Richtig angeschmiert: Keine Ahnung, wer ich bin

Richtig angeschmiert: Keine Ahnung, wer ich bin

Geschrieben am 02.02.2020
von Sarah Veihelmann

Durch einen Verlust wird uns der Wert des Verlorengegangenen oft erst bewusst. Selbstverständlichkeiten sind plötzlich nicht mehr selbstverständlich und Antworten, die scheinbar natürlich gegeben sind, haben plötzlich ihren Punkt in drei Fragezeichen umgetauscht. Lass dich auf ein spannendes Gedankenexperiment ein, wenn deine Identität verloren geht und wiedergefunden werden möchte.



© Pixabay

Ein gewohnter Griff in meinen Geldbeutel lässt mich innehalten. Ein gefühlter Herzaussetzer folgt. Erschrocken schaue ich auf die Fächer mit Karten und Ausweisen. „Mein Perso ist weg!“ Oh nein, auch das noch. Das hat mir gerade noch gefehlt. Nach zehnmaligem überprüfen, ob er urplötzlich entschieden hat, doch wieder Gestalt anzunehmen und er es nicht tut, ziehe ich los zum Rathaus meines Ortes.

Die erste Hürde

Ich: „Ja schönen guten Tag. Ich hab‘ meinen Perso verloren, möchte einen nachmachen lassen. Ach ja, hier die Verwaltungsgebühr wie immer.“

Dame am Tresen: „Oh nein, das kann ich nicht machen.“

Ich: „Wie, das können Sie nicht machen? Leiten Sie mich an jemanden weiter?“

Dame am Tresen: „Nein, das geht auch nicht. Bitte gehen Sie, hier bekommen Sie keine Identität.“

„Die wollte ich ja auch nicht, nur den Ausweis dafür…“, so laufe ich schimpfend weg.

Wo ist mein Helfer in der Not?

„Ja großartig, hätte ich ihn nur nicht verloren. Den doofen Ausweis. Und jetzt?“ Wohin gehe ich nun? Ich meine, wenn du krank bist, geht zu zum Arzt, wenn du Hunger hast in den Supermarkt und wenn du eben einen Ausweis brauchst, zum Amt. Aber wenn keiner hilft, wohin geht man dann? Ich dachte, für jeden Fall gibt es eine Anlaufstelle. Gibt es nicht für jeden Topf einen Deckel? Aber nicht für jeden Deckel einen Topf? Jetzt checke ich gar nichts mehr.

„Ausweis bitte!“

Spätestens wenn ich meine Identität vorzeigen muss, mich im wahrsten Sinne ausweisen muss, werde ich ihn benötigen. Für die nächste Prüfung, für die nächste Bundestagswahl, Polizeikontrolle, für alles eben. Wer wird mich noch kennen? Wer wird mir glauben, wenn ich sage, wer ich bin?

Die Antwort auf die Frage, wer ich bin

Habe ich jetzt alles verloren? Meine Identität? Die Antwort auf die Frage, wer ich bin? Aber dann hatte ich sie einst, sonst wäre nun kein Verlust vorhanden. Also gut, wer war ich einst? Ich wage eine Rekonstruktion. Natürlich habe ich einen Namen bei der Geburt erhalten und meine biometrischen Werte lassen sich mit wenigen Messinstrumenten verzeichnen. Aber sonst, wer bin ich? Sollte ich meine Hobbys einbeziehen? Wer meine Nächsten sind?

Ab ins Getümmel

Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich packe Notizblock, Kuli und Proviant in meinen Rucksack. Auf die Plätze, fertig, los. Ich stelle mich auf den Markplatz und beginne mich vorsichtig nach anderen Menschen umzuschauen. „Hey Sie, ja Sie, wissen Sie wer ich bin?“ „Na junge Frau, also ich bitte Sie, wir kennen uns doch gar nicht.“ Oups, stimmt. Ich erröte, schnell weg hier. Mensch, war das eine doofe Idee.

Die nächste Fragestunde

Ich gehe zu Freunden. Grillparty, lockere Atmosphäre, lauer Abend. „Ich muss euch etwas ganz dringendes fragen“, so beginne ich gespannt mein Anliegen. „Wer bin ich?“ „Häh? Was ist das für eine Frage. Du bist halt du.“ „Na, aber was macht mich aus?“ „Du bist freundlich.“ „Okay, aber freundlich ist doch jeder.“ „Du bist kreativ.“ „Okay, aber das ist doch nicht mein ganzes Sein.“ „Du bist nett.“ „Ich geb‘s auf.“ Ich schiebe frustriert meine Identitätsfrage beiseite und etikettiere sie mit dem Aufkleber: „frustrierend unbeantwortbar.“

Es wird brenzliger, der Tag rückt näher …

Allerdings wird von Tag zu Tag der Moment wahrscheinlicher, in dem ich meine Identität vorweisen muss. Mir wird so langsam mulmig. Was, wenn mir jemand eine andere, ja eine falsche Identität unterjubelt? Am Ende glaube ich noch dieser falschen Identität und verhalte mich dementsprechend. Ich kann keinen Gegenbeweis liefern. Früher hätte ich halt dagestanden, meinen Ausweis gezückt, gegrinst und lässig von mir gegeben: „Stopp mal langsam. Ich bin das hier. Schauen Sie auf meine Karte!“ Und nun steh ich da wie ein Ochse vor der Apotheke und frage mich, ob ich durch die Schiebetüre passe. Nee, ich bin nicht mal ein Ochse, der würde sich nämlich nicht fragen, wer er ist.

Eigenkreation schmeckt doch immer am besten hausgemacht!

Tolle Wurst, und jetzt? Entweder lebe ich nun damit, was meine Freunde über mein Sein sagten … oder aber ich bastle mir eine eigene Identität. So richtig einfach mal sein, wer ich sein will. Also sagen wir eine freundliche, zugewandte, zutiefst aufrichtige Person, einfach perfekt, maßgeschneidert. Allseits beliebt. Bekannt. Nun gut, mein Verstand meldet soeben und denkt dabei an Psychologiebuch Seite 35, auf welcher im blauen Kasten die Definition von Idealselbst steht. Wer ich sein möchte? Was für mich wünschenswert ist? Wer ich sein soll … das wird nach hinten los gehen. Ich bin doch, wer ich bin, nicht wie sein will. Der Wille ist doch nicht meine Identität. Eine Sache wird definiert, sie definiert sich nicht selbst. Das passiert doch auf einer Metaebene. Wieder in der Sackgasse gelandet. Wo geht’s raus aus dem Labyrinth?

„Hello, who am I?“

Next step, ich muss meine Koffer packen und um die halbe Welt fliegen. Irgendjemand wird mir meine Identität geben können und wenn es ein Vermögen kosten wird. Es gab doch bestimmt schon Identitätsverlierer vor mir. Vielleicht erkenne ich auch meine Identität in der anderen Person wieder. Aber ob wohl jemand unter einer Palme hockt und mir zurufen wird: „Dich kenne ich doch!“, sodass mein Herz schon vor Freude hüpfen wird, um beim Fortsetzen der begonnenen Phase innezuhalten: „Du bist doch Claudia!“ Und ich denke: „Nee, eigentlich nicht. Aber schön dich kennengelernt zu haben und tschüss.“

Gestatten, ich bin …

Ich sollte es aufgeben. Weder andere bemühte Leute noch ich selbst können mich ausweisen, mir sagen, wer ich bin. Aber da hat doch mal jemand den klug klingenden Satz gesagt: „Ich denke, also bin ich.“ Gut, ich habe mir nun lange genug das Gehirn zermartert ohne Erfolg. Und der Slogan: „Sie ist, was sie isst.“ Gut, dann sag ich halt: „Hallo, ich bin Brokkoli. Guten Tag.“ Nur um danach grün anzulaufen.

Tochter von … oder bin ich eine soziale Rolle?

Aber Moment mal, eines gilt es noch abzuklappern. Man sagt doch im Volksmund: „Wem gehörst du?“ Das ist doch gang und gäbe im Universum des schwäbischen Dialektes: „Wem ghörsch?“ Brav wird dann geantwortet: „Ich bin die Tochter von …“ Kopfnicken, und der Alles-ist-klar-Blick folgen, du siehst ja auch voll deinem Vater gleich. Danke, ich bin weiblichen Geschlechts. Und Tschüss. Aber die Frage war doch gar nicht schlecht, wem ich gehöre …

Der Marathon des Lebens – Ein Herz für die richtige Identität

War wohl nichts. Ich muss mich ohne Identität abfinden, hilft alles nichts. Aber ich habe noch mein ganzes Leben vor mir. Das sind keine guten Bedingungen, so ohne Identität. Ständig in Angst und Sorge, wer ich bin. Irgendwie muss ich doch diese Frage mit Antworten füllen. Aber was ist die richtige?

Wer sind denn die anderen? Was sagen sie, wer sie sind? Ich könnte doch einfach eine Identität übernehmen … aber dann hätte der andere ja keine mehr.

„Bitte kontaktieren Sie bei Fragen …“

Was für eine verzwickte Situation, was für ein namenloses Leben. So lege ich mich aufs Bett, pikse meinem Teddy in den Bauch und frage: „Wer bist denn du?“ Freudestrahlend grinst er mich an, reicht mir das Telefon und meint: „Ruf doch meinen Hersteller an!“