Instagramtourismus - vom Geheimtipp zum Hotspot

Instagramtourismus - vom Geheimtipp zum Hotspot

Geschrieben am 13.06.2020
von Lisa Gebler


Beim Wandern kurz die schöne Aussicht knipsen und bei Instagram posten. Schon beginnt der Touristenboom an diesem Ort. Auch, wenn dies eine vielleicht etwas übertriebene Darstellung ist, kann genau das passieren, wenn ein gut getroffenes Bild sich verbreitet.

Instagram wird für immer mehr Menschen ein wichtiger Teil des Lebens. In einer Zeit, in der Influencer Geld durch ihren Content auf der Social Media Plattform verdienen, wird diese auch für den Mainstream immer attraktiver und beliebter. Was vordergründig eine tolle Möglichkeit ist, in Kontakt zu bleiben, Erlebnisse mit anderen zu teilen oder wichtige Themen und Botschaften zu verbreiten, kann aber auch seine Nachteile mit sich bringen.

Problematisch wird es, wenn sich gelungene Bilder von bestimmten Orten so verbreiten, dass diese zum Hotspot für Besucher werden. Was vielleicht vorher ein unberührter Fleck Natur war, ist jetzt nur noch so von Leuten umgeben. Leider ist dies sehr schädlich für die Tier- und Pflanzenwelt und störend für die Anwohner.

Ansturm durch Influencer

So etwas geschah zum Beispiel, als die Influencerin „fruitypoppin“ ein Bild von sich in einem Sonnenblumenfeld in Kanada postete und den Standort markierte. Nur kurze Zeit später wurde dieser Ort geradezu von Leuten überrannt. Tausende Menschen, Wildparken und zertrampelte Wiesen waren die Folge – bis die Polizei eingriff, die Leute entfernte und der Landwirt das Feld sperren konnte.

Ähnliches ereignete sich auch in Appenzell in der Schweiz. Ashton Kutcher besuchte dort einen Berggasthof, welcher direkt an eine Felswand in den Bergen gebaut war und ein beeindruckendes Bild darstellte. Er veröffentlichte ein Foto davon auf seinen Social Media Accounts und empfahl das Gasthaus seinen Freunden. Was ein nett gemeinter Tipp war, entfachte ein solch riesiges Besucheraufkommen, dass die Gastwirte den Ansturm nicht mehr bewältigen konnten und sie zum Aufgeben zwang. Zuletzt natürlich sind Besucherhotspots wie die Stadt Hallstein in Österreich oder auch das Schloss Neuschwanstein im Allgäu die Top Fotohighlights schlecht hin. Die Unmengen von Touristen, die dort unterwegs sind, machen ein Leben an diesen Orten kaum noch möglich. Verkehrschaos auf den Straßen, Parkourfahren durch asiatische Besucher, überteuerte Preise und kaum Privatsphäre für Anwohner sind dort mittlerweile Alltag geworden.

Die Macht der Instagram-Fotografen

Eine weitere Problematik entsteht aber auch, wenn ein Ort nicht direkt angepriesen, sondern von sogenannten „Instagram-Fotografen“ portraitiert wird. Die Folge: unzählige Menschen folgen dem Beispiel, pilgern hin zu dem abgelichteten Ort und wollen ihn selbst vor die eigene Kamera bringen.

Die selbsternannten „Instagram-Fotografen“ nutzen mit der Social Media Plattform die Möglichkeit, ihre Leidenschaft des Fotografierens mit anderen Leuten zu teilen und ihre Fotos zu posten. Sie selbst sind meist sehr aufmerksam und gehen behutsam mit der Natur um. Diese ist ja die Voraussetzung für die Entstehung solcher Schnappschüsse. Ihnen ist auch bewusst, dass sie genau deswegen die Natur schützen sollten. Viele andere „Instagram-Pilger“ allerdings beachten dies nicht. Die Scharen, die dort hinkommen, achten nur wenig auf ihren ökologischen Fußabdruck und ihre Hinterlassenschaften. Dass dieser Ort nur entstehen konnte, weil die Natur so unberührt ist, ist Ihnen wohl nicht klar.

Ein Beispiel hierfür: die Kirschblütenstraße in Bonn. Die in der Straße angepflanzten japanischen Kirschbäume blühen jährlich für ein paar Wochen im Frühjahr. Sie sind zum absoluten Place to be für Influencer und Instagramer geworden und haben inzwischen sogar ihre eigene, privat geführte Internetseite, auf welcher regelmäßig veröffentlicht wird, wie weit die Blüte ist. Leute reisen aus der ganzen Welt an, um dort Fotos von sich zu machen und diese auf Social Media zu posten. Was für Betrachter eine besinnliche Kulisse darstellt, ist für alle Anwohner ein Grauen. Für einen Weg von 5 Minuten mit dem Auto, kann man in diesen Zeiten schon mal eine halbe Stunde brauchen, denn die ganze Straße ist überfüllt mit Menschen.

Genau hier liegt auch die Problematik: viele Leute hinterlassen auch viele Überbleibsel. Zertrampelte Wiesen, zerstörte Lebensräume für Tiere, Lärm oder Müll machen es unmöglich, so weiterzuleben, wie vorher. So wird aus dem besonderen Naturspektakel ganz schnell ein Touristenhotspot und er ist bald bei weitem nicht mehr so schön, wie noch vor dem Besucheransturm.

Nun bleibt die Frage: Was tun dagegen?

Viele der Fotografen entscheiden sich inzwischen gegen die Markierung des Standortes bei der Veröffentlichung der Fotos. So verhindern sie, dass jeder ohne großen Aufwand diesen Ort über ein Navigationssystem finden kann, um ihn zu besuchen. Denn das Ziel der Fotos ist, diese Eindrücke und den besonderen Moment mit anderen über das Bild zu teilen - nicht, zu erreichen, dass alle selbst dort hinfahren. So schaffen sie es, ihrer Leidenschaft weiterhin nachzukommen und der Natur weiterhin ihren Raum zu geben.

Gleichzeitig sollte es aber auch ein Aufruf an uns sein. Wem geht es nicht so? Wir sehen im Fernsehen, Internet oder zuletzt eben auf Social Media ein Bild von einem Ort, der uns gefällt und denken uns: „Dort möchte ich auch mal hin“. Schnell sind die Koffer gepackt und der Trip ist geplant. Die Gastronomie und Tourismusbranche wird sich darüber freuen, denn auch das ist Teil der neuen Welt. Ausflugsverkehr wird in den kommenden Jahren immer stärker werden. Dies sehen viele als Bedrohung, es kann aber auch eine Chance für die Wirtschaft sein.
Natürlich aber hat alles seine Grenzen. Ein Leben als Einheimischer in einer Hochtourismusregion ist definitiv nicht immer entspannt. Wenn fremde Leute in deinen Garten laufen und deine Blumen pflücken oder sie an dein Fenster klopfen, weil ihr asiatischer Freund ein Foto mit dir machen möchte, ist der Spaß definitiv vorbei.

Viele Mitglieder der Social Media Welt beschäftigen sich aber mit diesem Thema und erkennen langsam, wie groß ihr Einfluss hier ist. Trotzdem hängt es an uns. Einfach mal der Natur ihren Platz geben, das Foto auf dem Smartphone genießen und bei der nächsten Wanderung in deiner Nähe ein anderes Foto machen. Dies ist mindestens genauso schön, vielleicht sogar schöner, als an den Ort zu fahren, den schon tausende vor dir fotografiert haben!