Camille Brunel - ein Porträt des französischen Autors und Tierrechtsaktivisten

Camille Brunel - ein Porträt des französischen Autors und Tierrechtsaktivisten

Geschrieben am 11.08.2020
von Annika Wappelhorst


Ich durfte den französischen Autor Camille Brunel interviewen und habe mit ihm über Tierschutzarbeit in Frankreich, das Schreiben als eine Form des Aktivismus, seine zwei neuen Romane und seine früheren Berufe gesprochen.

Wer Camille Brunel auf einer Hausparty antrifft und ihn fragt: „Was machst du denn beruflich?“, würde laut eigener Aussage zu hören bekommen: „Ich bin Schriftsteller“ und „Ich schreibe über Tiere“. Wer weiter nachhakt, könnte herausfinden, dass er ein leidenschaftlicher Tierschützer ist, der bald sein viertes und fünftes Buch veröffentlicht. Ich sprach an einem sonnigen Augustnachmittag per Videoanruf mit ihm und erfuhr mehr über sein Leben als Schriftsteller, der sich dem Verhalten und den Emotionen, dem Aussterben und dem gesellschaftlichen Umgang mit Tieren widmet.

Bevor er den Leuten erzählte, dass er Autor ist, gab es eine Zeit, in der Camille sich als Französischlehrer an weiterführenden Schulen, Filmkritiker und Journalist vorstellte. Wie viele andere Franzosen begann er im jungen Alter von 22 Jahren, in Vollzeit zu arbeiten und unterrichtete insgesamt sieben Jahre lang französische Literatur in Pariser Vorstädten. Alles änderte sich, als er aufhörte, Fleisch zu essen: „Als ich 2014 Vegetarier wurde, entschied ich, dass es unzulässig ist, es nur in meiner Ecke zu tun. Ich liebte Fleisch – aber es nicht mehr zu essen, betrachtete ich als ein notwendiges Opfer für die Umwelt und die Tiere.“

Der Weg zum Tierrechtsaktivisten

In seinen Filmkritiken, die er neben seiner Lehrtätigkeit schrieb, begann er, die Behandlung der Tiere hinter den Kulissen und ihre Darstellung auf der Leinwand zu analysieren – in seinen Artikeln und später in seinem 2018 erschienenen Sachbuch „Le cinéma des animaux“ (Das Kino der Tiere). Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, fiel, als er seine Schüler*innen bat, je einen Brief an den Bürgermeister des Dorfes über einen Tierzirkus zu schreiben – mit guten Argumenten für ein Einsatzverbot von Tieren zu Unterhaltungszwecken. Der Bürgermeister akzeptierte die 60 handgeschriebenen Briefe nicht, weil, wie Camille sich resigniert erinnert, „mir gesagt wurde, dass ich mich nicht an das offizielle Protokoll gehalten habe“. Um einen wirklichen Einfluss auf die Behandlung und die Wahrnehmung von Tieren zu haben, kündigte er seine Lehrertätigkeit und begann, sich auf das Schreiben zu konzentrieren – „Weil schreiben etwas ist, das ich gut kann.“

Im Jahr 2016 wurde er Veganer. Sein erster Roman „La guérilla des animaux“ (Die Guerilla der Tiere) wurde 2018 veröffentlicht. Es ist ein Buch, das ich selbst bei der Lektüre aufgrund des atemberaubenden Tempos und der radikalen Hauptfigur kaum beiseitelegen konnte. Der Protagonist Isaac ist ein radikaler veganer Aktivist, der eine Odyssee um die Welt unternimmt, um wilde Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu retten, während er absichtlich Hunderte und Tausende von Menschen tötet, die er für schädlich für die Tierwelt hält. Der Roman, den Camille über mehrere Jahre hinweg geschrieben hatte, war für ihn als relativen Neuankömmling auf dem Buchmarkt ein überraschender Erfolg: Er wurde fast 2.500 Mal verkauft, viel mehr als er erwartet hatte. Ironischerweise griffen radikale Tieraktivisten kurz nach der Veröffentlichung seines ersten Romans Metzgereien in ganz Frankreich an – es war, als habe die dystopische Art und Weise, in der Camilles fiktive Person seinen Aktivismus ausübt, in kleinerem Maßstab wirkliche Ausmaße angenommen.

Dystopische Romane als Vorwegnahme der Wirklichkeit

Was den Zustand unseres Planeten betrifft, so teilt der 34-jährige Schriftsteller die pessimistische Sichtweise seiner Romanfigur Isaac: Das Massenaussterben von Tieren und Pflanzen sowie die Erderwärmung beunruhigen ihn. Dennoch bleibt der Schriftsteller hoffnungsvoll, dass die Menschen das Ausmaß der globalen Klimakrise erkennen, die alle Spezies betrifft. Zahlreiche Leser seines ersten Romans haben sich mit ihm in Verbindung gesetzt und ihm erzählt, dass er sie zu einer vegetarischen oder pflanzlichen Ernährung inspiriert hat – oder dass sie sogar Aktivisten geworden sind.

Camille Brunels neuer Roman „Les Métamorphoses“ (Die Verwandlungen) wird am 27. August inmitten der Corona-Pandemie veröffentlicht. Obwohl es bereits im Sommer 2019 geschrieben wurde, handelt es sich – Trommelwirbel – um eine globale Pandemie. Die weibliche Hauptfigur Isis beobachtet die allmähliche Verwandlung all ihrer menschlichen Freunde und Verwandten in Tiere und muss damit leben. Der französische Autor wollte zeigen, was eine unerwartete Pandemie im Leben der Menschen anrichten würde und erwartete nicht, dass schon vor der Veröffentlichung seines Romans eine weltweite Pandemie die Menschheit zu einschneidenden Veränderungen zwingen würde: „Meine Strategie [als Schriftsteller] ist es, die Menschheit auf das schlimmstmögliche Szenario vorzubereiten.“ Als COVID-19 im März 2020 in seinem Heimatland eintraf, griff Camille sein Manuskript wieder auf und nahm Elemente aus der aktuellen Lockdown-Situation auf, die er erlebte.

Tiere als denkende, fühlende Individuen

Eine weitere treibende Kraft für seine Literatur ist es, die Idee zu widerlegen, dass Tiere ihren Instinkten mehr gehorchen als Menschen. „Jedes Tier ist eine nicht-menschliche Person“ war für ihn eine entscheidende Erkenntnis. „Jedes von ihnen hat Emotionen, Gefühle, Gedächtnis und die Fähigkeit zu kommunizieren.“ Daher zieht er es vor, von einer Tierrechtsbewegung statt von Veganismus zu sprechen: „Beim Wort ‚Veganismus‘ denken die Menschen an einen Lebensstil. Für mich ist Tierrechtsaktivismus eine Sache der Gerechtigkeit – ein Kampf für Gleichheit.“

Seine zweite Veröffentlichung des Jahres, die für den 16. September geplant ist, trägt den Titel „Après nous, les animaux“ (Nach uns die Tiere). Es ist ein Roman für junge Erwachsene, in dem alle Menschen ausgestorben sind. Der Titel bezieht sich auf den Ausdruck „Nach uns die Sintflut“, die auch im Französischen existiert und Gleichgültigkeit gegenüber dem ausdrückt, was nach dem eigenen Handeln und der eigenen Existenz geschehen wird. Der Schauplatz liegt mehrere Jahrzehnte in der Zukunft, im Jahr 2086, wo die einzigen verbliebenen Tiere der Erde an der mexikanischen Küste stranden. Camille wollte eine imaginäre Welt ohne Menschen darstellen, in der die Tiere im Mittelpunkt der Handlung stehen.

Tierschutz als wachsende Bewegung in Frankreich

Camille hat das Gefühl, dass die Bewegung der Tierrechtler*innen und Tierschützer*innen in Frankreich floriert, nicht nur dank der steigenden Zahl veganer Produkte, sondern auch dank der vielfältigen Aktivismus-Formen. Da sind zunächst einmal die französischen Tierschützer*innen, die die Bedingungen für sogenannte „Nutztiere“ verbessern wollen und aufgrund ihres sympathischen und „harmlosen“ Auftretens Parlamentarier*innen am ehesten beeinflussen können. Anschließend gibt es die sogenannten Abolitionist*innen, die aufgrund ihrer intelligenten Taktik ebenfalls großen Einfluss haben – als Beispiel führt er den französischen Verein „L214“ an. Eine 2008 gegründete Organisation, die Tierfarmen filmt, Straßenaktivismus betreibt, rechtliche Schritte gegen Schlachthöfe einleitet usw. „Sie sind auf dem Weg, von der französischen Gesellschaft als legitim angesehen zu werden [...] und sie haben eine wachsende Zahl von Anhängern“, erklärt Camille.

Die dritte Gruppe der Tieraktivist*innen in Frankreich ist diejenige, die in ihren Methoden als die radikalste angesehen wird. Ihre Mitglieder*innen haben in den letzten Jahren mehrere Klagen über sich ergehen lassen müssen, die ihre Struktur geschwächt haben. Ein Beispiel ist die Organisation „Boucherie Abolition“ („Schlachthof-Abschaffung“): Menschen, die unter anderem Farmen blockieren und Tiere befreien. Camille ist optimistisch, was die Gesellschaft als Ganzes betrifft. Er glaubt, dass Frankreich in Sachen Veganismus und Tierrechte bald Pionierländern wie der Schweiz, Deutschland und Großbritannien folgen wird. Als Grund dafür führt er an: „Die Feinde der Tierschützer in Frankreich werden immer schwächer, weil die Mehrheit der französischen Gesellschaft ihre gewalttätigen Aktivitäten nicht mehr unterstützt – seien es Stierkampf, Jagd oder Ähnliches.“ Die Bücher Camilles sind als zusätzlicher Weckruf für seine Landsleute gedacht.

Inspirationsquellen und neue literarische Projekte

Apropos Bücher: Das Buch, das Camille zum Veganer machte, war „Tiere essen“ von 2009, das zu einem vegetarischen Klassiker geworden ist und von Jonathan Safran Foer geschrieben wurde. Camilles Lieblingsliteratur über Tierrechte bleibt jedoch „Zoopolis“, eine Utopie über Tiere als nicht-menschliche Individuen in unserer von Menschen dominierten Gesellschaft; 2011 von Sue Donaldson und Will Kymlicka veröffentlicht.

Camilles nächstes Projekt ist das Verfassen eines Buches über Wale, seine Lieblingstiere: Es wird ein Loblied auf die großen Meerestiere sein. Wäre COVID-19 nicht passiert, wäre er am liebsten bald nach Guadeloupe gereist, einer Insel im Karibischen Ozean, die zum französischen Staatsgebiet gehört und auf der der Euro als Währung verwendet wird. „Ein paar frische Eindrücke von Walen zu haben, wäre fantastisch für mein nächstes Buch gewesen – aber das wird dieses Jahr nicht möglich sein.“ Da er schon früher auf Wale gestoßen ist, plant er dennoch, das neue Buch bis Ende des Jahres fertig zu stellen. Seine Begeisterung für Wale drückt er nun, wegen internationaler Reisebeschränkungen in Frankreich „gestrandet“, durch viele Wal-Emojis aus, wie ich im Nachrichtenaustausch mit ihm feststelle.

Schreiben als Form des Aktivismus

Für den französischen Autor ist es eine Form von Aktivismus, Wörter auf Papier oder auf einen Bildschirm zu bringen. Besonders aktiv ist er auf Twitter, wo er seine Entrüstung über Aktivitäten wie die Jagd zum Ausdruck bringt: „Ja, ich bin manchmal ein wütender Twitter-Nutzer.“ Er äußert gerne seine aufrichtigen Ideen und Bedenken und beteiligt sich an Debatten über soziale Medien, auch wenn dies eine Kehrseite haben mag: „Wenn man Autor ist, ist es gut, ein wenig geheimnisvoll zu wirken. Wenn du nie sprichst und dein Buch für sich selbst spricht, ist das unglaublich kraftvoll. [...] Nun ja, dazu bin ich nicht in der Lage.“ Seine Tweets und Facebook-Posts zeigen, dass ihm nie eine Prise Humor abhandenkommt, und er lässt es die über 3.000 Follower seines Twitter-Kontos wissen: „Meine Bücher sind besser als meine Tweets.“

Eine Quelle anhaltender Belustigung ist für ihn auch die Tatsache, dass viele Menschen, darunter Buchkritiker, davon ausgehen, dass er eine Frau ist. Immerhin ist der Vorname „Camille“ unter Frauen in Frankreich viel häufiger anzutreffen. Camilles Reaktion? „Das ist für mich völlig in Ordnung – viele bekannte Tieraktivisten sind schließlich Frauen!“ Der „Heilige Gral“ für ihn als französischen Autor wäre es, seine Bücher ins Englische oder in andere Sprachen übersetzen zu lassen. Auf diese Weise könnte er die Botschaft, dass Tiere fühlende Wesen sind, über das französische Territorium hinaus weiterverbreiten.

Vielen Dank an Camille Brunel.