Filmkritik: Unhinged - gesellschaftskritischer Actionthriller

Filmkritik: Unhinged - gesellschaftskritischer Actionthriller

Geschrieben am 11.08.2020
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Am 16. Juli diesen Jahres kam der Thriller „Unhinged – Außer Kontrolle“ auf die deutsche Kinoleinwand. Oscarpreisträger Russell Crowe spielt einen psychotischen Killer, der eine junge Mutter im Auto quer durch die Straßen ihrer Stadt verfolgt. Doch dieser Film bietet nicht nur Action und Spannung, Regisseur Derrick Borte (The Joneses, 2010) zeigt ebenfalls einige sehr präsente Probleme der modernen Gesellschaft auf.

Ein aggressives Hupen

Dies ist es, was den Ausschlag für Russell Crowes Character gibt, die junge Rachel Flynn, die im Verkehrschaos eines Montagmorgens ihren Sohn zur Schule bringt, zu verfolgen. Er hält bei der nächsten Ampel neben ihr, kurbelt das Fenster herunter und bittet sie, sich für dieses unhöfliche Verhalten zu entschuldigen. Rachel, welche nicht nur (mal wieder) zu spät dran ist, sondern auch noch in einem Scheidungskrieg und in finanziellen Nöten steckt, lehnt dies erneut recht unhöflich ab und fährt weiter. Dieses respektlose Verhalten, welches er nach eigenen Schicksalsschlägen nicht mehr hinnehmen will, verleitet den Fahrer dazu, die junge Mutter mit seinem Pick-Up zu verfolgen, dicht aufzufahren und sie sogar zu rammen.

Dabei schreckt er vor nichts zurück, was sich sehr bald in Massenkaramboulagen und zivilen Opfern zeigt. Des Weiteren entwendet er Rachel, als diese an einer Tankstelle hält, das Handy und tauscht es durch sein eigenes aus. Auf diese Weise kennt er ihre Kontakte, erfährt ihre Adresse und von ihrer Scheidung. Der Fahrer beginnt, eine systematische Vendetta gegen Rachel, um ihr „zu zeigen, wie ein schlechter Tag wirklich aussieht“ und damit sie lerne, sich zu entschuldigen. Russell Crowe spielt diese Rolle sehr überzeugend und schafft es in den ersten Minuten mit einem bloßen Blick, dem Zuschauer Angst einzujagen.

Auch Caren Pistorius überzeugt in ihrer Rolle als Rachel, welche zunächst in Panik verfällt, sich im Laufe des Films jedoch als Kämpferin und Löwenmutter entpuppt.

Fehlender Respekt und zunehmende Entfremdung

Der Vorspann des Films besteht zum größten Teil aus Aufnahmen von aggressivem Fahrverhalten und Vandalismus in den USA. Parallel reden Nachrichtensprecher über steigende Arbeitslosigkeit, hohe Anzahl an psychologischen Behandlungsfällen, Entfremdung durch Digitalisierung und Social Media und sogar Epidemie und Lockdown werden erwähnt. All diese Dinge führen zunehmend zur Verrohung der Menschen und sorgen für mehr Kriminalität, welche die Polizei aufgrund von Personalkürzungen nicht erfolgreich eindämmen kann. All diese Informationen, die zunächst nacheinander, dann zeitgleich in einer Masse aus Bildern und Aussagen auf den Zuschauer einströmen, liefern die ideale Exposition für das später sehr brutale Verhalten des aggressiven Fahrers und lassen es somit realistischer erscheinen.

Er selbst erwähnt mehrfach, dass er eine unschöne Scheidung durchgemacht hat. Des Weiteren hat er seinen Job verloren und nimmt Medikamente, scheinbar Antidepressiva. Der Titel ist in dieser Hinsicht passend, dass der Fahrer jegliche Vernunft bzw. jegliche Gnade abgelegt hat und sich allein von dem Wunsch nach Rache an der Gesellschaft, welche er für seinen Zustand verantwortlich macht, leiten lässt. Dabei ist es ihm egal, ob er Unschuldigen schadet, da er, wie er selbst sagt, auch sein Leben lang ungerechtfertigt schlecht behandelt wurde. Natürlich sind einige Action-Szenen, gerade im Straßenverkehr übertrieben und auch der Plot ist überspitzt, jedoch schafft es Borte, die Message der aktuellen gesellschaftlichen Probleme deutlich hervorzubringen.

Was du nicht willst, das man dir tut ...

Der Film schließt sich wie ein Kreis. Nachdem Rachel und ihr Sohn „einen wirklich schlechten Tag“ überstanden haben, nimmt ihr jemand auf der Heimfahrt die Vorfahrt. Sie bremst und friert ein, als ihre Hand über der Mitte des Lenkrads schwebt. Die traumatischen Erfahrungen, die sie machen musste, haben sie dazu gebracht, dass sie weniger impulsiv und mit mehr Bedacht handelt. Ihr Sohn lächelt ihr vom Rücksitz aus zu: „Gute Entscheidung.“

Das Ende ist ein Appell an den Zuschauer, respektvoll und friedlich mit seinen Mitmenschen umzugehen und verfolgt das Prinzip, dass alle einen Teil dazu beitragen können, die Gesamtsituation zu verbessern.

Im Film wird zudem immer wieder, beispielsweise durch Fernsehbeiträge auf die Verrohung der Menschen durch nie endende schlechte Nachrichten und parallel durch die Scheinwelt von Social Media hingewiesen. An einer Stelle wird gesagt, dass man in der heutigen Gesellschaft quasi nur etwas wert sei, sofern man einen erfolgreichen Instagram-Feed habe. All diese Dinge frustrieren die Menschen und bringen sie dazu, ihre Wut aneinander auszulassen, was ihr Gegenüber zusätzlich frustriert und sich wie ein Lauffeuer weiter verbreitet.

„Einer wie er kann jedem passieren“

Russell Crowes Character steht für jemanden, bei dem ein einziger Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Man kennt das ja selbst: man hat einen stressigen Tag, ist genervt und der nächste, der einen auf der Straße oder im Supermarkt anrempelt, bekommt die gesamte aufgestaute Wut ab. Unhinged zeigt auf extreme Weise, dass man auf seine Worte und Taten achten sollte, denn es wird immer jemanden geben, dem es objektiv schlechter geht und der noch wütender ist, als man selbst.

Der Film überzeugt durch Spannung und erschreckend realistisches Setting.