„Fakt ist: Die Frau ist nachher nicht mehr die, die sie war“

Geschrieben am 25.09.2020
von Michaela Urschitz

Anna* aus Südtirol beschäftigt heute noch das, was sie mit 20 erlebt hat – eine Abtreibung, die ihr Leben veränderte. Auch Jahrzehnte später, als Mutter von fünf Kindern, hat diese Abtreibung bleibende Spuren hinterlassen. Hier spricht sie über das, was dazu geführt hat und was sie weitergeben möchte.



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Liebe Maria, ich danke Dir vorweg für Deine Offenheit. Erzähle uns bitte von Deinen Gedanken, als Du erfuhrst, dass Du schwanger bist.

Meine erste Reaktion war Freude! Mit 20 hatte ich einen Freund: Wir wollten heiraten und waren bereits beim Haus bauen. Ich selbst hatte schon immer davon geträumt, eine eigene große Familie zu gründen, es war eine tiefe Sehnsucht. Aber mein Freund und seine Familie sahen das anders: Sie erklärten mir kühl und sachlich, dass ich das Kind abtreiben müsse, dasselbe hätten sie auch schon zweimal aus wirtschaftlichen Gründen getan.

Für mich kam das wie ein Schock: Ich fühlte mich allein und fragte mich, wer jetzt zu meinem Kind steht. Ich hatte mich bisher nie mit der Thematik befasst. Sollte das Kind etwa sterben, weil kein Platz im Haus ist? Unmittelbar kann man es gar nicht in Worte fassen, erst jetzt kann ich manches interpretieren, was in mir vorging.

Inwiefern hättest Du Dir damals Unterstützung gewünscht?

Zunächst natürlich den Rückhalt meines Freundes. Im Umfeld meiner Freunde und Bekannten hätte ich sicher genug Unterstützung gehabt, aber ich habe sie nicht gesucht. Die Scham, allein mit dem Kind dazustehen und niemanden zu haben, war einfach zu groß. Noch dazu wäre es ein uneheliches Kind gewesen und die Beziehung stand auf dem Spiel. Im Nachhinein weiß ich: Ich hätte meine eigene Familie gehabt, die zu mir gestanden hätte.

Welche Gedanken für oder gegen das Baby sind Dir begegnet bei der Entscheidung?

Ich wollte einfach aus der Situation heraus, habe mir versucht, zu erklären, dass es doch in Ordnung ist, das Kind abzutreiben. Ich habe die Rechte, die das Kind hat, ausklammern und vergessen wollen. Heute weiß ich, dass diese Gedanken natürlich viel zu kurz greifen …

Wie hat Dein Umfeld auf Deine Entscheidung reagiert, das Kind abzutreiben?

Von der Entscheidung zur Abtreibung wusste nur die Familie meines Freundes, die mich ja dazu gedrängt hat. Sie reagierten erleichtert. Meiner Familie und meinem Freundes- und Bekanntenkreis erzählte ich von einer Fehlgeburt. Somit setzte ich meinen Lebensweg mit einer fatalen Lüge fort. Heute spricht man offener über Abtreibung.

Als mein Kind weg war, wurde ich kurz danach depressiv. Mein Freund reagierte schockiert. Er konnte nicht verstehen, wieso mich die Abtreibung so sehr belastete. Ich weinte bereits, als ich von der Narkose aufwachte. Der Eingriff war vom Zeitpunkt der Schwangerschaft her gerade noch legal gewesen, aber ich mir war bewusst: Ich habe gerade mein Kind verloren. Schon wenige Tage und Wochen danach hatte ich immer wieder Selbstmordgedanken.

Trotzdem wollte ich niemanden damit belasten, es musste irgendwie weitergehen. Ich habe versucht, mich selbst zu belügen, dass es sein musste. Das hatte mir tatsächlich etwas geholfen: Ich konnte mich wieder für andere Familien freuen, die Kinder hatten – ich selbst wollte nach wie vor eine Familie gründen, war außerdem noch voll in meinem Beruf. Das Leben geht weiter, aber es ist einem oft nicht bewusst, wie sehr man sich dafür verstellen muss.

Hat Dich die Abtreibung auch später noch psychisch belastet?

Zuerst ging die Beziehung zu meinem damaligen Freund in die Brüche. Bevor ich später heiratete, erzählte ich meinem zukünftigen Mann von meiner Abtreibung. Als unser viertes von fünf Kindern im Alter von acht Monaten tot im Bett lag, kamen für mich Angst und Trauer wie eine Bombe, ein unglaublich schlimmer Schmerz zurück. Nach außen hin haben viele zu mir gesagt: Du bist so stark. Innen drin wusste ich genau: Ich hatte mich damals überreden lassen!

Es war das Fatalste, was ich in meinem Leben getan habe. Es ist ein Leiden, das ich mir selbst verschuldet habe. Heute kann ich mich wieder über jedes Kind, das unter allen möglichen Umständen zur Welt kommen darf, freuen, und ich denke mir: „Es wäre schön, wenn du das auch so geschafft hättest.“

Wie kann man Frauen wie Dir in Deiner damaligen Situation helfen, ohne dass man Druck ausübt und sie sich ernst genommen fühlen?

Es ist nach wie vor ein Thema, das sehr mit Scham behaftet ist, die Folgen sind schwerwiegend. Es verändert unseren Charakter grundlegend in dem Sinn, dass man es spürt, auch wenn es einem nicht bewusst ist. Es ist, als wäre das Rückgrat gebrochen.

Man sollte vor allem hellhörig sein: Was sagt die Frau? Hat sie einen Bezug zum Kind? Redet sie zum Beispiel von „meinem oder von dem Kind“? Dann gilt es, hinzuhören, was ihre Not ist, warum die Schwangerschaft für sie keine Freude, sondern etwas Schlimmes ist. Und natürlich ist es wichtig, konkrete Hilfe anzubieten – Mut zu machen, es zu wagen. Wenn etwa jemand sagt: „Wir können es uns nicht leisten“, dann kann man gezielt aufzeigen, welche Hilfen es gibt. Vor allem: dranbleiben und immer wieder nachfragen.

Abschließend: Was möchtest du anderen Menschen im Umfeld einer Frau, die einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich hat, ans Herz legen?

Dass so viele Menschen einfach schweigen oder keine Meinung zum Thema Abtreibung haben, hat mich lange sehr wütend gemacht. Man muss Position beziehen, weil es einfach nicht richtig ist zu sagen: „Tu, was Du willst“. Es geht wirklich um das Kind und um die Frau. Fakt ist: die Frau ist nachher nicht mehr die, die sie war.

Wichtig ist, dass man einfach da ist und versichert: Wir schauen gemeinsam, wie du damit klarkommst. Eine Freundin, die mit ihr weint, auch wenn sie vielleicht nicht weiß, was sie sagen soll. Auch das kann man ausdrücken: Sag du mir, was ich tun kann – ich würde so gerne helfen. Diese ehrliche Bereitschaft braucht es, keine Beschwichtigungen, kein Herunterspielen. Es gibt auch konkrete Hilfestellungen nach Abtreibung. Sich nach einer Abtreibung selbst zu vergeben scheint im ersten Moment unmöglich, aber es muss stattfinden. Erst dann kann der Heilungsprozess beginnen. Jeden seine eigene Sache machen lassen, ist einfach zu wenig.

* Name von der Redaktion verändert. Der Beitrag erschien zuvor im „Human Rights Talk“