Lebenssuche: Wer macht den ersten Schritt Richtung Dachboden?

Lebenssuche: Wer macht den ersten Schritt Richtung Dachboden?

Geschrieben am 17.12.2019
von Sarah Veihelmann

Wir treffen jeden Tag auf etliche Menschen. Wir sehen sie an, nehmen sie mit unserer Denkweise wahr. Gehen an ihnen vorbei. Wir kennen sie nicht. Uns verbindet vermeintlich nichts. Andere wiederum ähneln uns, wir finden sie vielleicht sympathisch. Wir haben viele Gemeinsamkeiten. So meinen wir.



© Pixabay

Aber was vereint uns alle?

Lass uns in ein Haus gehen, ein wenig am Stadtrand gelegen. Highlife, Partys, Alkohol, jede Menge Spaß, gute Laune Faktor, abfeiern; lautstarke Bassmusik, sodass die Socken von der Oma nebenan im Bett noch vibrieren. So lässt sich’s leben! So leben die Bewohner auf Stock 1 des Wohngebäudes. Jubelnd den Tag hoch und runter rocken. Yeah!

Auf den Treppen des zweiten Stockes sitzt ein kleiner Junge alleine auf dem Boden. Es starrt immer wieder zur Decke. Warum nur?
Routinierte Reinigungsabläufe, Staubschichteindämmung Limes gegen unendlich, minutiöse Gesundheitskontrollen, der erhobene Zeigefinger – das ist der Alltag von Stock 3. Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Alles ist in bester Ordnung. So zeigt man sich, man hält etwas auf sich. Natürlich vom Untergeschoss mit High-speed-Aufzug verbunden. Nur aufgrund des herrlichen Panoramas mit grüner Wohlfühl-Oase auf Stock 3 gelandet. Wohlgemerkt.

Stock 4 mit grau-braunem Tapetenwechsel beherbergt verzweifelte, vor sich hin leidende Einsame. Staubschicht Limes gegen unendlich. Wenn das Herz so richtig weint und dabei eine Sprache wimmert, die unverständlich klingt, bleibt es gewöhnlich alleine. Der Kopf wird noch mehr eingezogen. Nicht umsonst werden diese Bewohner heimlich von den anderen als „die lahmen Schnecken“ etikettiert.

Ganz oben, auf dem Dachboden herrschen Stille und Ruhe. Nur der Mond scheint ein wenig hinein. Und eine kleine Spinne huscht über die kalten Holzdielen. Wird heute noch ein Bewohner bei ihnen einkehren?

Was uns trennt, verbindet uns nicht?

Ein Haus, zig Lebensgeschichten, täglich überflutende Stimmungslagen, Milliarden von Gedanken und Ideen, häufige Wortwechsel, nicht immer gewaltlos. Pubertierender trifft auf alten, aber rüstigen Rentner. Schwangere trifft auf unfruchtbare Frau. Arbeitsloser auf Karrieremensch. Alles (nur) Rollen unseres Lebens und doch nehmen wir uns so wahr. Und ich frage mich erneut: Was verbindet diese Hausbewohner? Was braucht der Rocker von Stock 1, was der kleine Junge, was Mister Perfect vom noblen 3. Stock, was die Einsamen von Stock 4?

Und was könnte der Dachboden ihnen geben?

Könnte es Trost sein?!

Dieses Wort, das keinen Mund braucht, sondern eine Hand. Das Wort, das nicht vertröstet werden möchte, sondern angewandt. Das Wort, das kein Gestern und Morgen kennt, nur ein Jetzt. Das Wort, das dich und mich zum wir verbindet. Das Wort, das Armsein zulässt und kein Stein der Verachtung wirft. Das Wort, das Tränen erträgt und Stille nicht tot redet. Das Wort, das die Schnittwunde vorsichtig ansieht und nicht weiter aufreißt. Das Wort, das keine Verabschiedung vor der Begrüßung kennt. Das Wort, das sich wie eine Kerze anzünden lässt, auch wenn es selbst dabei an Wachs verliert.

Wenn du mir nur zuhören wolltest…

Betroffen denke ich an die Geschichten und Begegnungen der Bewohner dieses Hauses. Lass uns hineinblicken. Wir sehen Andrea mit ihrem Sohn Markus von der Kita heimkehren. Soeben betritt sie Stock 1. Da streckt Bettina mit knallgrünen Zöpfen ihren Kopf zur Türe hinaus, laut singend: „What a great day! Yeah! Uhh..! Und wie läuft’s Kleiner, kommst du bald in die Schule?“ In Stock 2 möchte sich Markus am liebsten neben den kleinen Jungen setzen und ebenso an die Decke starren. Andrea zieht ihn weiter. In Stock 3 pfeift sie ein Reinigungsmann an: „Sie und Ihr Junge, Sie machen immer alles dreckig!“ „Tut mir leid!“ stammelt sie. Endlich kommen sie bei ihrer Wohnung mit der Nummer 401 an. 4. Stock, 1. Wohnung. Völlig fertig denkt sie über ein mögliches Abendessen nach. Ob sie die Kraft haben wird, später auf den Dachboden zu klettern?

„Die Bilanzen stimmen zumindest. Morgen kommt die Abrechnung. Freitag das Meeting in New York. Sonntag Kurzentspannung im Hotelzimmer.“ Zufrieden lächelnd, die Brust ein wenig erhöht und den Schritt beschleunigt, drückt er den Aufzugsknopf mit der Zahl 3. „Immerhin begegnet man so niemandem aus dem Schneckenstock. Zum Glück bin ich nicht so.“ Das war Mister-Ja-wer-hätte-es-gedacht-Perfect.

…dann könnte ich dir meine Geschichte erzählen

Bei Andrea klingelt das Telefon. Ihre Freundin Susi. Die Mutter von Jan. Freund von Markus. „Hallo, Andrea, na wie geht’s? Lange nicht gesehen. Alles gut bei dir?“ „Nein eigentlich nicht. Ich mache mir Sorgen um Markus. Er soll bald in die Schule, aber er spielt noch so gerne.“ „Echt? Ne, also mein Jan, der freut sich total.“ „Ja, das ist doch schön. Ich meine nur, was ist, wenn Markus nicht mitkommt in der Schule?“ „Ne, also, um den Jan mache ich mir da gar keine Sorgen. Der ist so fit, da muss ich oft selbst überlegen.“ „Ich meinte nur, falls Markus mehr meine Hilfe bräuchte… du weißt ja, ich muss arbeiten gehen.“ „Ach, ich habe auch immer gedacht, das wird schwer mit Jan, aber du wirst sehen, das läuft schon. Kopf hoch.“ Andrea denkt an das heimliche Gemurmel der Mitbewohner: „Die Schnecken aus dem Vierten bringen es halt zu nichts.“ Andrea verabschiedet sich von Susi. Traurig geht sie an diesem Tag ins Bett. Und der Dachboden? Der ist so weit weg.

One way: Dachboden

Und was ist mit dem kleinen Jungen im zweiten Stock? Das wird er immer wieder von den anderen Bewohnern gefragt, doch er reißt immer nur seine Augen auf: „Wie komme ich zum Dachboden?“

Die dröhnende Musik auf Stock 1 heizt die Stimmung kräftig auf. Wer hier schlapp macht, der landet bei den Schnecken im Vierten. Hier heißt es jede Minute up2party zu sein. Wer nicht hipp ist, der ist out. Draußen sozusagen. Da wird der Traum zum Alptraum und tschüss. Ob die so deklarierten Loser zum Dach des Hauses blicken und den Dachboden erklimmen?

Mister Perfect-goes-to-Hollywood denkt nicht mal den Dachboden. Außerhalb seines Universums besteht nichts. Er ist das Maß aller Dinge. Mit diesem Maßstab bemisst er die anderen Einwohner. Mithalten können die schon lange nicht mehr. „Aber Andrea vom Vierten ist eigentlich schon ne heiße Schnecke.“, denkt er manchmal um sich im nächsten Moment mit Béatrice, von seinem Stockwerk stammend, zu amüsieren. Wer macht sich schon selbst klein, um auf diesen dreckigen Dachboden zu gelangen?
Warum eigentlich das Ganze?
Öfters haben die Bewohner von früheren Mietern gehört, dass der Dachboden besonders sei und sie ihn täglich aufsuchen sollten. Manche taten es noch, aber viele gaben es auf. Es wurde ihnen zu mühsam. Sie fanden nicht, was sie sich wünschten. Ihre Träume, ihr Wohl, ihren Erfolg.

Was, wenn doch einer losgeht?

Was, wenn einer losgeht, den Weg findet und ihn seinem Nachbarn zeigt? Was, wenn sie sich dort alle begegnen, sich vereinen und trösten und dabei Frieden empfangen? Wenn sie dort ein im Staub verhülltes Buch entdecken mit Antworten auf all ihre verborgenen, nicht mehr gestellten Fragen? Was, wenn sie dort alle gemeinsam leben ohne Maßstab von Mister Perfect? Ohne die trostlosen Ratschläge von Freundin Susi? Was, wenn sie dort ihre mühseligen Lasten ablegen können? Doch wer macht sich auf, um diesen Trost zu finden? Wer möchte wirklich Trost weitergeben? Um schließlich im Trost verbunden zu bleiben.

Wer macht den ersten Schritt Richtung Dachboden?