Über Unperfektheit und Prokrastination - Warum wir auch mal schlechte Tage haben dürfen.

Über Unperfektheit und Prokrastination - Warum wir auch mal schlechte Tage haben dürfen.

Geschrieben am 13.06.2020
von Johanna Mayer


Überall begegnen wir scheinbarer Perfektion: Produktivität, Motivation, Disziplin und Erfolg. Jeder scheint einen geraden Lebensweg zu haben, stets von guter Laune erfüllt zu sein und selbst früh am Morgen mit Begeisterung joggen zu gehen – warum bin nur ich nicht so? Ein Beitrag der etwas anderen Art.

Heute bin ich einfach nur lustlos. Müde, ausgelaugt, gelangweilt, unmotiviert und – was das Schlimmste ist – einfach nur schlecht gelaunt. Ich schreie meine Schwester an, obwohl sie eigentlich überhaupt nichts falsch gemacht hat, reagiere sofort gereizt, wenn mich jemand auch nur schief anschaut und bin sogar von mir selbst genervt, sobald ich nur an meine nicht vorhandene Produktivität denke. Warum? Was ist der Grund dafür, dass ich schon wieder so extrem lustlos, angespannt und schlecht drauf bin?

Was ich sehe, ist lediglich ein bleiches Monster mit kleinen Augen und Heißhunger auf Schokolade

Den ganzen Tag bekomme ich nichts auf die Reihe, liege in meinem Bett und schaue sinnlose YouTube-Videos, plündere den Schokoladenvorrat und gehe meiner Familie auf den Keks. Dafür hasse ich mich gerade selbst. Und kaum, dass ich einem Spiegel begegne, würde ich diesen am liebsten dem nächsten Mülleimer zum Frühstück auftischen. Was ist dieses bleiche Etwas, das mich da mit kleinen Augen im Spiegel anschaut und nicht einmal den winzigsten Krümel von Motivation ausstrahlt??

Was könnte ich nicht alles mit meiner Zeit anfangen…

Dabei hätte ich doch heute am Feiertag endlich einmal wieder viel Zeit! Ich könnte ein Workout machen, meine Klamotten ausmisten, Brot backen, zeichnen, mit Freunden telefonieren, meiner Oma einen Brief schreiben, spazieren gehen… was alle anderen „produktiven“ Menschen da draußen eben immer so machen, wenn sie Zeit haben! Warum bin ich so, wie ich bin?
Ich weiß nicht, ob Du diese Tage kennst – denn ich kenne sie und erlebe sie nicht selten – aber wenn Du denkst, jetzt kämen Tipps, motivierende Worte oder Inspirationssalven, damit Du eben nie mehr so deine Lebenszeit verbringst, dann muss ich Dich leider enttäuschen.

Niemand ist 24/7 gut gelaunt und produktiv

Warum darf man denn nicht auch einmal solche Tage haben? Warum muss man denn im Leben immer kreativ, diszipliniert, motiviert und effizient sein – warum haben wir so ein Streben nach Perfektion, Leistung, Erfolg, Erfüllung und Produktivität? Nicht, dass das unnötig wäre, auch wirklich einmal etwas zu schaffen, die eigene Komfortzone zu verlassen oder produktiv zu sein – im Gegenteil: Jeder, der diese herrlich erfüllenden, motivierenden Tage kennt, an denen man endlich einmal viel schafft und dabei auch noch glücklich ist, weiß, wie gut das tut! Aber ich kenne kaum jemanden, der so sein gesamtes Leben lebt! Selbst Steve Jobs oder Barack Obama hatten mit Sicherheit auch einmal schlechte Tage, an denen sie ihre Umwelt nur mit mieser Laune genervt haben und nichts auf die Reihe brachten…

Was ich damit sagen will: Du musst NICHT immer produktiv und motiviert sein. Du musst NICHT sofort ein Workout machen oder einen Kuchen backen, wenn du einmal kurz 10 Minuten Zeit hast. Du musst NICHT ein Erfolgsjournal führen, immer gute Laune haben und vor Energie sprühen. Aber es ist wundervoll, wenn dies einmal der Fall ist – führe Dir an solchen Tagen vor Augen, wie gut es Dir gerade geht, da Du weißt, dass es auch andere Tage gibt. Die jedoch nicht weniger wert sind!

Nimm Dir diesen kleinen Impuls doch zu Herzen – Du bist definitiv nicht alleine mit solchen Tagen. Das ist einfach menschlich und gehört genauso zu uns wie der herrliche Morgen, an dem du motiviert Deine Laufschuhe schnürst! Sei einfach Du selbst. Akzeptiere gute und schlechte Tage. Und mach Dir bitte verdammt noch mal bewusst, dass wir nicht 24/7 perfekt sein können. Quod erat demonstrandum.