„GENERATION TOCHTER“ – Feminismus im Film

Geschrieben am 25.01.2021
von Kira Sutthoff

Das feministische Filmkollektiv „GENERATION TOCHTER“ setzt sich für Frauen vor und hinter der Kamera ein. Durch ihren Actionfilm mit komplexen weiblichen Hauptcharakteren und einer queeren Liebesgeschichte möchten die jungen Filmemacher*innen neue Narrative auf die Kinoleinwand bringen. Ein Kommentar.

 



© Finnegan Godenschweger/GENERATION TOCHTER

Ein Actionfilm mit starken weiblichen Hauptrollen, die nicht nur als Liebschaft des männlichen Protagonisten die Szenerie verschönern, sondern starke Charaktere darstellen, von denen sich die Zuschauer*innen mitreißen und inspirieren lassen. Das ist ein Szenario, was in der deutschen Filmlandschaft bisher so kaum existiert. Nach komplexen weiblichen Charakteren hält man vergeblich Ausschau, während männliche Rollen den Heldenstatus besetzen.

Das Filmkollektiv „GENERATION TOCHTER“ aus Berlin möchte das dringend ändern. Eine Gruppe von Studierenden und jungen Filmemacher*innen hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Film zu produzieren, der Action mit einer queeren Emanzipations- und Liebesgeschichte verbindet. Dabei versteht sich das Kollektiv als feministisch, das „Tochter“ im Namen steht für weibliche Emanzipation. Es wird darauf geachtet, die Leitungsposten von wichtigen, sonst männerdominierten Departments mit Frauen zu besetzen. Sowohl Kamera als auch Regie und Stunt-Koordination sind in weiblichen Händen. Zwei von drei ausführenden Produzent*innen sowie 65% des 80-köpfigen Kollektivs sind Frauen.


Strukturell unterrepräsentiert

Damit will das Kollektiv auf die bestehende strukturell bedingte Unterrepräsentation von Frauen in der Filmbranche aufmerksam machen. So führten, laut Diversitätsbericht des Bundesverbandes Regie e. V., von 2011 bis 2017 bei nicht mal einem Viertel aller deutschen Kinospielfilme Frauen Regie (BVR 2018: 14). Von Regisseurinnen realisierte Filme sind außerdem bei den vergebenen Förderungen stark benachteiligt: „Fasst man alle Fördermittel des Bundes zusammen, so erhalten Filme mit einer Frau als Regisseurin nur 23% der gesamten Fördermittel des Bundes“, so der Diversitätsbericht für das Jahr 2017.

“Diese Strukturen wollen wir aufbrechen“, erklärt Nicola Herrmann, gemeinsam mit Naomi Rösick und Dareios Haji Hashemi ausführende Produzentin*in . “Von Anfang an war es „GENERATION TOCHTER“ wichtig, einen Film zu drehen, der nicht nur vor der Kamera neue Narrative zeigt, sondern auch hinter der Kamera gleichberechtigt produziert und gestaltet wird”. Das Projekt will Frauen den Einstieg in die Filmbranche erleichtern, indem es einen Raum schafft, sich auszuprobieren, neue Produktionswege zu gehen und umfangreiche Erfahrungen zu sammeln.


© Finnegan Godenschweger/ GENERATION TOCHTER

Komplexe weibliche Charaktere für die Kinoleinwand

Dem Kollektiv geht es aber nicht nur darum, Produktionsteams gleichberechtigter zu besetzen. Auch das, was auf deutschen Kinoleinwänden zu sehen ist, soll vielfältiger werden. So soll der Film eine weibliche Perspektive auf Gewalt und Action zeigen, wobei im Fokus stets die Hauptrolle Clara mit ihrer Emanzipation und Selbstfindung steht. Eng damit verbunden ist die romantische Beziehung zwischen den Hauptrollen Clara und Aleyna. “Es liegt uns sehr am Herzen, eine queere Liebesgeschichte zu erzählen, ohne dass die Gleichgeschlechtlichkeit der Beziehung groß thematisiert wird”, erläutert Naomi. Vielmehr sollen alternative Beziehungsformen im deutschen Film normalisiert und Themen angesprochen werden, die in kommerziellen Produktionen kaum Gehör finden.

Der Film zeigt die komplexe Entwicklung einer jungen Frau vor dem Hintergrund von Gewalt, kontroversen weiblichen Vorbildern und dem Drang nach Unabhängigkeit. Gerade in Actionfilmen würden komplexe weibliche Charaktere fehlen, bedauert Regisseurin Marielle Sjomo Samstad. So würden Frauen zwar durchaus Hauptrollen in diesem Genre besetzen, allerdings bliebe der emotionale Bezug zu den Charakteren auf der Strecke. Hauptdarstellerin und Schauspielstudentin Alida Stricker kann auch für den Bühnenbereich bestätigen, dass „verschiedenartige und intellektuell anspruchsvolle Frauenrollen“ gerade bei klassischen Stücken fehlen würden.

Die Handlung involviert daher bewusst vier weibliche und nur eine männliche Hauptrolle(n). Der Film möchte neue Perspektiven auf die Kinoleinwand bringen, denn Film formt durch seine bildhafte Sprache den Blick auf die Gesellschaft. Und wer nicht gezeigt wird, existiert nicht. „Als Mann und mit anderem kulturellen Hintergrund ist es mir ein persönliches Anliegen, neue Narrative zu fördern”, verdeutlicht Dareios. “Nicht nur, weil diese unterrepräsentiert sind, sondern auch, weil ich mich mit in der Verantwortung für eine Veränderung des Jetzt sehe.“



© Neven Hillebrands/ Fabian Landwehr/ Lars Bäßler/ GENERATION TOCHTER

Eine Geschichte vom Erwachsenwerden

Der Film erzählt die Geschichte der 17-jährigen Clara (gespielt von Alida Stricker), die seit Jahren mit ihrer Mutter Dagmar (Linda Sixt), einer ehemaligen RAF-Terroristin, im Untergrund lebt. Diese finanzierte das Leben der beiden bisher durch Überfälle. Um damit abzuschließen und ein neues Leben zu beginnen, wenden sich Dagmar und ihre Tochter an Claras Ziehmutter, Samira (Jillian Anthony), zu der sie beide eine enge Beziehung haben. Schließlich kommen sie in ihrem Haus am Berliner Stadtrand unter.

Doch schon bald gerät das Leben der drei in Gefahr. Ein korrupter BKA-Beamter und ehemaliger Freund von Dagmar (Silvio Hildebrandt) hat Beweise gegen sie in der Hand und erpresst sie, Überfälle auf migrantisch geführte Berliner Geschäfte zu begehen. Schnell wird Clara in die Überfälle involviert und übernimmt nach und nach das Kommando. Durch ihre neuen Freiheiten beflügelt, lernt Clara im nächtlichen Großstadtleben Aleyna (Bayan Layla) kennen, die ihr aufzeigt, in welch prekäre Lage die Überfälle sie gebracht haben. Clara wird klar, dass sie ihr eigenes Leben gestalten und nicht in die Fußstapfen ihrer Mutter treten will. Es beginnt eine Emanzipations- und Liebesgeschichte, verpackt als Coming-of-Age Action-Thriller, in dem es ums Erwachsenwerden geht und darum, sich von der elterlichen Lebensweise loszulösen und sich selbst kennenzulernen. Die Kamera fokussiert sich dabei stets auf Clara und ihre Entwicklung von einer isolierten Jugendlichen zu einer selbstständigen, starken Frau.



Unterstützung gesucht

Alle Kollektivmitglieder vereint die gemeinsame Vision, einen Film zu drehen, der etablierte Rollenbilder, eingerostete, überholte Produktionswege und industrielle Vorstellungen darüber, wie ein Film zu sein hat, sprengt. Besonders wichtig ist es dem Filmkollektiv, neue Perspektiven für Nachwuchsprojekte zu schaffen, die derzeit kaum Förderungen erhalten. Denn die finanzielle Unterstützung neuer Ansätze und kleinerer Projekte ist unentbehrlich, damit sich Kunst und Kultur weiterentwickeln können, gerade während der Pandemie.

Bei „GENERATION TOCHTER“ arbeiten alle Kollektivmitglieder sowie die Schauspieler*innen unbezahlt und realisieren ihr Herzensprojekt in ihrer Freizeit. Über ein Crowdfunding und großzügige Kooperationspartner*innen konnte das Kollektiv im November bereits das erste Drittel des Filmes erfolgreich abdrehen. Nun geht es in die zweite Drehphase, in der vermehrt Außen- und Actionszenen gedreht werden sollen. Straßensperrungen, Drehgenehmigungen, Stunts und dann noch die bleibenden Hygieneauflagen – das alles bedeutet einen finanziellen Mehraufwand, der sich nicht so leicht über kreative Finanzierungsalternativen stemmen lässt.

Wer das Projekt daher unterstützen möchte, kann dies derzeit über die Plattform Startnext tun. Noch bis zum 4. Februar sammelt das Kollektiv dort Spenden zur Finanzierung des nächsten Drehblocks, der im März stattfindet. Der Film soll, wenn alles gut läuft, Ende des Jahres fertig werden und im Frühjahr 2022 auf verschiedenen nationalen und internationalen Filmfestivals gezeigt werden. Der große Traum des Kollektivs ist eine Kinoauswertung.