen, die hier leben

Siargao war meine erste philippinische Insel. Und was soll ich sagen, der Vibe, das Surfen, die Insel und die Menschen, haben es mir so angetan, dass ich statt einer Woche gleich zwei geblieben bin.

Die Philippinos strahlen einfach die pure Lebensfreude aus. Sie geben einem das Gefühl, sofort willkommen zu sein. Die Leute die hier leben, sind so ausgeglichen und glücklich, wie ich es noch nirgends erlebt habe. Dass die Philippinen ein armes Land sind, merkt man aber auch hier an vielen Stellen. So gibt es auf der Insel kein einziges Krankenhaus, wenn man dabei bedenkt, dass man hier zu viert auf einem Roller sitzt und niemand einen Helm trägt, ist das einfach nur verrückt. Meine Freunde und ich haben ziemlich schnell locals kennengelernt, die mit uns surfen gegangen sind und uns die Insel und ihr Leben  gezeigt haben. Abends saßen wir oft zusammen und haben am Strand bei einem Lagefeuer bis zum Sonnenaufgang über unsere unterschiedlichen Lebensverhältnisse ausgetauscht.

Wieso haben wir in Deutschland so viel, streben aber immer nach mehr? Das ist natürlich nichts schlechtes, aber wir vergessen viel zu oft, dass es auch ok ist, einmal stehen zu bleiben und nicht alles immer besser, weiter und erfolgreicher sein muss, um glücklich zu sein. In meinem Umfeld waren die meisten immer überarbeitet, gestresst und haben aufs Wochenende oder ihren Urlaub gewartet. An der Situation etwas geändert hat aber niemand.

Die Menschen auf den Inseln der Philippinen haben einen ganz anderen Rhythmus. Mehr Lebensgefühl, mehr Freizeit, anderes Denken aber natürlich weniger Geld und Möglichkeiten. So ist es fast unmöglich, mit einem philippinischen Pass zu reisen.

Die Leute haben zwar weniger Geld, das ist ihnen aber auch nicht so wichtig. Familie, Freunde und Freizeit zählen hier viel mehr. Mir ist auch aufgefallen, dass wir uns in Deutschland ständig sorgen. Die Menschen hier machen einfach ihr Ding und genießen das Leben. Die meisten Jugendlichen in meinem Alter surfen den ganzen Tag und geben auch Unterricht.

Die locals lieben ihr Leben und sagen, dass sie wissen, dass es ein einfaches Leben ist und dass wir in Deutschland viel mehr Luxus haben, sie damit aber sehr glücklich sind. Ich kann natürlich jetzt nur von dem sprechen, was ich dort erlebt habe. Ich fragte einen Freund, ob er, wenn er könnte, woanders leben wollen würde. Und er verneinte. Er arbeitet in Siargao als Surflehrer und lernt dadurch viele Reisende kennen. Er weiß, wie das westliche Leben läuft, das Einzige was er gerne tun würde, wäre Reisen, aber das ist mit dem wenigen Geld unmöglich.

Vorurteile und die Definition von Reichtum

Die locals haben aber auch viele Vorurteile: Sie denken, wir sind reich, nur weil wir aus Europa kommen. Klar, im Vergleich sind wir reich und allein schon, dass wir auf den Philippinen Urlauben können und es extrem günstig für uns ist, die Menschen hier sich aber nicht mal den Flug leisten könnten, gibt ihnen dieses Gefühl. Doch als ich den Leuten erzählt habe, dass wir acht Stunden am Tag arbeiten, dann irgendwie noch versuchen Freunde zu sehen, Haushalt und Kochen unter einen Hut bringen und eigentlich immer aufs Wochenende warten, waren sie mit ihrem bescheidenen Leben mehr als zufrieden. Die Leute beschweren sich nicht andauernd oder reden nur über die Arbeit. Ihre Köpfe sind einfach freier, weil es nicht dauernd nur um Leistung und Arbeit geht.

Was bedeutet es eigentlich wirklich reich zu sein? Ist das Leben nicht lebenswerter, wenn man reich an Zeit ist? Deutschland ist aus meiner Sicht eine krasse Leistungsgesellschaft. Ich hatte ständig das Gefühl, ich muss besser sein, die Zeit rennt mir weg und ich muss mich immer wieder entscheiden. Das war auch der ausschlaggebende Grund für mich, auf Reisen zu gehen. Natürlich haben wir viele Privilegien und eine top Infrastruktur. Aber wir haben irgendwie verlernt, zufrieden zu sein mit dem, was wir haben, das ist mir hier bewusst geworden. Natürlich bin ich froh über unser Gesundheitssystem und dass ich das Privileg habe, zu reisen. Aber dieser ganze Konsum- und Leistungswahn ist einfach absurd. Vielleicht sollten wir öfter innehalten und einfach dankbar und stolz sein auf das, was wir haben. Denn das wichtigste ist doch Gesundheit, eine Hand voll guter Freunde, Familie, und wenn du in Siargao bist, eine gute Welle.

Alle Bilder © f1rstlife / Rebecca Rudolph