The Winner Takes It All: Trump gegen Biden

Geschrieben am 02.11.2020
von Kira Drössler

Wer hat am 3. November die besseren Chancen – der aktuell amtierende Präsident Donald Trump oder sein Herausforderer und Demokrat Joe Biden? Moritz Czygan ist in den letzten Zügen seines Doppelmasters Public Policy Economics und Managements of Governments and international Organizations. Als er in Mailand in den Lockdown gerät, startet er mit seinem Mitbewohner und Kommilitonen einen Podcast zu den US-Wahlen 2020.




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Ich treffe mich auf einen Kaffee mit Moritz Czygan, um mit ihm über die bevorstehenden US-Wahlen zu sprechen: Er ist Dual Degree-Student an der Hertie School und der Bocconi University in Mailand. Sein Forschungsinteresse konzentriert sich auf Geschlechterökonomie, Vermögensungleichheit und Gerechtigkeit zwischen den Generationen bei der Politikgestaltung, während sich sein nicht-forschendes Interesse auf US-Politik fokussiert.

Moritz, du hast als Deutscher in Mailand einen Wahl-Podcast gestartet. Warum US-Politik?

Mein Interesse an US-Politik war auch abseits vom Studium schon immer relativ stark. Es ist spannend, dass die Wähler*innen dort keine Parteien, sondern eher Personen wählen. US-Politik hat einfach diesen Showman-Charakter.

Showeinlagen gab es bisher ja einige – wenn auch teils echt schockierende, zum Beispiel beim ersten TV-Duell…

Ja, das erste Fernsehduell war völlig wahnsinnig und wirklich Trash-TV. Von beiden Seiten war man sich am Ende einig, dass es nichts gebracht hat. Trump hat auf Biden mit Worten eingeprügelt. Es war wie ein Boxduell mit Worten. Biden kann nicht gut debattieren – das hat auch erst mal nichts mit dem Alter zu tun. Er konnte es, aus meiner Sicht, früher nur ein wenig besser.

Bevor wir weiter die Duelle Revue passieren lassen, lass uns doch noch einmal kurz einen Blick auf die Wahlversprechen der beiden werfen. Wie sehen die aus?

Trump macht weiter mit „Make Amerika great again“. Er konzentriert sich in seiner Argumentation hauptsächlich auf die Wirtschaft vor Corona. Dort gab es vergleichsweise wenig Arbeitslose und die Börsenwerte hatten eine Hochphase. Sein anderes großes Wahlkampfthema ist Recht und Ordnung, das primär aus den Black Lives Matter-Protesten entstanden ist. Diese lehnt er ab und behauptet, dass die Vorstädte durch linke Gruppen terrorisiert und zerstört werden.

Auch Biden hat im Gegensatz zu anderen demokratischen Kandidat*innen nicht so genaue Aussagen bezüglich seiner Ziele getätigt. Sein Motto ist: „Restore the soul of this nation“. Er möchte also wieder einen Zustand wie vor Trump erreichen. Er war vier Jahre Vizepräsident unter Obama und verspricht, dass er wieder zum alten Zustand zurückkehren und Trumps Fehler ausbügeln möchte.

Seine großen Themen sind Trumps Umgang mit Corona, damit einhergehend Obamacare und das Gesundheitssystem, was schon seit jeher ein großes Anliegen der Demokraten ist und durch die Pandemie noch verstärkt wurde. Ebenfalls ist Rassismus für ihn ein großes Thema, denn im Gegensatz zu Trump sagt er, dass es durchaus Rassismus in den USA gibt. Biden argumentiert gegen Trumps Aussagen zum angeblichen Links-Terrorismus, dass die überwiegende Mehrheit der Demonstranten friedlich ist.

Es ist also ein Wahlkampf in der Krise: Covid-19, Proteste, George Floyd. Das waren auch Inhalte, die in der Townhall-Konferenz und im zweiten TV-Duell zum Tragen kamen. Wie hast du die weiteren Auseinandersetzungen denn empfunden – konnte sich durch die Duelle ein Gewinner herauskristallisieren?

Die Townhall hat, meiner Meinung nach, nichts an der Ausgangslage geändert. Doch man könnte sagen, dass allein die Tatsache, dass die beiden sich in der Debatte nicht direkt gegenüberstanden, eine Niederlage für Trump war. Der setzt in den Debatten einfach darauf, fitter als Biden zu wirken und ihn aggressiv anzugreifen. Das konnte er also in diesem Format nicht machen.

Die Einschaltquoten waren bei Biden auch deutlich höher, was als schlechtes Zeichen für Trump gedeutet werden könnte. Er macht in der Regel mehr Show, wohingegen Biden – wenn es rein um Fernsehunterhaltung geht – quasi ein ziemlicher Langweiler ist. In seine höheren Einschaltquoten könnte man also interpretieren, dass viele Amerikaner*innen sich Bidens Sieg sicher sind und sie eben mal reinschauen möchten, was der zukünftige Präsident denn zu sagen hat.

Trump hatte einen für ihn typischen Auftritt, der ihm definitiv nicht geholfen hat, wenn er noch Unentschiedene überzeugen wollte. Wenn er behauptet, die QAnon-Bewegung nicht zu kennen [Anm. der Redaktion: Verschwörungsbewegung, die Mythen von einer mächtigen „Schattenregierung“ verbreitet], vermeidet er es, sich von teils antisemitischen Inhalten zu distanzieren. Das ist ganz besonders als Präsident schrecklich. Jede Niederlage von Trump ist ein Gewinn für Biden.

Welchen Einfluss haben die Vizepräsidentschaftskandidat*innen auf die Wahl?

Studien aus der Vergangenheit haben gezeigt, dass sich die Wahl der Vize-Kandidat*innen eher wenig auf die Wahl des Präsidenten auswirkt. Doch jetzt kann es anders sein: Es wurde bereits zynisch gesagt, dass der und die Vize nur noch einen Herzschlag von der Präsidentschaft entfernt sind. Und hier kommt Kamala Harris ins Spiel. Sie bringt alles mit, was eine Präsidentschaftskandidatin mitbringen sollte. Sie ist eloquent, smart und extrem scharfzüngig, zum Beispiel hat sie Biden bei den Vorpräsidentschaftswahlen vorgeworfen, ein rassistisches Gesetz unterstützt zu haben.

Dass Biden die Kandidatin als Vize auswählt, die ihm am meisten Kontra gegeben und die größten Probleme beschert hat, kann ein Punkt für ihn sein. In den USA ist der Vize-Präsident mehr als der oder diejenige, der die Bundesjugendspiel-Urkunden unterschreibt so wie es in Deutschland der Bundespräsident tut. In den USA ist die Stelle nicht rein repräsentativ, sondern auch beratend.

Und da holt Harris viele Bürger*innen ab?

Ja. Eine Schwarze Frau verbinden viele mit progressivem und eher linkem Gedankengut. Klar, auf dem Parteienspektrum ist sie als Demokratin per se eher links. Aber innerhalb der Demokraten ist Harris moderat und auf einer Linie mit Joe Biden. Sie war Justizministerin in Kalifornien und das gilt beim linken demokratischen Flügel quasi als Todsünde. Und deshalb ist Harris als Wahl so interessant: Sie holt inhaltlich moderate Wähler*innen ab, wirkt aber durch ihre Vita und ihre Aufstiegsgeschichte progressiv.

Damit deckt sie ein riesiges Spektrum der Wählerschaft ab und wird ein Problem für Trump. Auch in der Vize Debatte hat sie eine gute Figur gemacht, in den Umfragen danach hatte Harris leichten Vorsprung vor Pence. Allerdings war auch er insofern erfolgreich, als dass er diese ruhige Art zeigen und sagen konnte „Passt auf: Trump ist laut und ungestüm, aber ich bin vorsichtig und ruhig und hab die Sache im Griff“.

Was sagst du zu Trumps Wunschkandidatin nach dem Tod der liberalen Richterin Ruth Bader Ginsburg?

Trump wollte den freien Sitz unbedingt noch vor dem 3. November besetzen und er hat es nun mit seiner konservativen Wahl getan. Richter in den USA werden auf Lebenszeit bestimmt und können viel Einfluss auf das Land nehmen. Der Gerichtshof ist nun mit sechs von neun Plätzen um einiges konservativer, was sich dementsprechend auf Gesetze zu Schwangerschaftsabbrüchen, zur Einwanderungspolitik und zur Gesundheitsversorgung auswirken kann. Wenn man innerhalb der Partei schaut, stehen also die allermeisten hinter Trump. Natürlich gibt es in der Gesellschaft intellektuelle Republikaner*innen, die vielleicht Trumps Steuersenkung gut finden, sein Auftreten aber gar nicht.

Führt es dazu, Trump nicht zu wählen? Für Trump spricht, dass dann häufig dieser Abwägungsmechanismus einsetzt: Da ist Trump für viele eben doch noch besser als Biden. Trump hat es geschafft, die überwiegende Mehrheit der Demokraten als Sozialisten darzustellen. Gegen Trump spricht, dass er zumindest Biden als Einzelperson nicht als Sozialist darstellen kann. So ist es laut einiger Umfragen schon so, dass einige umgeschwenkt sind. Biden steht deutlich besser da als Clinton damals.

Die Gesamtumfragen sprechen ja ohnehin momentan für Biden.

Ja, wobei man unterscheiden muss: Solche Umfragen stimmen nur in Bezug auf die Bevölkerung. Die USA wählt ja nach dem „The winner takes it all“-Prinzip: Die Stimme der Wahlmänner entscheidet über die Zusammensetzung des Electoral College, das dann den Präsidenten wählt.

Der Kandidat mit der Mehrheit bekommt alle Stimmen zugesprochen, der andere gar keine. So ist es ja damals bei Hilary Clinton eingetreten. Trotz circa drei Millionen direkten Stimmen mehr, ist sie nicht Präsidentin geworden, da Trump viele entscheidende Staaten für sich gewonnen hat – die sogenannten Swing States. Dort findet dann der hauptsächliche Wahlkampf statt.

Und was ist deine abschließende Prognose?

Biden hat Sympathisanten, Trump hat Fans. Am Ende ist die Wahl quasi ein Referendum über Trump. Es geht gar nicht so sehr um Biden, sondern eher darum: Finde ich Trump gut oder nicht? Biden ist in dem Sinne ein guter Kandidat, weil er nicht polarisiert. Er ist „okay“. Die Frage ist, ob das reicht, um eine Wahl zu gewinnen. Meine Prognose: Ja.