Fußballstadt Madrid

Fußballstadt Madrid

Geschrieben am 17.01.2020
von Marcel Bothe

Die Königlichen, das weiße Ballett, die Galaktischen. Spitznamen hat der Fußballverein Real Madrid viele, und Anhänger auch: Von etwa 450 Millionen weltweit sprach ein Verantwortlicher vor ein paar Jahren einmal, und mit den drei Erfolgen in der Champions League in den Jahren 2016, 2017 und 2018 dürften es wohl nicht weniger geworden sein. Ich habe während meines Auslandssemesters ein Spiel von Real besucht und berichte über meine Erlebnisse.



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Als ich eines angenehmen, warmen Sonntags in meinem Bett liege und den Tag so langsam starten möchte, kommt mir eine Idee: Real! Karten! Ich hatte mir zu Beginn meines Auslandssemesters vorgenommen, so viele verschiedene Vereine wie möglich zu besuchen, und da stand Real natürlich ganz oben auf meiner Liste. Ich öffne also die Homepage der Königlichen und bin überrascht, dass es noch einige Tickets für das Spiel in der Champions League gibt, das einige Tage später gegen den FC Brügge ausgetragen werden soll. Die Preise beginnen bei 40 Euro für Sitze mit weniger guter Sicht über 60 Euro mit ziemlich guter Sicht hin zu noch höheren Summen für Plätze beinahe am Spielfeldrand. Ich entscheide mich für die mittlere Preiskategorie, denn wann würde ich schließlich wieder zurückkehren? Zudem wurde mir im Vorfeld gesagt, dass es eigentlich unmöglich sei, Karten für Real zu besorgen: Viele der Plätze sind bereits durch die Dauerkarteninhaber belegt, der Rest wäre entweder durch Touristen oder spontan Entschlossene Spanier besetzt – denn Real ist eben Real. Doch in dieser Saison verlief es etwas schleppender für das Team von Trainer Zinedine Zidane: Von den ersten sieben Spielen in der Liga gewann Real nur vier, dazu kam das deutliche 0:3 am ersten Spieltag der Champions League gegen die neureichen Pariser.

Die Vorzeichen vor dem Spiel gegen Brügge könnten also besser stehen, und das sehen wohl auch einige der erfolgsverwöhnten Madrilenen so: Nur etwa 65.000 der möglichen 81.000 Sitze des Estadio Santiago Bernabéu sind besetzt. Wer sich jedoch wie ich für einen Besuch des Spiels entscheidet, fährt mit der blauen Linie der Madrider Metro – die im Übrigen erstaunlich gut funktioniert – in den Norden Madrids und steigt an der Station Santiago Bernabéu im Bezirk Chamartín aus, die wie das Stadion nach dem langjährigen Spieler und Präsidenten des Vereins benannt ist.

Bernabéu baute den Klub nach den Wirren des spanischen Bürgerkrieges, dem einige Spieler und Vorstandsmitglieder zum Opfer gefallen waren, wieder auf. In der Zwischenzeit war Atlético zur Nummer eins der Stadt geworden, und das konnte Bernabéu nicht auf sich sitzen lassen. Er trieb schließlich den Bau eines neuen Stadions an und legte zusammen mit spektakulären Transfers wie dem der späteren Real-Legende Alfredo di Stéfano den Grundstein für den Mythos Real, der bis heute reicht.

All das schießt mir durch den Kopf, als ich die Treppen der Metro-Station hinaufsteige und schließlich den Ausgang erreiche, von dem aus das Stadion bereits fast zu sehen ist. Vorher sehe ich jedoch etwas anderes: Eine im spanischen Fußball übliche Sitte ist es, Getränke und Speisen – es geht natürlich nichts über ein Bocadillo de queso und jamón, also ein Baguette mit Schinken und Käse – selber mitzubringen, und so wimmelt es im Umfeld des Stadions vor kleinen Ständen, die neben Schals und Mützen auch diverse Softdrinks, Chips oder andere Snacks anbieten. Da mir diese Sitte zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt ist, verzichte ich auf das günstige Angebot, kaufe mir im Stadion ein Bocadillo und lasse den Blick über die Zuschauerränge schweifen, die gut eine Stunde vor dem Spiel noch recht spärlich besucht sind. Das Spiel soll um 18:55 Uhr beginnen, und da es der Spanier mit Pünktlichkeit nicht so hat wie der Deutsche – dieses Vorurteil musste ich im Laufe meines Auslandssemesters leider bestätigen -, füllen sich die Ränge auch erst gegen 19 Uhr. Das Abspielen der berühmten Hymne „Hala Madrid“ („Vorwärts, Madrid!“) einige Minuten vor dem Anpfiff hätte bereits für den ersten Gänsehaut-Moment sorgen können, doch da Hymnen wie diese im Gegensatz zu den Bräuchen in deutschen Stadien offenbar nicht wirklich von den Fans im Stadion mitgesungen werden, fällt dieser zunächst aus.

Und es wird nicht besser: Bereits nach acht Minuten stolpert Emmanuel Dennis im Strafraum der Madrilenen, bringt aber irgendwie den Ball ins Tor von Thibaut Courtois und so den krassen Außenseiter Brügge in Führung. Die mitgereisten Fans aus Belgien können ihr Glück nicht fassen und dominieren die Geräuschkulisse im Estadio Santiago Bernabéu, und so geht es weiter: Nach 38 Minuten trifft Dennis zum 2:0. Das Publikum von Real ist wenig anderes gewohnt als Siege und Pokale, und so darf ich weniger die atemberaubende Atmosphäre erleben, die die Masse an Zuschauern entwickeln kann, und darf stattdessen immerhin einige spanische Schimpfwörter lernen, die ich an dieser Stelle jedoch nicht wiederholen möchte. So viel lässt sich jedoch sagen: Es gibt einige davon. Tacos sind nicht nur aus Weizen oder Mais hergestellte Tortillas aus der mexikanischen Küche, die klassischerweise mit Fleisch und Gemüse gefüllt werden. In Spanien bezeichnet man so auch jene Ausdrücke, die man seinen Kindern besser nicht beibringen sollte. Der Spanier schimpft jedoch gerne, besonders der Madrilene, erklärt mir meine Spanisch-Dozentin einige Wochen später, und so wundert es mich nicht, aus allen möglichen Ecken derbere Ausdrücke zu hören: Von Männern und Frauen, von Jüngeren und Älteren. Das Publikum bei Real gleicht des Öfteren auch mal dem eines Theaters, es wird dann ganz still und wartet darauf, nun endlich unterhalten zu werden. Doch wenn es so überhaupt nicht läuft, dann fallen schnell die ersten Schimpfwörter. Und gegen Brügge läuft es überhaupt nicht.

Das Publikum wird also immer unruhiger, und dann kommt Sergio Ramos. Der Real-Kapitän hat schon so einige entscheidende Tore für seinen Verein erzielt, und auch dieses Mal geht er voran. Kurz nach Beginn der zweiten Hälfte köpft er nach einem Freistoß zum 1:2 ein und weckt damit die Zuschauer auf. Als Real direkt nach dem Tor wieder in Ballbesitz gerät und den nächsten Angriff in Richtung Brügge-Tor startet, haben alle Zuschauer ihre Bocadillos zur Seite gelegt und sorgen für jenes Raunen, das sich durch meinen ganzen Körper zieht und die 60 Euro Eintritt bereits wert war. Ich habe Gänsehaut vom Scheitel bis zur Sohle und möchte dieses Gefühl nie wieder loswerden, doch es stellt sich schnell wieder ein. Denn aus dem Angriff wird nichts, und so dauert es bis zur 85. Minute, bis Casemiro zum 2:2 ausgleicht und für erneutes Raunen sorgt, das jedoch bald schon wieder erstickt.

Das Spiel endet schließlich auch mit einem für Real enttäuschenden Unentschieden, und ich verlasse mit gemischten Gefühlen das Stadion: Ich habe zwar die A-Elf von Real mit dem Weltfußballer Luka Modric, dem Deutschen Toni Kroos oder dem 100-Millionen-Transfer Eden Hazard gesehen, doch den Glanz früherer Tage versprüht der Verein für mich nicht mehr. Cristiano Ronaldo fehlt schon, denke ich mir, erinnere mich an seine zahlreichen Tore und setze mich in die Metro. Auch die Atmosphäre fand ich etwas enttäuschend, geht mir durch den Kopf, als ich am Plaza de España umsteige und die zahlreichen Treppen bewältige, bis ich die gelbe Metrolinie erreiche, die mich bis fast vor die Haustür fahren wird. So etwas wie Fangesänge war nicht wirklich vorhanden. Doch eines steht fest: Ich habe Blut geleckt. Und plane meinen nächsten Stadionbesuch in Madrid, während ich die Treppen zu meiner Wohnung im dritten Stock hinaufsteige.