Ich bin weiß - und nicht frei von Rassismus

Ich bin weiß - und nicht frei von Rassismus

Geschrieben am 18.06.2020
von Annika Wappelhorst


Die aktuellen Demonstrationen unter dem Motto „Black Lives Matter“ haben wieder die Debatte angeregt: Wie rassistisch ist die deutsche Gesellschaft? Ich glaube, dass jede weiße Person sich selbst reflektieren muss. In diesem sehr persönlichem Artikel erzähle ich von konkreten eigenen Denkweisen und Handlungen, die ich erst später als rassistisch erkannt habe.

Schuld lähmt, Verantwortung macht aktiv. So beschreibt es Tupoka Ogette in ihrem an weiße Deutsche gerichtetem Handbuch „Exit Racism“. Unter anderem dank ihrem Buch war ich in der Lage, mich selbst zu hinterfragen und meine eigene Verantwortung als privilegierte weiße Person in der mehrheitlichen weißen deutschen Gesellschaft zu erkennen. Ich wurde als Weiße Deutsche rassistisch sozialisiert, da Rassismus noch immer tief in der Struktur unseres Gesellschaftssystems verankert ist. „Schwarz“ oder „Person of Color“ (PoC) und „weiß“ sind übrigens politisch korrekte Bezeichnungen, die dazu genutzt werden, zwischen von Rassismus betroffenen und Rassismus ausübenden Personen zu unterscheiden. Auch heute kann es noch sein, dass ich unbeabsichtigt rassistische Dinge tue, denn dies geschieht in den allermeisten Fällen, ohne dass sich Täter*innen der eigenen Schuld bewusst ist. Der in Deutschland verbreitete Glaube, Rassismus geschehe immer vorsätzlich, ist daher unzutreffend.

Im Folgenden möchte ich zwei vergangene Situationen aus meinem persönlichen Leben kritisch beleuchten. Zur Zeit dieser Vorfälle war mir nicht bewusst, dass ich rassistische Denkmuster perpetuiert, also weitergetragen haben. Erst als ich begann, mich mit Rassismusforschung zu beschäftigen, entwickelte ich dieses Bewusstsein.

1. „Voluntourism“ und meine Zeit in Haiti

Nach dem Abitur war ich, junge 17 Jahre alt, gemeinsam mit einer Mit-Abiturientin für drei Monate in der zweitgrößten Stadt Haitis und habe dort in einem Waisenhaus mit zugehöriger Schule gelebt. Die Schwester der Begründerin des Waisenhauses wohnte in unserer Heimatstadt, wodurch wir auf den Freiwilligendienst aufmerksam wurden. Soweit, so gut. Trotz Reisewarnung des Auswärtigen Amtes konnte ich meine besorgten Eltern davon überzeugen, drei Monate im weit entfernten Haiti zu verbringen, das gemeinsam mit der wirtschaftlich besser gestellten Dominikanischen Republik auf der karibischen Insel Hispaniola liegt.

Vor Ort hatten wir keine zugewiesenen Aufgaben, allerdings wurden wir nach einer Zeit gebeten, den Newsletter für deutsche und französische Spender*innen mitzugestalten, auf Facebook Neuigkeiten und Fotos zu posten und bei der Nachhilfe zu assistieren. Wir halfen dort mit, wo es uns nützlich erschien. Ich hatte im Gegensatz zur anderen Freiwilligen meinen Fotoapparat dabei und schoss regelmäßig Fotos, unter anderem von den Kindern im Waisenhaus. Nach einiger Zeit vor Ort aktualisierte ich mein Profilbild auf Facebook – darauf zu sehen war ich mit einem kleinen haitianischen Jungen, der mir sehr ans Herz gewachsen war. Erst einige Jahre später löschte ich es, denn mir waren drei Narrative bewusst geworden, durch die ich mich selbst unwissentlich rassistisch verhalten hatte.

Waisenhaus-Tourismus

Mein Aufenthalt im Waisenhaus vor fünf Jahren hat den Kindern vor Ort vielleicht mehr geschadet als genützt. Ohne meine eigene Wichtigkeit übertreiben zu wollen, glaube ich, dass es für Kinder, die in einem Umfeld ohne Eltern aufwachsen, tragisch sein kann, regelmäßig mit neuen Bezugspersonen in Kontakt zu kommen, die sie nach einiger Zeit wieder verlassen. Außerdem hat ein großer Teil der Kinder in weltweiten Waisenhäusern (besonders jedoch im globalen Süden, also beispielsweise in Haiti oder südostasiatischen Ländern) noch Eltern. Diese Eltern haben oft viele Kinder und verschiedene Gründe können dazu führen, dass einige davon in Waisenhäusern „landen“ – genug solcher Häuser gibt es ja, oft ins Leben gerufen von Menschen aus dem globalem Norden, die es gut meinen.

„White Saviorism“

In Deutschland werden wir aufgrund des kolonialen Erbes rassistisch sozialisiert, nicht zuletzt durch Filme und Bücher. Das führt oft zu automatischen Assoziationen, wenn wir bestimmte Bilder sehen. Eine Schwarze Frau mit drei weißen Kindern? Da denken viele, die Frau könne nicht die Mutter sein, sondern nur das Kindermädchen. Eine weiße Frau mit drei Schwarzen Kindern hingegen? Da wird eher an eine gutmütige wohlhabende Dame gedacht, die arme afrikanische Kinder adoptiert hat. Eine ähnliche Assoziation kann auch das Bild einer Weißen Jugendlichen (mir) mit einem Schwarzen Kind (dem haitianischen Jungen) auslösen: Ach wie toll, der kleine Junge bekommt Aufmerksamkeit und Liebe von einer privilegierten weißen Europäerin, die sich für verbesserte Lebensbedingungen in einem armen Teil der Welt einsetzt. Dieses Konzept wird in der Rassismusforschung als „white saviorism“ bezeichnet: eine weiße, wohlhabende Person mit Helfersyndrom glaubt, Schwarzen Menschen „helfen“ zu können. Viele Influencer*innen wurden dafür ebenfalls kritisiert. Mal ganz davon abgesehen, dass wir auch nicht einfach Fotos von weißen Kindern ins Internet stellen, weil wir dann von Datenschutz und Persönlichkeitsrechten sprechen.

Positiver Rassismus

In meinem persönlichen Blog, geschrieben für Familie und Freunde, schrieb ich, die Haitianer*innen hätten allesamt das Tanzen im Blut. Das nennt man positiven Rassismus: Auch Komplimente, die eine gesamte Volksgruppe verallgemeinern, sprechen Menschen die Individualität ab und sind somit rassistisch.

Das würde ich heute anders machen

Auch wenn die Zeit in Haiti eine unglaublich bereichernde Erfahrung war und ich bis heute ein besonderes Interesse am Land und der Kultur habe, glaube ich, dass mir persönlich der Freiwilligendienst weit mehr gebracht hat als dem haitianischen Institut – und ich die Reise möglicherweise nicht hätte unternehmen sollen. In Australien wurde als Freiwilligendienst getarnter Waisenhaus-Tourismus („voluntourism“) weltweit im Übrigen 2018 als moderne Sklaverei anerkannt.

Fotos mit Schwarzen, im Globalen Süden lebenden Kindern werde ich nicht mehr veröffentlichen, da ich mich so (ob ich es will oder nicht) mit meiner globalen Machtposition als weiße Person in der Rolle der Retterin darstelle. Des Weiteren werde ich nicht mehr behaupten, einer gesamten Volksgruppe sei etwas „in die Wiege gelegt worden“ oder etwas liege ihnen im Blut. Das ist schließlich eine haltlose und freche Behauptung, die nicht anerkennt, dass hinter jedem Talent viel Fleiß steckt.

2. Das N-Wort und seine Langform

In meiner Bachelorarbeit Anfang 2020 untersuchte ich den Begriff „Entwicklungsland“ und rief am Ende dazu auf, ihn zur Debatte zu stellen – wie das N-Wort in Kinderbüchern vor einigen Jahren. Dabei schrieb ich habe das N-Wort aus. Als ich die Arbeit bereits abgegeben hatte und es mir auffiel, schämte ich mich.

Heutzutage ist es Konsens, dass man das N-Wort (eine beleidigende Bezeichnung für Schwarze Menschen), das I-Wort (um die Ureinwohner Amerikas zu bezeichnen) und ähnliche Begriffe nicht mehr ausschreibt oder ausspricht, da so die Unterdrückung weitergetragen und normalisiert wird. Einzige Ausnahme: Die Personengruppen selbst dürfen Begriffe benutzen, mit denen Menschen einer dominanten Gruppe sie beleidigen wollen. Wenn also ein afroamerikanischer Rapper sich als „nigga“ bezeichnet, ist das absolut legitim, da er ein von weißen Menschen als Schimpfwort gegen ihn benutztes Wort zur Selbstermächtigung verwendet.

Das würde ich heute anders machen

In meiner Bachelorverteidigung habe ich bewusst „N-Wort“ gesagt und würde dies in Zukunft auch in der schriftlichen Version so schreiben. Dann weiß jede*r, was gemeint ist, und sieht, dass ich mich kritisch davon distanziere. Dass man nicht mehr „N...kuss“ zur Süßigkeit mit Schokoladenguss sagt, sollte inzwischen den meisten Deutschen bekannt sein – Schaumkuss oder Schokokuss sind diskriminierungsfreie Alternativen.

Eigene rassistische Denkweisen analysieren

Ich möchte alle Weißen Leser*innen dazu einladen, sich selbst zu hinterfragen und trotz schlechtem Gewissen und dem Wunsch nach Verdrängung an Situationen zurückzudenken, in denen sie selbst Rassismus reproduziert haben. Es ist nicht unverzeihlich, als weiße Person Fehler zu begehen und aus Mangel an besserem Wissen Diskriminierung aus der eigenen Sozialisierung zu reproduzieren. Ich persönlich finde es allerdings schwer verzeihlich, es nie zu bemerken und es in Zukunft weiterhin so zu machen.

Auf der Reise zum eigenen Rassismus können Bücher von Menschen eine große Hilfe darstellen, die selbst von Rassismus betroffen sind. Neben „Exit Racism“ von Tupoka Ogette empfehle ich weißen Deutschen besonders die fantastischen Bücher „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters sowie „Deutschland Schwarz Weiß“ von Noah Sow. Die beiden letzteren gibt es auch als kostenfreie Hörbücher auf Spotify. Wer mehr über kritische Reiseberichterstattung auch in persönlichen Blogs wissen möchte, sollte die Broschüre „Mit kolonialen Grüßen“ des Vereins Glokal e.V. lesen, die online im PDF-Format verfügbar ist.