Wie unser inneres Kind unsere Beziehungen beeinflussen kann

Wie unser inneres Kind unsere Beziehungen beeinflussen kann

Geschrieben am 14.06.2020
von Josephina Petersen


Liebe und Beziehungen. Eine große Sache für viele von uns. Beziehungskonstellationen sind so individuell wie die Menschen, die sie führen. Ich für meinen Teil bin fasziniert von jeglichen Beziehungsformen – und von den Menschen, die dahinter stehen. Oft frage ich mich, wie diese vielseitigen und teilweise komplett unterschiedlichen Beziehung überhaupt zustande gekommen sind. Wenn wir Psychologen Glauben schenken dürfen, liegt der Schlüssel unseres Bindungsverhaltens in unserer Kindheit vergraben.

Was hat meine Kindheit mit meinen späteren Liebesbeziehungen zu tun?

Wir wachsen auf. Und wenn wir Glück haben in einem intakten Elternhaus, in welchem beide Elternteile dem kleinen Kind bedingungslose Liebe vermitteln. In dem sie das Kind versorgen, es lieben und ihm ein sorgenfreies Zuhause geben, in dem sich das Kind in Sicherheit wiegen kann.

Im Idealfall wächst das Kind in dem Glauben auf, dass die Menschen, um es herum, ihm wohlgesonnen sind. So entwickelt es ein starkes Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten, in seine Umwelt und die Menschen, die sich darin befinden. Dadurch fällt es dem kleinen heranwachsenden Menschen später leichter, Bindungen und soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Es unterstützt ihn dabei sich in seiner Entwicklung frei zu entfalten und vertrauensvoll in die Zukunft und in andere Menschen blicken. Eine wichtige Basis, um als Erwachsener eine glückliche Beziehung mit einem anderen Menschen einzugehen und zu führen.

Was aber, wenn man auf eine eher unschöne Kindheit zurückblickt?

Was aber, wenn der kleine heranwachsende Mensch diese Erfahrungen nicht machen konnte. Wenn das Elternhaus, welches dem Kind Sicherheit vermitteln soll, instabil ist und ihm nicht die notwendige Unterstützung in seinem Heranwachsen bieten kann? Wenn das Kind gar vernachlässigt wird, emotional oder auch körperlich? Dann wird es nicht denken: „Ich werde schlecht behandelt, ich weiß nicht, warum Mama und Papa mir so was antun.“ Nein, die Gefahr ist groß, dass das Kind denken kann: „Ich bin falsch, deswegen werden mir diese Dinge angetan. Ich bin nicht erwünscht auf dieser Welt.“ Und noch viele andere schlimme Gedanken, die sich in negativen Glaubenssätzen manifestieren.

Da jedes Kind von seinen Eltern bzw. nahen Bezugspersonen abhängig ist, wird es lernen sich so zu verhalten, dass es sich mit dem Leiden, das ihm unrechtmäßig angetan wird, abfindet. Es wird sich an die verheerenden Zustände des Elternhauses anpassen und Abwehrmechanismen entwickeln, um sein Überleben zu sichern und die belastenden Situationen zu überstehen. Es wird sich vielleicht sogar in eine Überanpassung begeben, um in irgendeiner Weise die Liebe und Zuneigung seiner Eltern zu empfangen. Vielleicht wird es auch rebellieren oder provozieren, um Aufmerksamkeit zu erhalten.
Es gibt so viele individuelle Verhaltensweisen, welche Kinder anwenden, um eine belastende, unschöne Kindheit für sich erträglich zu gestalten. Die Psyche des Menschen ist so komplex, dass es schon wieder faszinierend ist, was ein Mensch eigentlich ertragen kann in seinem Leben.

Dysfunktionale Verhaltensweisen und Persönlichkeitsstörungen

Wenn es dem Kind nicht möglich war sich emotional normal zu entwickeln und so ein gesundes Selbst(-wertgefühl) zu bilden, kann es sein, dass sich dieser Mensch in seinem Erwachsenen-Sein emotional eher defizitär verhält. Unsere Erfahrungen aus der Kindheit sind oft der Grundstein für unsere späteren Beziehungskonstellationen. Unbewusst sucht sich der Mensch in vielen Fällen dieselben Situationen, die er bereits aus seiner Kindheit kennt oder erlebt hat.

Nehmen wir an, ein Mädchen ist mit einem eher abwesenden Vater aufgewachsen, um dessen Liebe es kämpfen musste. Dann ist es wahrscheinlich, dass es in späteren Beziehung unbewusst ebenfalls genauso abwesende Männer wählt, bei welchen man um deren Gunst und Liebe kämpfen muss. Das was man in der Kindheit erfahren hat, prägt einen für das spätere Leben. In manchen Fällen kann sich durch die Erziehung und Prägung in der Kindheit im späteren Verlauf eine Persönlichkeitsstörung herausbilden, in der bestimmte Verhaltensweisen manifestiert sind.

Was hat die Kindheit mit dem späteren Bindungsverhalten in Beziehungen zu tun?

Der Schatten der Kindheit bleibt. Da ist der erwachsene Mensch, der Bindungsschwierigkeiten hat. Der sich auf der einen Seite so sehr nach einem Menschen sehnt, aber irgendwie keine wirkliche Nähe zulassen kann. Waren gewissen Abwehrmechanismen in der Kindheit zum Überleben notwendig, so sind diese im Erwachsenen-Sein eher destruktiv in Beziehungen. Dies erschwert das Führen einer normalen Paarbeziehung.

Betrachtet man dies psychologisch, kann man sagen, dass in jeder Begegnung, welche zwischen zwei Personen stattfindet, immer 4 Personen involviert sind. Da sind die beiden Erwachsenen und das jeweilige innere Kind, welches in gewissen Situationen immer durchkommt, gesehen und gehört werden will. Wir kennen das alle: in der einen oder anderen Situation reagieren wir eher unangemessen und bereuen es im Nachhinein. Dies ist unser inneres Kind, das nach wie vor in unserem Bewusstsein vorhanden ist und mit agiert. Meist in einer sehr infantilen und unreifen Art und Weise.

Wer (sich selbst) lieben kann ist glücklich

Nicht umsonst überfluten in diesen Tagen Bücher wie „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl, im übrigen ein Bestseller, den Markt. Dies zeigt auf, dass diese Thematik gerade in der heutigen Zeit sehr in den Vordergrund gerückt ist.

Um eine glückliche Beziehung führen zu können, ist es unabdingbar seine eigenen Baustellen aus der Kindheit aufzuarbeiten, sich seine (emotionalen) Defizite anzuschauen und aufzulösen. Erst wenn man sich selber annimmt und lieben lernt, ist es möglich eine Beziehung zu führen, welche auf wahrer, bedingungsloser Liebe beruht. Ohne emotionale Abhängigkeiten voneinander und den Forderungen, dass mein Gegenüber für mich und mein Glück verantwortlich ist und mich glücklich machen muss. Nein, wenn man anfängt den Fokus auf sich selbst zu legen, Verantwortung für sich selbst, sein Leben, und sein Glück übernimmt, so kann wahre Liebe gelebt werden. Im Idealfall fängt man bei der Selbstliebe an und hört auf sich weiter in destruktive Beziehungen zu stürzen. Der erste Schritt liegt darin, sich selbst anzunehmen, so, wie man wirklich ist. Ehrlich und pur.

Abschließend möchte ich mit den Worten Hermann Hesse´s aus seinem Werk „Martins Tagebuch“, geschrieben unter dem Pseudonym Emil Sinclair im Jahre 1918, zum Denken anregen und zitiere wie folgt:

„[...]Der Grund aller Weisheit ist: Glück kommt nur durch Liebe. Sage ich nun "Liebe deinen Nächsten!" so ist das schon eine verfälschte Lehre. Es wäre vielleicht viel richtiger zu sagen: "Liebe dich selbst so wie deinen Nächsten!" Und es war vielleicht der Urfehler, dass man immer beim Nächsten anfangen wollte. [...]