Auf der zweiten Welle surfen

Geschrieben am 02.11.2020
von Christina Lopinski

Schon wieder müssen wir uns in einem Alltag einrichten, der für uns schwer auszuhalten ist. Wir sind müde von Abstand und Kontaktverfolgungen, Home-Office und Inzidenzzahlen. Die gefürchtete zweite Welle überflutet Europa – wir müssen aber nicht ertrinken. Wir können lernen, mit ihr zu schwimmen.



© f1rstlife / Christina Lopinski

„Ich glaube, uns geht’s allen nicht gut, oder?“, sagt meine Freundin und dreht ein gelbes Ahornblatt zwischen den Fingern. Ich nicke. Es ist Sonntag. Die Sonne scheint. Die Uhren wurden gerade umgestellt. Im Wald bei Bebenhausen, einem stillen Örtchen hinter Tübingen, wollen wir der Enge der Stadt entkommen. Der Wald empfängt uns auch ohne Mund-Nasenschutz. Hier müssen wir keine Kontaktdaten hinterlassen, um in einen Schein-Alltag eintauchen zu können. Dieses Stückchen Natur ist belebter als die Fußgängerzone. Jeder scheint dem Gefühl von echter Normalität hinterher zu lechzen, wohl wissend, dass es sich in den kommenden Monaten zwischen Warn-Apps und Home-Office selbst ertränken wird.

Heute hat die Bundesregierung für November striktere Kontakteinschränkungen angekündigt. „Lockdown light“, heißt es auf medialer Ebene, ein gefundenes Fressen für alle, die ihre Unzufriedenheit seit Monaten über die Corona-Politik kundtun. Die Idylle des Sommers fühlt sich an wie eine andere Welt. Covid-19 zieht seine Kreise enger. Es sind nicht die steigenden Inzidenzzahlen, die uns Angst machen – es sind die großen Fragezeichen, die an den Aerosolen kleben. Wir müssen uns schon wieder neu einrichten, obwohl wir gerade nichts mehr brauchen, als eine Pre-Corona-Normalität. Wir sind müde. Vielleicht wird es leichter, wenn wir uns das eingestehen. Und wenn wir aufhören, einer Zeit hinterher zu trauern, die so erstmal nicht zurückkommt. Ja, der Winter wird lang und hart. Aber zu unserem großen Glück verbringen die meisten von uns diesen weder wie unsere Urgroßväter auf russischem Boden und verwundet im Krieg noch in einem Flüchtlingscamp oder auf der Straße. Wir sind von außen versorgt – jetzt dürfen wir anfangen, uns auch innerlich zu kümmern.

Ein Plädoyer für Ausnahme-Gefühle

Besondere Situationen fordern besondere Maßnahmen, so das Floskel-Lexikon. Eine Pandemie steigert die Besonderheit ins Unermessliche – Krisen sind nicht nur Zeiten der Exekutive, sondern auch die Blütezeit des Superlativs. Ich bin gerade nach Tübingen gezogen. Eine mir vollkommen unbekannte Stadt, in der ich niemanden kenne. Mein einziges Präsenz-Seminar wird wohl auch in den digitalen Raum verschoben. Gut fürs Infektionsgeschehen, schlecht für mein Gemüt.

„Wie soll ich irgendwo ankommen, wenn weltweit eine Pandemie herrscht?“, sage ich am Telefon wütend zu meiner Mutter. „Vielleicht musst du das auch gar nicht“, sagt meine innere Stimme. Ankommen verbinde ich mit Wärme, Sicherheit und Liebe, mit warmem Apfelkuchen und Lichterketten, Badesalz, Rotwein und dem Gefühl von Freiheit, kuscheln und dem Atem von meinem Hund, wenn er seine kalte Nase auf meinen Schoß legt. Ich definiere das so, weil ich es so kenne und weil ich mich in meiner Normalität eingerichtet habe. Das tun wir alle, deshalb sind Neuanfänge so viel schwerer, je älter man wird.

Was ist das, diese Selbstliebe?

Bei den meisten meiner Freundinnen ist gerade „emotional viel los“ und viele müssen sich zum ersten Mal in ihrem Leben mit Dingen auseinandersetzen, die in einer Saus-und-Braus-Realität wunderbar verdrängt werden können – mich eingeschlossen. Wir sind eine Generation, die Exzess und Betäubung liebt und sich gerne von ihren Problemen ablenkt. Wir bekämpfen alle lieber Symptome als Ursachen und weinen lieber, wenn uns niemand sieht. Das wird jetzt anders. Ich verstehe nicht, wie Leute sich einem Mund-Nasen-Schutz verweigern können, während in Belarus Menschen für den Kampf um die Demokratie getötet werden. Ich glaube trotzdem nicht, dass Corona-Leugner und Superspreader-Raver egoistische Menschen sind oder sich in irgendeine Schublade stecken lassen. Ich glaube, dass viele Menschen große Angst haben und von dieser so fremdbestimmt sind, dass sie nicht anders können, als einer Ideologie zu folgen, die diese Angst kleiner werden lässt. Das kann in Form von Telegram-Formen oder Demonstrationen sein, in Koks und Techno, oder in jeder anderen Form von Neurose.

Ich habe auch Angst – vor den Folgen einer Infektion. Für meine Großeltern, für meine nächste Party, die sich anfühlt, als würde sie nie stattfinden; für die Hochzeit meiner besten Freundin, für mein Studium, für den multilateralen Rückzug der Nationalstaaten, für unsere Volkswirtschaft, für die weltweite Kultur, für die Kunst. Ich frage mich auch, wann alles wieder normal sein wird. Und im nächsten Moment weiß ich, dass es dieses ‚normal‘ nie wieder geben kann. Wir müssen aufhören, uns daran festzuhalten, dass alles so wird, wie es war. Weder Biontech noch Moderna werden die Zeit zurückdrehen können, auch ein Impfstoff ist kein Allheilmittel. Ich finde es gefährlich, sein Gehirn so zu konditionieren, dass es Impfstoff-Zulassung und Normalität gleichsetzt. Wenn man sich an dieser Substanz festklammern möchte, dann ist das möglich. Gesund ist das aber nicht. Bis für alle von uns, die nicht im Gesundheitswesen arbeiten oder zur Risikogruppe gehören oder ein anderes Pandemie-Privileg genießen, eine Impfdosis zur Verfügung steht, wird es dauern. Wir können aber auch anfangen, uns selbst zu helfen. Wenn Corona die Zeit der Superlative ist, dann ist jetzt Zeit für die ganz besondere Form der Selbstliebe.

Das Netz der Befangenheit durchbrechen

„Für euch Yogis mag das eine prima Zeit sein. Ich bin eher pragmatisch. Und beim Meditieren schlafe ich ein,“ sagt mein Kumpel, als ich ihm von meiner gesamtgesellschaftlichen Selbstliebe-Vision erzähle. Ich verdrehe die Augen. Selbstliebe bedeutet weder Yoga noch Meditation. Yoga und Meditation sind nur ein schöner, achtsamer Weg, um herauszufinden, was individuelle Selbstliebe wirklich bedeutet. Das kann auch ein Harry-Potter-Marathon sein oder zwei Packungen Eis essen.

Selbstliebe kennt keine Grenzen und ist das Hybrid zwischen Sicherheit und Freiheit, das wir alle so verzweifelt suchen. „Selbstliebe ist Ankommen“, sage ich zu meinem Kumpel. „Selbstliebe ist anstrengend“, sagt er. Ich seufze, er seufzt. Und dann erzähle ich ihm, dass es sich manchmal so anfühlt, als läge der Schwermut der Welt auf meinen Schultern. Diese unangenehme Ungewissheit, die Covid-19 wie ein Netz über die ganze Welt gespannt hat. Wir sind alle irgendwie gefangen. „Dann müssen wir wenigstens in uns selbst frei sein. Sonst wird man doch verrückt“, sage ich. Er nickt. Und dann sagt er, dass er mich jetzt gerne in den Arm nehmen würde. Dieses irgendwann fühlt sich sehr, sehr lang an.

Den Exzess mit Leben füllen

In diesem Moment bekomme ich eine E-Mail von meiner Studiengangsleitung. Auch dieses Semester soll alles online stattfinden. Ein paar meiner Freunde ziehen zurück in die Heimat, andere werden in den kommenden Wochen ihren Job verlieren, aber die meisten werden vor allem sehr einsam sein. Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft neue Formen der Gemeinschaft und Unterstützung lernen. Die Balkon-Konzerte in Italien und die Regenbogenplakate an Kinderzimmerfenstern weisen uns die Richtung. Vielleicht warnt uns Covid vor dem Exzess, in dem wir uns so gerne ausruhen, weil wir in einer reichen und sicheren Demokratie leben. Vielleicht ist diese Pandemie die beste Chance, die wir bekommen können, um endlich aufzuräumen.

Am Samstag ist Halloween. Ich habe ein Kürbiskuchen-Rezept herausgesucht und werde meinen Hund als Dracula verkleiden. Das mag irre klingen. Aber besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Wir können Geduld. Jetzt dürfen wir sie mit Kreativität und ein bisschen Wahnsinn verbinden. Wir können Dinge ausprobieren, die wir noch nie gemacht haben und wenn es schon in der ersten Welle nicht geklappt hat, dann ist jetzt die Zeit, all die Projekte anzugehen, für die es Anfang des Jahres nicht gereicht hat. Covid ist auch eine Chance. Wir haben die Pandemie lange genug als Bremse gesehen.