Christoph Probst: Neue Biografie über einen Widerständigen im Dritten Reich

Christoph Probst: Neue Biografie über einen Widerständigen im Dritten Reich

Geschrieben am 20.08.2020
von Grace Kiernan


Gerade ist die neue von Thomas Mertz verfasste Biografie über Christoph Probst erschienen. Sie erzählt, wie ein Student der „Weißen Rose“ sein Leben dafür ließ, ein Freidenker zu bleiben und gegen die NS-Diktatur Widerstand zu leisten. Was bewegt einen Menschen dazu, während Millionen andere tatenlos blieben?

Christoph Probst war ein junger Medizinstudent, verheiratet und hatte drei Kinder. Als eines der Kernmitglieder der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ während des Zweiten Weltkriegs wirkte er im Kampf gegen den Nationalsozialismus und wurde am 22. Februar 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet.

Was war dieser Christoph Probst für ein Mensch, dass er dazu bereit war, solche Risiken einzugehen, obwohl er so viel zu verlieren hatte? Die neu erschienene Biografie gibt durch verschiedene Zeugnisse von und über Christel, wie ihn seine Familie nannte, einen persönlichen Einblick in sein Leben und zeigt, was für eine Persönlichkeit er war. Im Anschluss an die Beschreibung seines Lebens finden sich gesonderte Briefauszüge, Fotos und schließlich eine Interpretation des Charakters von Christoph Probst mit seiner Bedeutung für heute.

Ein Lebensweg, alles andere als gradlinig

Christoph Probst wächst mit seiner Schwester Angelika unter schwierigen Bedingungen auf. Seine Eltern trennen sich früh, als Kind und Jugendlicher wechselt er mehrmals die Schule. Schon früh zeigt er großes Mitgefühl und Interesse an seiner Umwelt, verzichtet aus Mitleid mit Tieren zeitweise auf Fleisch. Als er 15 Jahre alt ist, wächst durch die Schule eine tiefe Freundschaft zwischen ihm und Alexander Schmorell. Beide werden später Mitglieder der Weißen Rose. Schon früh distanziert Christoph sich innerlich von dem Gedankengut des Nationalsozialismus. Als er 16 Jahre alt ist, begeht sein Vater Selbstmord. Trotz seines jungen Alters und seiner eigenen Trauer unterstützt und ermutigt er seine jüdische Stiefmutter; zahlreiche Briefe bekunden seine Verbundenheit und seine Fürsorge für sie. Auch zu seinem jüngeren Halbbruder Dieter sucht er Kontakt und schreibt ihm immer wieder Briefe.

Christoph ist nicht immer zuversichtlich. Als er nach Beginn seines Medizinstudiums in München in die Kompanie muss, schreibt er seiner Schwester, dass er nun die Gewissheit habe, dass „Weltverbesserungsversuche ein Unding sind“. Offensichtlich ändert sich diese Überzeugung.

Mit nur 20 Jahren wird er ungeplant Vater seines ersten Sohnes. Er kämpft in der danach folgenden Zeit mit dem Umstand, dass er seine junge Familie durch mehrere Versetzungen nur selten sehen kann. Im Februar 1942 beginnen Lese- und Diskussionsabende in München, geistig begleitet die Widerständigen Carl Muth, ein regimekritischer Gelehrter. Die Beteiligten teilen die Ablehnung des Nationalsozialismus, eine Hinneigung zum Glauben bzw. zu einer Glaubensreform und die Liebe zur Philosophie. Dort begegnen sich schließlich auch die Kernmitglieder der Weißen Rose. Sie alle vereint die Ablehnung der menschenverachtenden Politik und Diktatur sowie der Wille, „sich im Strom der Geschichte nicht widerstandslos treiben zu lassen.“

Die Weiße Rose beginnt bald danach mit heimlichen Aktionen. Die Mitglieder verteilen Flugblätter, die die Folgen der NS-Diktatur anprangern und zum Widerstand dagegen aufrufen. Bei einem dieser Aktionen im Februar 1943 werden die Geschwister Scholl entdeckt und festgenommen. In Hans Scholls Tasche wird ein Schriftstück von Christoph Probst, ein von ihm geschriebenes Flugblatt, entdeckt. Er wird daraufhin festgenommen und nach kurzem Prozess zusammen mit den Scholl-Geschwistern hingerichtet. Zuvor schreibt er noch Abschiedsbriefe, unter anderem an seine Mutter, in dem er ihr dankt, dass sie ihm das Leben gegeben habe, und feststellt, sein Leben sei „ein einziger Weg zu Gott“ gewesen. Vor seiner Hinrichtung lässt er sich taufen.

Ein ganz normaler Mensch?

Sein Halbbruder Dieter sagte: „Ich habe selten einen Menschen gekannt, der so wenig ich-bezogen war, sondern ganz auf das `Du´ hin. In seinen Briefen kommen sein ausgeprägtes Mitgefühl und die Fürsorge für andere zum Ausdruck sowie seine Fähigkeit zur Freundschaft. Laut Alex Schmorells Bruder sei die Haltung und der Widerstand der Mitglieder der Weißen Rose ohne deren Freundschaft zueinander gar nicht zu begreifen, ordnet Thomas Mertz ein. Die Briefe zeigten eine ausgeprägte Fähigkeit zur inneren Autonomie und ein stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl.

Für mich als Jugendliche ist besonders relevant, inwiefern ich selbst und meine Mitmenschen innerlich frei sind. Besonders zum Nachdenken gebracht hat mich der Hinweis auf den „Griff der Wirtschaft“, der die Entwicklung der Bürokratie, Medien und öffentliche Meinung unbemerkt beeinflusst. Mir stellt sich die Frage: Inwiefern bin ich beeinflusst? Wie kann ich mich innerlich freier und unabhängiger machen, wie Christoph Probst und seine Freunde es taten?

Mertz zitiert eine Sekretärin Goebbels, die sich fragte: „Ist es die Gleichgültigkeit der Menschen, die das alles ermöglicht hat?“ Sein Lebenswandel ist ein Aufruf, innerlich frei zu bleiben, zu hinterfragen, und Verantwortung dafür zu übernehmen, wie in Deutschland heute politisch gehandelt wird. Nur so kann eine freie Demokratie bestehen. Man kann den damaligen Nationalsozialismus in Deutschland und somit die Biografie von Christoph Probst als Mahnung sehen gegen die, wie Mertz schreibt „moralische Trägheit und Benommenheit der deutschen Bevölkerung.“

Persönliches Fazit

Mertz möchte zeigen, wie Kindheit, Familie, Umfeld und persönliche Erfahrungen Christoph Probst auf seinem Weg zum Widerständler stärkten und zum christlichen Glauben führten. Ohne eine gewisse subjektive Interpretation ist eine solche Schlussfolgerung natürlich nicht möglich. Die Biografie lässt es so wirken, als habe seine christliche Gesinnung seinen Lebensweg und seine Entscheidungen maßgeblich beeinflusst. Auch als Christin bezweifle ich, dass sich ein moral-ethischer Lebenswandel durch eine bestimmte religiöse Zugehörigkeit erklären lässt. Nichtsdestotrotz zeigt sich in seinen Briefen, wie christliche Literatur ihn in seiner persönlichen Entwicklung half und ihm Anreiz gab, sich mit seinem Lebenssinn und seiner Verantwortung zum Handeln zu befassen.

Eine Frage, die mir nach dem Lesen jeder Biografie bleibt, ist, was die beschriebene Person heute selber zu dem Bild sagen würde, das darin von ihr gegeben wird. Wie würde Christoph Probst heute selber über sich und sein Leben reflektieren? Wir wissen es nicht. Was wir haben, sind seine Briefe, und daraus hat Mertz einen wunderbaren, persönlichen Einblick in das innere Geschehen und die persönliche Entwicklung von Christoph Probst ermöglicht. Ohne Zweifel zeigt mir diese Biografie auf, dass historische Gestalten wie die von Christoph Probst auch heute von höchster Bedeutung sind.

Was ich persönlich aus dieser Biografie mitnehme? Den Aufruf, meine eigene innere Freiheit und die Beeinflussung äußerer Faktoren immer wieder zu überprüfen, mich auf meine Verantwortung als mündige Bürgerin zu besinnen und den Wert von Freundschaft und Lese- und Diskussionsabenden nicht zu vergessen. Außerdem bleibt die Frage, die zweifelslos für jeden von uns wichtig ist und auf die es eine Antwort gibt, wenn man sich nur umschaut: Wer ist heute benachteiligt, ausgegrenzt und unfrei? Für wen kann ich mich heute einsetzen?

Buchinformationen:
Broschiert: 196 Seiten
Verlag: Paulinus; Auflage: 1 (1. Juni 2020)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3790217417
ISBN-13: 978-3790217414
Größe und/oder Gewicht: 13,8 x 1,7 x 20,8 cm