Corona und die Panik – Fragen zu den Folgen medialer Macht

Corona und die Panik – Fragen zu den Folgen medialer Macht

Geschrieben am 26.02.2020
von Felix Gailinger

„Coronavirus: Run auf Schutzmasken – aber schützen die überhaupt?“ [(1)]

„Wegen Coronavirus: In Brandenburg werden die Atemschutzmasken knapp“ [(2)]

„Coronavirus: Der panische Run auf Atemmasken, die wenig bringen“ [(3)]



Symbolbild: © Pixabay

Seit Ende Januar 2020 lassen sich in den deutschen Medien viele Schlagzeilen wie diese finden. Gleichzeitig fällt auch realiter im innerstädtischen Raum Münchens (und auch in manch anderen Städten) die Zunahme an Personen auf, die eine Atemschutzmaske tragen. Ich möchte ausgehend von dieser Beobachtung Fragen aufwerfen. Wie lässt sich die Verunsicherung der Menschen erklären? Wie tragen mediale Berichterstattungen dazu bei, dass die Vorräte der Atemschutzmasken anlässlich der Corona-Epidemie teilweise erschöpft sind, obgleich doch eigentlich andere Gefahren wie beispielsweise diese, an der Grippe zu erkranken, viel größer sind? Die Frage nach dem Wie ist eine voraussetzungsvolle. Diese Voraussetzungshaftigkeit möchte ich beispielhaft reflektieren. Was ich mir davon erhoffe? Noch mehr Fragen! – Aber vielleicht auch ein kleines bisschen mehr Verständnis für diejenigen, die sich Sorgen machen. Für diejenigen, die aus ihrer Verunsicherung heraus zur Atemschutzmaske greifen, die derzeit zum Symbol eines marginalisierenden gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses gerinnt.

Im Krieg gegen den Virus?

Betrachtet man die Eingangs genannten Schlagzeilen, fallen drei Gemeinsamkeiten auf: Es wird jeweils der Coronavirus namentlich zum Feind ernannt, es ist nicht die Rede von einer erhöhten Nachfrage nach Atemschutzmasken sondern vielmehr von einem (panischen) Run oder einem Ansturm aufgrund einer Ressourcenbegrenztheit und durch den gleichzeitigen Anschein eines aufklärerischen Anliegens wird die Unsicherheit des Lesenden multipliziert und eine gewisse Reflektiertheit der medialen Berichterstattung behauptet. Reflektiert zu sein, klingt gut, macht glaubwürdig; doch so manches Mal ist dessen Behauptung der Schleier, der irrationales Denken legitimiert.

Was stets implizit mitschwingt: Die Situation sei schrecklich, aber Wir (i.e. die Medien) bewahren einen kühlen Kopf und klären auf. Im – diese Polemik ist nötig, um die Perversion aufzudecken – scheinbar nicht zu gewinnenden Krieg gegen den aktuell größten Feind der Menschheit, dem Coronavirus, sind jedoch, so die Annahme, nicht einmal Atemschutzmasken genug. Anstatt zu fragen, ob man die Schutzmasken wirklich brauche, wird gefragt, ob sie wirklich ausreichen. Ursache und Wirkung werden vertauscht, eine panikmachende Sprache auf den Plan der Berichterstattung gerufen.

Wie Alexander Brand erörtert, ist gesellschaftliches Wissen eine „Verkopplung von Expertenwissen (seitens exponierter politischer Akteure sowie etwa der Wissenschaft) und allgemeinen wie segmentierten gesellschaftlichen Wissensbeständen“ [(4)]. Die Medien nehmen im Corona-Diskurs und gewiss auch in anderen Debatten die Position der Expert_innen an und behaupten einen gewissen Geltungs- und Wahrheitsgehalt.

Die medialen Topoi verstärken diesen Eindruck und werden wirkmächtig.[(5)] [(6)] Hierbei sei auf eine exemplarische Chronik verwiesen, die zeigt, wie konstruiert gesellschaftliches Wissen doch sein kann.[(7)] Im tatsächlichen Geschehen schwingt stets ein weiterer Subtext mit, den ich essayistisch überspitzt aufzeigen möchte: Es ist dieser der kriegerischen Auseinandersetzung. Eine tatsächlich reflektierte mediale Berichterstattung sollte aus ihrer Verantwortung heraus diesen Subtext nicht adaptieren. Diskurse sind machtvoll und bestehen aus erfolgreich geprägten Bedeutungshorizonten, die dann am folgenreichsten sind, wenn sie – wie die Subtexte – unreflektiert hingenommen werden.[(8)] Gerade deswegen ist es angebracht, aktuelle mediale Berichterstattungen zu hinterfragen.

  • Januar 2020: Der Coronavirus breitet sich rasant aus. Das US-amerikanische Center for Systems Science and Engineering (CSSE) der John Hopkins University Baltimore veröffentlicht ein Tool, um weltweit die Gebiete gemeldeter Corona-Fälle live nachzuverfolgen.

[Subtext: Der Feind annektiert zunehmend mehr Gebiete weltweit. Der rasante Vormarsch ist nicht zu übersehen.]

  • 24. Januar 2020: China beginnt, innerhalb kürzester Zeit eine Spezialklinik für Patient_innen zu erbauen, die sich mit dem Corona-Virus infiziert haben.

[Subtext: Es ist mit zahllosen Versehrten zu rechnen. Die schrecklichen Ausmaße erfordern schnelle Maßnahmen um jeden Preis.]

  • 31. Januar 2020: Die WHO ruft den Gesundheitsnotstand aus.

[Subtext: Die Welt befindet sich nun offiziell im Krieg gegen Corona, die Menschheit ist gefährdet.]

  • 01. Februar 2020: Über 100 deutsche Staatsbürger_innen werden mit einem Flugzeug der Bundeswehr von Wuhan nach Deutschland geflogen.

[Subtext: Das Krisengebiet des Krieges, das Epizentrum, ist nicht sicher genug. Das Leben der Menschen ist in Gefahr. Die Bundeswehr befreit ihre Schützlinge aus den Krallen Coronas.]

  • 01. Februar 2020: Russland verweigert die Zwischenlandung der deutschen Maschine.

[Subtext: Russland und Deutschland kämpfen nicht Seite an Seite, der Krisenzustand stellt vermeintliche Allianzen auf den Prüfstand.]

  • 02. Februar 2020: Es wird bekannt, dass nicht alle unversehrt zurückgeholt werden konnten.

[Subtext: Deutschland erlebt einen herben Rückschlag in der kriegerischen Auseinandersetzung. Der Feind Corona invadiert weiter in den gegnerischen Raum.]

  • 02. Februar 2020: Es wird ein erster Durchbruch der Arbeit an einem Gegenmittel verkündet.

[Subtext: Thailand entwickelt eine Geheimwaffe gegen den Kriegsgegner Corona. Die ganze Welt setzt ihre Hoffnungen in diese Wunderwaffe.]

Rüdiger Görners ursprünglich literaturtheoretischer Ansatz, was man ‚wahr‘ nimmt, halte man auch für wahr,[(9)] spiegelt sich in der zitierten Berichterstattung wieder. Es ist ein beängstigender und angstmachender Subtext, der an eine kriegerische Auseinandersetzung erinnert: dem Kampf gegen Corona. Inwiefern stellt die mediale Aushandlung um den Corona-Virus eine machtvolle Wissensachse dar, die gerade zu dieser Atmosphäre der Angst beiträgt? Welche Rolle spielen die Medien als disziplinierende Institutionen? Auf welche Weise identifizieren sich verängstigte Menschen mit den medial vermittelten Deutungsangeboten?[(10)] Wie konnte ein medial vermittelter Wissensfundus zu gesellschaftlich etablierter Wahrheit und Wirklichkeit werden?[(11)]

Und die Betroffenen?

Ausgehend von den Schlagzeilen und ihrem schürenden Subtext bietet es sich an, auch einmal die Perspektivierung der betroffenen Akteur_innen einzunehmen, deren Sichtweise durch das mediale Aushandeln überwiegend unsichtbar bleibt oder in Form von Massenpaniken und Runs simplifizierend dargestellt wird. Ich möchte nicht apriorisch davon auszugehen, dass diejenigen, die eine Maske tragen, sich explizit vor einer Infektion durch den Coronavirus schützen möchten. Mein Eindruck ist jedoch der, dass es im Münchner Innenstadt-Raum schon kurz nach den ersten Berichterstattungen zu einem sehr starken Anstieg kam und deutlich mehr Menschen mit Masken unterwegs sind als noch zuvor. Wer derzeit in München öffentlich mit einer Atemschutzmaske herumläuft, wird häufig schief angesehen, belächelt, als naiv bezichtigt und zugleich zum verängstigten, panischen, unreflektierten Medienrezipienten deklariert. Doch wo sind diese Stimmen selbst? Es ist, so scheint es, ein Sprechen über, kein Sprechen mit. Aus welchen Gründen fassen Menschen den Beschluss, in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen, obgleich doch paradoxerweise die Gefahr der Grippe-Infektion und auch die Zahl der daran Infizierten stets bei weitem höher ist? Wie fühlen sie sich dabei?

Der Soziologe Harold Garfinkel würde dieser Krisenhaftigkeit womöglich unter anderem mit einem Krisen-Experiment begegnen, um die Marginalisiertheit der Maskentragenden nicht noch durch ein exotisierendes Interview zu multiplizieren. Im Alltag teilen wir unausgesprochene Annahmen, eine Art stumme und sozial konstruierte Vereinbarung. Es sind regelrecht implizit vorausgesetzte soziale Normen des Sich-Verhaltens, die wir als selbstverständlich hinnehmen und nicht wirklich hinterfragen.[(12)] Was würde wohl geschehen, wenn man sich selbst zum Teil eines solchen Krisenexperimentes machen würde, das gerade diese Selbstverständlichkeit durchkreuzt? Mein Vorschlag: Man setze sich eine Atemschutzmaske auf und gehe an einen Ort mit einer hohen Personendichte und geringen Fluktuationsmöglichkeiten wie beispielsweise dem Innenraum einer fahrenden U-Bahn in München. Man stelle sich in Mitten der Menschenmasse hin und beobachte, wie andere auf einen reagieren und gleiche das mit eigenen Erfahrungen des alltäglichen U-Bahn-Fahrens ab. Setzen sich Menschen um? Beobachten sie? Reagieren sie anders als gewohnt? Vermutlich! Wie fühlt sich das an? Du bist dir noch nicht sicher?

Dann verschärfe das Experiment, indem du exzessiv hustest und dein Unwohlbefinden artikuliert. Gewiss wird festzustellen sein, dass man sich in Anbetracht der Blicke und Reaktionen womöglich äußerst unwohl fühlt. Rein rational sollte aufgrund der Atemschutzmaske keine akute Infektionsgefahr qua Husten bestehen. Die mediale und diskursive Omnipräsenz des Coronavirus im „gesellschaftlichen Wissensfundus […], der entscheidend für das Agieren politischer und gesellschaftlicher Akteure […] ist“[(13)] führt jedoch zu einer erhöhten Sensibilität der Menschen und irrationalen Reaktionen. Bilder und mediale Berichterstattungen, welche viele Menschen unhinterfragt rezipieren, können Auslöser hierfür sein. In München gezielt eine Atemschutzmaske zu tragen, um sich vor einer Infektion durch den Coronavirus zu schützen, ist gewiss nicht angenehm und erfordert eine hohe Überwindung. Es ist der Druck des Irrationalen, der mitunter durch ein zu starkes Aufgreifen des kriegerischen Subtextes medial vermittelt wird.

Das Tragen der Masken und der mediale Diskurs sind ineinandergreifende Konstellationen und Konfigurationen. Sich selbst einmal in die Situation der Maskenträger_innen zu begeben, wäre ein empirisches Korrektiv, das für die Sichtweisen Betroffener sensibilisiert.[(14)] Ganz im Sinne des Sprachphilosophen und pragmatischen Sprechakttheoretikers John Austin ist bei diesem Vorgehen stehts zu fragen, wie mit Worten etwas ausgelöst wird (seine Publikation von 1962 nannte er nicht grundlos How to do things with words). Wie werden durch eine spezifische mediale Aushandlung panikschürende Akte in Gang gesetzt, die nicht immer wie geplant gelingen, sondern auch gänzlich scheitern können:[(15)] [(16)] Wie regt die mediale Topologie die Akteur_innen zum Handeln an, beispielsweise indem sie, die Ängste verinnerlichend, Atemschutzmasken tragen. Und wie hingegen gestaltet sich Widerstand gegen eine drohende Infodemie, die sich letztlich auch im Irrglauben niederschlägt, Knoblauchkonsum schütze vor einer Infektion? Kann die mediale Aushandlung und deren Rezeption letztlich als Metapher politischen Misstrauens verstanden werden, die sich in Form der Atemschutzmaske materialisiert?

Sich selbst wie vorgeschlagen eine Atemschutzmaske aufzusetzen und damit einfach so in die U-Bahn zu steigen, klingt vermutlich im ersten Moment komisch und führt womöglich zu einer Abwehrhaltung. Doch warum ist das so? Und was bräuchte es, um das zu ändern? Vielleicht ja – so meine resignierte Befürchtung – ein wenig medialen Druck.

Literaturverzeichnis

[(1)] BR 24 Redaktion. [28.01.] 2020. Coronavirus: Run auf Schutzmasken – aber schützen die überhaupt? BR 24. < https://www.br.de/nachrichten/bayern/coronavirus-run-auf-schutzmasken-aber-schuetzen-die-ueberhaupt,RorwRH2> [Zugriff am 03.02.2020].

[(2)] Märkische Allgemeine. [29.01.] 2020. Wegen Coronavirus: In Brandenburg werden die Atemschutzmasken knapp. Märkische Allgemeine. < https://www.maz-online.de/Brandenburg/Coronavirus-In-Apotheken-in-Brandenburg-sind-Atemschutzmasken-ausverkauft> [Zugriff am 03.02.2020].

[(3)] WELT = Ettel / Gassmann / Turzer. [31.01.] 2020. Coronavirus: Der panische Run auf Atemmasken, die wenig bringen. WELT. <https://www.welt.de/wirtschaft/article205482357/Coronavirus-Der-panische-Run-auf-Atemmasken-die-wenig-bringen.html> [Zugriff am 03.02.2020].

[(4)] Brand, Alexander. 2012. Medien – Diskurs – Weltpolitik. Wie Massenmedien die internationale Politik beeinflussen. Transcript, S. 131.

[(5)] Höppner, Ulrike; Dominik Nagl (2008): Jenseits der Staatlichkeit. Governance und Gouvernementalität als postmodernes Konzept des Regierens. In: De la Rosa, Sybille; Ulrike Höppner; Matthias Kötter (Hg.): Transdisziplinäre Governanceforschung. Gemeinsam hinter den Staat blicken (Schriften zur Governance-Forschung 13). Baden-Baden, S. 119-137.

[(6)] Füller, Henning; Nadine Marquardt (2009): Gouvernenmentalität in der humangeographischen Diskursforschung. In: Glasze, Georg; Annika Mattissek (Hg.): Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial-und kulturwissenschaftliche Raumforschung. Bielefeld, S. 83-106.

[(7)] Brand 2012: S. 131-135.

[(8)] ebd.: S. 141.

[(9)] Görner, Rüdiger (2014): Das parfümierte Wort. Die fünf Sinne in literarischer Theorie und Praxis. Freiburg i.Br./Berlin/Wien: Rombach, S. 19.

[(10)] Höpner / Nagl 2008; vgl. Henning / Marquart 2009.

[(11)] Brand 2012: S. 130-132.

[(12)] Garfinkel, Harold. 1967. Studies in ethnomethodology. Englewood Cliffs/New Jersey: Prentice-Hall.

[(13)] Brand 2012: S. 131.

[(14)] Wietschorke, Jens. 2012. Beziehungswissenschaft. Ein Versuch zur volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Epistemologie. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde LXVI, S. 325-359.

[(15)] Austin, John. 1998. Zur Theorie der Sprechakte. (How to do things with words). Stuttgart: Reclam, S. 25f.

[(16)] Erhardt, Claus und Hans Jürgen Heringer. 2011. Pragmatik. Paderborn: Fink, S. 60.