Weihnachten geschafft! – Ein Nachruf

Weihnachten geschafft! – Ein Nachruf

Geschrieben am 17.01.2020
von Fabian Brand

Wieder einmal ist Weihnachten geschafft. Nach dem offiziellen Ende der Weihnachtszeit am Fest der Taufe Jesu vergangenen Sonntag wurde es Zeit, das Wohnzimmer wieder in Normalzustand zu bringen. Die Christbaumkugeln kamen wieder auf den Dachboden, die Krippenfiguren wieder in ihren Kisten verstaut. Zum letzten Mal „O du fröhliche, o du selige“ singen, ein letzter Blick auf die wenigen Lichterketten, die in den Tagen nach dem 06. Januar noch geleuchtet haben.



Weihnachten ist vorbei und der ganz normale Alltagstrott hat mich wieder: Mails schreiben, Sprachnachrichten verschicken, die neuesten Bücher lesen, Aufsätze vorbereiten, und, und, und. All das, was über die Zeit „zwischen den Jahren“ ein bisschen kürzer gekommen ist, muss nun wieder mit vollem Tempo aufgenommen werden. Und es scheint, als sei Weihnachten eigentlich schon wieder völlig vergessen. Als sei das Weihnachtsfest schon wieder ewig her. Dort wo sich noch vor einigen Wochen die Menschen am Glühweinstand die Beine in den Bauch gestanden haben, ist heute längst nichts mehr zu sehen von der vormalig weihnachtlichen Idylle.

In diesem Jahr ist mir etwas Sonderbares aufgefallen: Dass ich eigentlich die Adventszeit viel mehr mag, als das Weihnachtsfest selbst. Das ist durchaus komisch. Denn der Advent ist ja „nur“ die Vorbereitungszeit auf das große Fest. Der Advent ist Hinführung und Einstimmung – die wirklich große Feier ist aber Weihnachten. Die Adventszeit ist besinnlich und nachdenklich, zurückhaltend und einfühlsam. Weihnachten dagegen ist Engelsgesang und freudiges Orgelspiel, Weihrauch und Glockenklang, „Gloria“ und Festtagsbraten. Weihnachten ist wichtiger als der Advent.

Advent oder Weihnachten?

Was mich allerdings immer mehr beschleicht, ist das Gefühl, dass Weihnachten nach dem Heiligabend eigentlich schon wieder vorbei ist. Vielerorts werden die Weihnachtsmärkte nach dem 24.12. abgebaut, Christbäume vor Silvester schon entsorgt, selbst im Radio werden nach den Feiertagen keine Weihnachtslieder mehr gespielt. Mit dem Heiligabend ist der Anfang vom Ende eingeläutet. Weihnachten ist vorbei, bevor es begonnen hat.

Eigentlich ist das auch kein Wunder. Wenn ab Mitte Oktober in den Kaufhäusern gefühlt das Weihnachtsfest beginnt, dann ist die Lust an Weihnachten vorbei, ehe das Fest überhaupt da ist. „Alles hat seine Zeit“, heißt es schon beim Prediger Kohelet im Alten Testament. Und ein Sprichwort sagt: Man muss die Feste so feiern, wie sie fallen. Aber was in unserer Gesellschaft jedes Jahr aufs Neue geschieht, ist etwas sehr Verqueres: Die Feste werden gefeiert, wenn es markttechnisch am günstigsten ist und wenn man den größten Umsatz erwarten kann. Und notfalls ist Weihnachten eben im Oktober. All das hat aber sehr skurrile Konsequenzen, wenn man am Heiligabend eigentlich schon genug von Weihnachten hat. Dann könnte man den Festkalender doch gleich über Bord werfen. Dann feiert man eben, wenn es gerade günstig ist. Und wer an Weihnachten keinen Spaß mehr am Weihnachtsfest hat, der fügt sich eben ein in den Rhythmus, den die marktorientierte Gesellschaft vorgibt.

Mir ist aber noch ein anderer Gedanke gekommen, der viel mehr wiegt: Advent ist sehnsüchtiges Warten – Weihnachten ist Erfüllung der Erwartung. Vielleicht ist mir der Advent gerade deshalb auch so lieb, weil ich mich selbst darin so gut wiederfinden kann. Meine Sehnsüchte und Träume, mein Ausschauhalten nach einer besseren Welt, meine Hoffnung und Zuversicht: all dies hat seinen Platz im Advent. Die biblischen Texte, die wir in dieser Zeit hören, die Lieder, die wir singen, sie alle beinhalten diese Sehnsucht und bringen sie zum Ausdruck. Mein Leben ist nicht Erfüllung. So vieles ist noch offen, so viel Sehnsucht und Hoffnung begleitet mich Tag für Tag. In der Adventszeit klingen diese Gefühle wider, sie bekommen in unseren Gottesdiensten einen Resonanzraum.

Der Sehnsucht Raum geben – Erfüllung erwarten

An Weihnachten feiern wir die Geburt des Kindes in Betlehem. Wir feiern, dass sich die prophetischen Verheißungen der Adventszeit erfüllt haben. Die Hoffnung der Menschen läuft nicht ins Leere. Es gibt einen Sinn, das sehnsuchtsvolle Rufen der Menschen wird erhört. Gott erbarmt sich und wendet sich uns in Liebe zu. Das ist Weihnachten: Erfüllung und Vollendung, Versprechen werden eingelöst und den Menschen wird das Heil zuteil, auf das sie so lange schon gewartet haben.

Mir persönlich jedenfalls ist die Adventszeit irgendwie sympathischer. Es mag darin liegen, dass mich in ihr viel besser wiederfinde. Erfüllung und Vollendung gibt es auch in meinem Leben. Aber viel größer sind doch Sehnsüchte und Hoffnungen, die mich begleiten und mein Leben ausmachen. Im Advent werden sie ins Wort gefasst. Im Advent schafft man ihnen Raum. Hier finde ich mich wieder. Hier darf ich mit so vielen anderen rufen: „Komm doch, wir warten auf dich. Komm und wende dich uns zu“.