Ein schmaler Grat: individuelle Freiheit und Gemeinschaft

Ein schmaler Grat: individuelle Freiheit und Gemeinschaft

Geschrieben am 07.10.2019
von Jessica Drescher

Schon seit Jahrhunderten denkt der Mensch über den Begriff der Freiheit nach. Heute wird er oft mit Selbstverwirklichung und unbegrenzten Möglichkeiten assoziiert. Die Ich-AG ist Sinnbild dafür geworden. Man will sein Leben entlang der eigenen Vorstellungen gestalten, ohne von anderen oder durch äußere Bedingungen darin begrenzt zu werden; auch in Zeiten des Klimawandels, wie die aktuellen Debatten zeigen. Doch in Wirklichkeit lauert in diesem Ansatz eine große Gefahr für das Zusammenleben und den Frieden in unserer Gesellschaft.



Foto: Pixabay

Seit Entstehung der Philosophie ist die Frage: „Was ist Freiheit?“ eine der wichtigsten überhaupt. Einig geworden ist man sich darüber bis heute jedoch nicht und dies birgt ein grundlegendes Risiko: Nahezu jeder hat seine eigenen Vorstellungen von Freiheit und ihrem Wesen. Sie ist für uns so schwer greifbar, dass es unmöglich erscheint, sie auf den Punkt zu bringen.

In der Antike wurde Freiheit eng mit der Vernunft verwoben. Sokrates und Platon waren der Auffassung, der Mensch sei frei, wenn er sich seines Verstandes bedienen könne. Er führe ihn auf den richtigen und guten Weg. Später griffen unter anderem auch Descartes und Kant auf diesen Ansatz zurück.

Thomas Hobbes aber war später anderer Meinung. Er glaubte nicht daran, dass der Mensch sich insoweit seines Verstandes bedienen könne, als dass er aus freien Stücken moralisch handle. Seiner Auffassung nach führt der Mensch nicht ein vom Verstand gesteuertes, sondern ein triebbestimmtes Leben, welches nur durch die Natur begrenzt wird. So kam er zu seinem berühmten Satz: „Der Mensch ist dem Menschen Wolf.“ Aus diesem Grund brauche es eine Instanz, den Staat, der für die Aufrechterhaltung von Sitte und Moral sorgt und den Menschen durch Gesetzte Freiheit und Sicherheit schafft. Der Begriff der „bürgerlichen Freiheit“ war geboren.

Rousseau dachte diesen Ansatz zum Teil weiter und entwickelte eine Idee von Freiheit, wie wir sie auch heute in unserer Gesellschaftsordnung in etwa wiederfinden.  Er war – anders als Hobbes – durchaus der Überzeugung, der Mensch könne sich seines Verstandes bedienen und habe einen eigenen Willen. Doch auch er sah ein, dass das Leben in einer Gesellschaft ein weiteres wichtiges Element erfordere: die Ordnung. Gemeinschaften können nur dann funktionieren, wenn sie von ihren Mitgliedern geordnet würden. Der Staat trage die Aufgabe, das Zusammenleben zu regeln, indem er durch Gesetze und Verordnungen die Moral aufrechterhalte und den Sittenverfall verhindere. Somit folgen wir Gesetzen und geben ein Stück unserer individuellen Freiheit zugunsten der Gemeinschaft auf.

Individuum und Gesellschaft

Und heute? Wie frei sind wir wirklich, wenn wir uns an Gesetze und Vorgaben halten müssen, die wir für falsch halten? Ist das noch Entscheidungsfreiheit?

Es ist nicht immer ein leichtes Spiel, in unserer Gemeinschaft. Man schaue sich nur die vielen dicken Wälzer an Gesetzesbüchern an, die Jurastudenten täglich mit sich herumschleppen und durchackern müssen. Für nahezu alle Belange gibt es Regeln, Vorgaben, Pflichten etc.
Ja, so sieht unsere bürgerliche Freiheit aus. Wir haben unsere persönliche Autonomie auf eine höhere Instanz übertragen und erhoffen uns als Gegenleistung Sicherheit, Stabilität und Sorglosigkeit.

Manch einer kann behaupten, wir wären in unserer Freiheit beschnitten und könnte denken: „Wenn ich noch nicht einmal mehr selbst entscheiden darf, welche Einkaufstüte ich verwende, wo bleibt dann bitte meine Handlungsfreiheit?“
Aber oft sehen wir nur die Nachteile und verlieren die Vorteile aus dem Blick.

Kehrten wir zurück zu vollständiger Autonomie und damit zur Gesetzlosigkeit, würden wir eine Art „Hobbes‘chen Naturzustand“ heraufbeschwören. Sicherheit, privater Besitz, Moral, Gemeinschaft – adé! Auch wenn der Mensch nicht nur ein triebbestimmtes Wesen ist, sondern sich durchaus seines Verstandes zu bedienen weiß, gewinnt dieser bei unseren Handlungen nicht immer automatisch die Oberhand. Gefühle und Affekte haben einfach einen zu großen Einfluss auf unsere Entscheidungen.

Somit müssen wir uns zwar Gesetzen fügen und unsere eigene Freiheit ein Stück weit für die Gemeinschaft aufgeben, erlangen im Gegenzug aber eine Art von Freiheit, die wir sonst nicht hätten: Können wir uns unserer Grundbedürfnisse und der Moralität in unserer Gesellschaft sicher sein, haben wir die Möglichkeit, uns von unserem Selbsterhaltungstrieb zu lösen und den Blick auf höhere Ziele und Träume zu lenken. Dadurch, dass wir uns an äußere Bedingungen und Grenzen orientieren müssen, können wir uns in diesen Räumen geschützt bewegen und uns innerhalb der sicheren gesellschaftlichen Grenzen selbst verwirklichen. Müssten wir Minute für Minute um Sicherheit, Nahrung und unseren Besitz bangen, müssten wir diese besondere Art der Freiheit aufgeben.

Auch bleibt uns durchaus die Freiheit gegeben, Dinge aus unseren eigenen Blickwinkeln zu bewerten und sie nicht als gut anerkennen zu müssen, wenn sie uns widersprechen. Wir können unsere Meinung frei äußern und uns positionieren. Aber wir sind nun einmal auch Individuen in unserer Gesellschaft und hier tragen wir eine größere Verantwortung. Nämlich die, zum Wohle aller uns an Gesetze zu halten und dazu beizutragen, ein moralisches und friedvolles Miteinander aufrecht zu erhalten.

Freiheit durch Begrenzung? Ist möglich!

„Dürfen wir noch mit gutem Gewissen Fleisch essen?“ Diese Frage ist nur eine von vielen, die unsere Gesellschaft aktuell zu spalten droht. Sie ist ein perfektes Beispiel für das Gefühl einiger, um ihre Freiheit gebracht zu werden. „Niemand könne einem doch wohl vorschreiben, wie viel und was er sich auf den Teller tut! Das ist Privatsphäre!“

Unsere Idee von Freiheit ist heutzutage sehr groß. Unsere Wirtschaftsordnung, die Globalisierung, der Individualismus, der technische Fortschritt und manch anderes, haben uns eine schier unfassbar große Bandbreite an neuen Entfaltungsmöglichkeiten beschert. Noch nie hatten wir so viele Optionen wie heute. Selbstverwirklichung, Eigenständigkeit, Träume leben, denen keine Grenzen gesetzt sind. Das Gefühl von Grenzenlosigkeit prägt unser aktuelles Freiheitsverständnis. Dass nun plötzlich jemand kommt und vorschreiben will, wie viele Tiere man in seinem heimischen Stall hält und wie viel Gramm Fleisch abends auf den Teller kommt, passt so gar nicht in unseren Vorstellungen eines selbstbestimmten Lebens. Dieser Selbstfokus hat jedoch einen gefährlichen Einfluss auf unser gesellschaftliches Leben, denn er verstärkt die Polarisierung in unserer Gemeinschaft, die aktuell so stark ist, wie schon lange nicht mehr. Zu jeder Debatte gibt es zig unterschiedliche Meinungen und der Spalt, der uns dabei voneinander trennt, wird immer größer.

Die Katze beißt sich in den eigenen Schwanz

Ein passendes Sprichwort, um wunderbar anschaulich zu beschreiben, worauf wir hinzusteuern drohen: Wenn wir uns durch unser Zusammenleben gefangen fühlen, wenn wir beginnen, die individuelle Freiheit höher zu schätzen als die Freiheit in der Gemeinschaft, würden Moral, Sicherheit und Gleichberechtigung, die uns die Gesellschaft sichert, verschwinden. Wir befänden uns dann zwar in einem Zustand, ohne äußere Pflichten, Zwängen und Regeln, aber auch ohne Vertrauen. Ständig müssten wir um unser Hab und Gut und um unsere nächste Mahlzeit kämpfen. Wir würden den Tag damit verbringen uns und unseren Besitz vor denjenigen zu schützen, die ihn uns streitig machen wollen. Kurz gesagt: Der Mensch wird dem Menschen Wolf.

Ein guter Staat will uns durch seine Gesetze schützen und unser Überleben sichern. Genau das will er auch, wenn er darüber nachdenkt, Fleisch teurer zu machen, Plastiktüten zu verbieten oder die Anzahl der Tiere in den Ställen zu regulieren. Er will uns davor schützen, durch den Klimawandel unseren Besitz zu verlieren, sei es durch Überschwemmungen, Dürren, Artensterben etc. Er will uns die Möglichkeit geben, uns weiterhin, innerhalb der kollektiven Freiheit, sorglos entfalten zu können.

Wenn wir unser Verhalten nicht ändern, geht uns die Freiheit dazu verloren! Anstatt unser Leben entlang unserer Vorstellungen aufzubauen und zu verwirklichen, müssten wir tagtäglich darum kämpfen mit den neuen Bedingungen, die uns z.B. der Klimawandel aufzwingt, zurecht zu kommen. Wir würden zu Sklaven der Natur werden und keine freien Individuen, die im Einklang mit ihr und der Gesellschaft leben.

Die Verantwortung trägt jeder

„Das krieg ich doch eh nicht mehr mit!“ Das ist weiteres Argument für viele, um sich vor den unliebsamen Regulierungen zu schützen. Kriegt man es nicht mehr mit, ist man auch nicht dafür verantwortlich. Was soll man sich jetzt zurücknehmen, wo doch alles noch relativ gut funktioniert.

Aber das Essenzielle am gesellschaftlichen Leben ist es zu verstehen, dass man auch für die Zukunft und selbst für die Vergangenheit Verantwortung trägt. Wir sind Teil einer riesigen Gemeinschaft, nutzen ihre Vorzüge und Annehmlichkeiten und sorgen für ihren Fortbestand. Somit sind wir auch dafür verantwortlich, wie es mit ihr aussieht, wenn wir gehen. Ganz nach dem schönen Motto: „Was du nicht willst was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.“ Wir dürfen nicht vergessen, was unsere Gesellschaft in der Vergangenheit getan hat, waren es große wunderbare oder schreckliche Dinge. Ebenso wenig dürfen wir verdrängen, wie es wohl wird, wenn wir nicht mehr da sind und welche Fußspuren wir hinterlassen.

Eine Gemeinschaft lebt von Zusammenarbeit, Zusammenhalt und Rücksichtnahme. Eine Gemeinschaft gewährt uns Möglichkeiten, die wir uns in einem gesellschaftslosen Terrain gar nicht ausmalen könnten. Eine Gemeinschaft gibt uns Freiheit. Mitglied einer Gemeinschaft sein, ist ein Geben und Nehmen. Wir geben die individuelle Freiheit ab und bekommen dafür die kollektive Freiheit für ein moralisches Leben in Sicherheit und der Möglichkeit zur Entfaltung.