Tripsdrill: Freizeitpark 1x1 auf Schwäbisch

Tripsdrill: Freizeitpark 1x1 auf Schwäbisch

Geschrieben am 31.07.2020
von Timo Gadde


Wenn sich plötzlich Schweine, Kühne und Pferde in einem Stall auf Schwäbisch unterhalten, dann ist eines klar: Hier ist einiges anders als in anderen Freizeitparks. Die Mischung aus Tradition, Innovation und schwäbischem Humor macht den Freizeitpark Tripsdrill heute deutschlandweit bekannt. Dabei ist Corona keine einfache Zeit für die Freizeitpark-Branche.

Mit "Schaffe, schaffe, Häusle baue" fing alles an. Inmitten der Weinberge zieht es Paul Fischer mit seiner Familie zu einem Ortsstück von Cleebronn namens Treffentrill. Dort eröffnet sein Sohn eine Gastwirtschaft, ein Zubrot für das landwirtschaftliche Anwesen.

Ein paar Jahre später, im Jahr 1929, legt die Familie mit der Altweibermühle den Grundstein für den Freizeitpark Tripsdrill – damals übrigens schon mit einer kleinen Rutschbahn und einer Mühle mit vier Flügeln. 15 Jahre später zerstört ein Blitzschlag die Altweibermühle und lässt sie in Flammen aufgehen. Die Fischers haben alles verloren – bis auf ihren Mut, neu anzufangen.

Familienunternehmen zwischen Tradition und Moderne

Heute gehört der Freizeitpark zwischen Stuttgart und Heilbronn mit seinen rund 100 Fahrgeschäften und 50 Tieren im zusätzlichen Wildparadies zu den bekanntesten in Deutschland. Bekannt vor allem durch seinen thematischen Bezug zu Schwaben anno 1880: mit Handwerkskunst, Weinanbau und natürlich der typisch schwäbischen Mundart. Das Familienunternehmen um Helmut und Roland Fischer hat 2019 sein 90-jähriges Parkjubiläum gefeiert, erneut mit Besucherrekord.

Zwar ist der Park mit seinen rund 800.000 Besuchern noch weit entfernt von Europa-Park und Phantasialand, aber erneut ausgezeichnet worden, unter anderem als bester Erlebnispark Europas <1 Mio. Besucher. Ähnlich wie der Europa-Park mit der Familie Mack hat die Corona-Pandemie aber auch die Finanzierungsgrundlage des Familienunternehmens Tripsdrill vor eine neue Herausforderung gestellt. Mack hatte den geschätzten Umsatzverlust seit März (bis Ende Mai) auf 100 Millionen Euro beziffert.

Der Freizeitpark Tripsdrill konnte – genau wie andere Parks – erst Ende Mai in die Sommersaison starten. Während der Sommermonate ist auch der Park in Cleebronn an strenge Einschränkungen gebunden. Überall sind Abstandshinweise in den Wartebereichen angebracht, natürlich wieder mit einer Brise Auflockerung.

Der Vorfreude der Besucherinnen und Besucher tun die Einschränkungen, wie das Maske-Tragen und Abstand-Halten, aber keinen Abbruch. An unserem Besuchstag wartet die längste Warteschlange vor dem Eingang – na klar, es ist Corona-Zeit, Samstag, sonnig und Sommerferien in vielen Bundesländern.

Auch Störche nehmen Platz auf der neuen Achterbahn

Im Juni 2020 hat Tripsdrill nach nur einem Jahr Bauzeit zwei neue Achterbahnen veröffentlicht – bei der Doppelanlage aus Hängeachterbahn („Hals über Kopf“) und Familien-Boomerang (Volldampf) handelt es sich um das größte Einzelprojekt in der Geschichte des Erlebnisparks. Beide Bahnen bleiben bis zum neuen Jahr noch ohne die komplette Thematisierung, der Park reagiert damit wohl auch auf die Konkurrenz, die bereits reichweitenstarke Neueröffnungen vorbereitet (Piraten von Batavia im Europa-Park und Rookburgh im Phantasialand).

Die beiden Neuerungen sind das dominierende Bild, wenn man auf Tripsdrill zusteuert. Und überraschend: Wer erwartet schon in den Weinbergen zwei rasante Achterbahnen, die Hängeachterbahn reicht teils über 30 Meter in die Höhe, kommt auf rasante 80 Kilometer pro Stunde mit vier Überschlägen – ein paar Meter weiter verweilen zwei Storche seelenruhig auf dem letzten Schienenstück von „Volldampf“. Die Familienachterbahn kommt nach einer turbulenten Vorwärtsfahrt kurz vor den Störchen zum Stehen und fährt die Strecke anschließend rückwärts zurück. Die beiden Störche wissen schon, dass die Bahn vor ihnen Halt macht. Bei der Gestaltung der beiden Bahnen hat das Kreativteam natürlich eine typisch schwäbische Thematisierung gewählt.

"Volldampf" ist als historischer Zug mit Dampflokomotive gestaltet und wer genau hinschaut, entdeckt ein "Böckle", das sich an das Ende des letzten Wagens klammert. Inspiriert zu dieser Idee hat die Macher das bekannte Volkslied "Auf de schwäbsche Eisebahne". Auch "Hals über Kopf" gründet auf einer schwäbischen Geschichte, in der sich einst sieben Schwaben mit einer Lanze bewaffnet ins Abenteuer stürzten. Abgerundet wird das Zusammenspiel beider Achterbahnen im neuen Jahr dann sicherlich mit dem geplanten Wirtshausgebäude sein.

Mit Jung und Alt ins Abenteuer

In Tripsdrill scheint die Zeit wie stehen geblieben, nichts ist zu spüren vom flinken Zeitgeist, der sich stetig nach dem „höher, schneller, weiter“ in der Freizeitbranche orientiert. Erst nachdem man die vielen Fachwerkhäuschen im Zentrum des Parks verlässt, weitet sich plötzlich die Umgebung: mit einer Liegewiese, umringt von drei Achterbahnen und zwei Wasserbahnen. Action gemischt mit Entspannung, bei „Karacho“ rasen die Besucher durch mehrfache Loopings und Schrauben, bei der „G´sengten Sau“ in engen Kurven um eine Burg und bei der Holzachterbahn „Mammut“ rustikal und laut an den Holzleisten vorbei.

Doch egal ob man nun bei der Jungbrunnenfahrt direkt ins kühle Nass fällt (und sich danach vielleicht auch jünger fühlt) oder am neu eröffneten Kinderspielplatz verweilt: die Liebe zum Detail fällt in Tripsdrill ins Auge. In den Wartebereichen gibt es echte, historische Werkzeuge zu sehen. Der Wartebereich der Jungbrunnenfahrt enthüllt sogar „Caesars Badehose“ und die Mona Lisa, die wohl doch erst durch den Jungbrunnen zu einer stattlichen, schönen Frau wurde.

Man nehme eine Brise Tradition mit seiner ganzen Vielfalt, verbinde sie mit einer Spur Humor und baue dazu thematisch passende Attraktionen für Jung und Alt. Gewiss wird Corona auch für die kommenden Monate in den Nachrichten präsent bleiben und für die Freizeitparks mit Einschränkungen verbunden bleiben. Doch in Tripsdrill haben sie einen Freizeitpark, der, gerade weil er sich thematisch klar aufgestellt hat, mit den Großen mitreden kann. Und wirtschaften, das wissen die Schwaben selbst, können sie doch instinktiv.