Loslassen – Ein Akt der Selbstliebe

Geschrieben am 25.09.2020
von Josephina Petersen

Wir alle haben in unserem Leben bereits Verluste und Rückschläge hinnehmen müssen. Seien es Freundschaften, die zerbrochen sind, eine Beziehung, die gescheitert ist oder auch einfach eine Kündigung des Arbeitsverhältnisses. Wenn uns derartige Situationen widerfahren, heißt es oft, dass wir diese Dinge hinter uns, respektive „loslassen“ müssen.

Loslassen. Ein Akt der vielen von uns schwer fällt. Doch was bedeutet es etwas oder jemanden loszulassen? Und was hat dies mit der in der heutigen Zeit häufig diskutierten Selbstliebe zu tun?

Jeder kennt es in seinem Leben. Plötzlich stehen wir vor einer Situation, welche uns in unserem Leben sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegreißt. Eine unerwartete Trennung von einem Lebensabschnittsgefährten wirft uns vollkommen aus der Bahn oder der Chef händigt uns unvorhergesehen betriebsbedingt die Kündigung aus.

Situationen, welche uns aus unserer aktuellen komfortablen Lage herausreißen und unser Leben, wie wir es bisher kannten, vollkommen auf den Kopf stellt. Ein derartiger Verlust kann uns in unserem Selbstwert ganz schön treffen, aber auch herausfordern. Die Frage, welche das Leben nun an die Betroffenen stellt lautet: Wie gefestigt bist du in deinem Sein?



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Die Verbissenen und die Resilienten – Unterschiedliche Herangehensweisen

An diesem Punkt spaltet sich nun die Herangehensweise verschiedenster Menschen. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, welche vehement an der Situation festhalten, diese nicht wahrhaben wollen und mit aller Energie daran arbeiten den Ursprungszustand wieder herzustellen. Hier handelt es sich um Personengruppen, welche z.B. ihren Ex-Partner nicht wirklich gehen lassen wollen, die Entscheidung der Beendigung der Beziehung nicht akzeptieren können. Sie kämpfen bis zur Erschöpfung und in vielen Fällen sogar bis zur Selbstaufgabe darum, den Ex-Partner zurück zu gewinnen.

Diesen Menschen stehen auf der anderen Seite diejenigen entgegen, welche die Situation annehmen, akzeptieren und sich wieder auf sich besinnen und ihren eigenen (Lebens-)Weg weitergehen. Diese Menschen verfügen über eine Fähigkeit, welche sich Resilienz nennt. Hinzu kommt, dass sie in ihrem Sein so gefestigt sind, dass sie vertrauensvoll in die Zukunft blicken können und wissen, dass trotz aller Rückschläge wieder eine glückliche und zufriedene Zukunft vor ihnen liegt.

Selbstzweifel führen zu verzweifelten Kämpfen und Verstrickungen

Weshalb fällt es den einen scheinbar leichter, gewisse Situationen und Menschen hinter sich zu lassen? Und welche Gründe stecken hinter den Beweggründen derjenigen, welche schon fast verbissen an selbigen Widerfahrnissen festhalten?

Viele meinen, dass es von wahrer Stärke zeugt, an Dingen festzuhalten. Einige von uns haben bereits in der Kindheit gelernt, dass man nicht aufgeben darf, dass man um die Dinge, die im Leben wichtig sind, kämpfen muss. Dies erzeugt Glaubenssätze, welche suggerieren, dass man gescheitert ist, wenn man die Dinge einfach so sein lässt oder gar akzeptiert. Im Falle der Nicht-Akzeptanz einer Liebesbeziehungsbeendigung spielt auch die eigene Bedürftigkeit eine große Rolle. Die Problematik hierin liegt in der Annahme, dass die Beendigung etwas mit der eigenen Person zu tun habe und dass man hier vielleicht nur noch ein bisschen mehr hätte geben müssen. Viele fragen sich auch, wenn der Partner zu einem anderen Menschen weitergezogen ist, was der andere habe, über dessen Eigenschaften man selbst nicht verfügt. War man nicht gut genug?

Festhalten aufgrund fehlender Selbstliebe?

Fehlende Selbstliebe führt oft dazu, dass Dinge persönlich genommen werden und bringt die betroffene Person in eine Kampfbereitschaft evtl. wiederkehrende Muster womöglich endlich aufzulösen. Dass der Ursprung fehlender Selbstliebe jedoch in der erlebten Kindheit liegt, die Situation zu kontrollieren und aufzulösen, blockiert das aktive Loslassen im Jetzt.

Als Beispiel möchte ich hier das folgende anführen: Hast du in deiner Kindheit womöglich immer um Anerkennung und Bestätigung kämpfen müssen, dann wird ein Beziehungsende für dich wahrscheinlich eine so große Ablehnung bedeuten, dass du in dieser Situation versuchst, den Ausgang ändern zu wollen und kämpfst weiter um die Gunst deines Ex-Partners. Dies ist natürlich eine unbewusste Haltung, welche dich zu einem solchen Verhaltensmuster treibt. Daher solltest du dir bewusst werden, weshalb du so vehement festhältst, welche in dir verankerten Glaubenssätze genau dahinter stecken könnten, die dich daran hindern, die jetzige Situation loszulassen.

Loslassen bedeutet, den Fokus auf sich selbst zu richten

Es ist ein wahrer Akt der Selbstliebe, mit dem Kämpfen aufzuhören. Wenn du dir bewusst wirst, weshalb dir die Dinge passieren und du diese reflektierend beobachtest, deine Muster erkennst und deine inneren Wunden heilst, dann kannst du loslassen. Von dem anderen abzulassen und sich selbst zuzuwenden ist eine kraftvolle und mutige Aktion, die du dir selbst zuliebe vollziehen kannst. Loslassen bedeutet zurück zu sich zu kommen. Den Fokus von den belastenden Dingen und Situationen zu nehmen und auf sich selbst zu lenken um dann zu schauen, weshalb du sie in dein Leben gezogen hast und diese Thematik, welche tief in deinem inneren verankert ist anzunehmen und aufzulösen.

Das Gelassenheitsgebet – die Weisheit des Erkennens

Es ist wahre Stärke, die Dinge sein zu lassen. Der US-amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr hat vor oder während des 2. Weltkrieges – ganz klar ist laut Wikipedia der zeitliche Ursprung nicht – das folgende Gelassenheitsgebet kreiert, dessen verkürzte deutsche Version aus diesem Wortlaut besteht:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Manchen fehlt zunächst die Weisheit zu erkennen, dass man die Dinge vielleicht lieber ruhen lassen sollte und an anderer Stelle neu anzufangen. Doch auch dies ist ein Lernprozess, welchem sich der Mensch im Laufe seiner Persönlichkeitsentwicklung unterzieht, um so in seinem Sein zu wachsen und sich zu entfalten.

Möchtest du in deinem Leben weiterkommen, ein Kapitel abschließen, dann musst du dich mit dem Thema, welches dich in deiner aktuellen Situation blockiert, auseinandersetzen. Steckt womöglich noch ein altes Gefühl dahinter, welches aufgelöst werden möchte? Das Leben schickt dir ständig ähnliche Situationen und Menschen, sodass du die Möglichkeit bekommst, aufzuwachen, zu erkennen und daran zu wachsen. Es handelt sich selten um Zufälle, wenn dir gewisse Dinge (immer wieder) widerfahren. Es fällt einem zu, was fällig ist! Das Leben ist selten ein Würfelspiel. Alles kommt zu seiner Zeit. Und es liegt an dir, ob du den Wink mit dem Zaunpfahl des Lebens erkennst und annimmst.