Das Paradies der Introverts: Home-Office

Geschrieben am 04.02.2021
von Valeria Skok

Als introvertierter Mensch hat man es in der Regel schwer: Die häufige Präsenz unter Menschen, persönliche Termine, Präsentationen, Telefonate. All das zieht viel Energie und obwohl man meistens viel Zeit und Ruhe braucht, um die eigenen Batterien wieder aufzufüllen, grenzt es an die Unmöglichkeit. Vor allem in einer schnelllebigen Welt, in der Nachrichten von Gestern schon veraltet scheinen, waren die Atempausen für Introvertierte seltenes und hart erkämpftes Gut. Doch es gibt Hoffnung!



Natürlich wollen wir nicht gleich alle introvertierten Menschen über einen Kamm scheren; es gibt viele, die sich gut an die Gegebenheiten angepasst haben, denn der Mensch ist ein Überlebens- und Anpassungskünstler. Und dennoch leiden viele an Burnout, viele subjektive Eindrücke von Therapeuten und Coaches bestätigen die höhere Anfälligkeit der introvertierten Menschen für Burnout. Dr. Sandra Bardill hat es meiner Meinung nach besonders treffend ausgedrückt:

„Unsere gegenwärtige Arbeitswelt ist jedoch gekennzeichnet durch so viele Bedingungen, die Intros nicht entsprechen, dass es schwierig geworden ist, sich innerhalb der eigenen Komfortzone zu bewegen. Viel zu oft müssen Menschen heute über ihre Grenzen gehen – und Intros leiden besonders darunter.“

Der Kampf um die eigenen Bedürfnisse ist also real und resultiert oft in einem Konflikt mit den beruflichen Anforderungen, die die moderne Arbeitswelt stellt. Als Intro braucht es mehr Ruhezeiten und für konzentriertes Arbeiten ist meistens Stille unentbehrlich. Gerade im Hinblick auf den Schlaf werden oft die Zeiten zugunsten anderer Aufgaben gekürzt und somit entstehen Schlafmangel und Müdigkeit, die oftmals den Kampf durch den Alltag noch härter werden lassen.

Die Arbeitswelt stellt zahlreiche Anforderungen an unsere Kompetenzen, wir müssen Konzepte ausarbeiten, mit Kunden oder Chefs kommunizieren und jede Menge Stress aushalten. So kann auch schon neben diesen Anforderungen, selbst der harmlose Kaffeeplausch am Arbeitsplatz, zu einer wahren Tortur werden, die zur allgemeinen Frustration und Selbstzweifeln führt.

Für manche ist ein Großraumbüro kein Problem, für eine Vielzahl von Intros ist es der blanke Horror …

Als persönlich Betroffene kann ich die Konflikte zwischen Anforderungen und persönlichen Bedürfnissen sehr gut nachvollziehen und doch stelle ich mir manchmal die Frage, ob alles nicht ein wenig einfacher sein könnte für uns Introvertierte. Aber vielleicht ist es auch nur ein Wunschdenken meinerseits, dass es eine Welt geben kann, in der wir die Freiheit der Wahl haben. In der wir eigenständig, eigenverantwortlich handeln können, aber auch gerecht behandelt werden.

Oftmals scheitert es daran, dass wir uns in unseren Bedürfnissen nicht ernstgenommen fühlen, oder dass wir nicht die Möglichkeit haben, Ansprüche zu erheben. Zusätzlich kommt auch die Schwierigkeit hinzu, Nein zu sagen, Grenzen zu setzen und diese auch zu verteidigen. Das liegt auch zum Teil daran, dass die Arbeitswelt noch viel zu wenig sensibilisiert ist und auch auf Profitorientierung und hohe Belastung bauen muss. Zumindest wird es oft so dargestellt, als müsste sie das.

Ein kleiner Home-Office-Tag für das Unternehmen, ein großer Schritt für uns zu mehr Freiheit

Da uns die Möglichkeiten und Mittel fehlen, um langfristig und als Einzelperson einen Wandel der Arbeitswelt herbeizuführen, können wir uns andere Aspekte zunutze machen. Oftmals ist es schon ein einziger Tag Home-Office, der uns den großen Wandel verspricht. Keine persönlichen Meetings, kein Kaffeeplausch, nur Stille und eigene Zeiteinteilung. Ein gutes, in unserem Tempo verspeistes Essen zu Hause, schon sieht die Welt ganz anders aus.

Einen kleinen Vorgeschmack durften wir Dank der Pandemie erleben. Es ist nicht abzustreiten, dass diese Zeit von Unsicherheit und Zweifeln, von vielen weitreichenden persönlichen Einschränkungen geprägt war und es auch immer noch ist. An einer weltweiten Pandemie können wir ziemlich wenig ausrichten, aber wir können unseren Umgang mit der Situation unter die Lupe nehmen. Vor allem geht es geht darum, auch in dieser Situation noch das Positive sehen zu können. Und als Intros ist für uns schon einiges dabei: Ein persönlicher Rückzugsort, an dem wir uns sicher und ungestört fühlen können. Vielleicht hier und da eine Videokonferenz, die sich aber deutlich entspannter anfühlt und die kürzer gehalten wird, weil es kein „Kaffee und Kuchen“ im Anschluss daran gibt.

Es sind kleine Schritte und doch machen sie im Endeffekt viel mehr aus. Es sind Schritte zu mehr Freiheit, Selbstbestimmtheit und auch zu persönlichem Wachstum. Denn die Selbstorganisation, die uns im Home-Office abverlangt wird, ist alles andere als gewöhnlich und einfach. Es sind aber auch Schritte, die Vertrauen brauchen: das Vertrauen seitens der Unternehmen, die darauf vertrauen müssen, dass Home-Office nicht mit Laissezfaire gleichzusetzen ist und das Vertrauen der Angestellten darauf, dass sie am Ende des Tages den Laptop zuklappen und in den Feierabend gehen können, ohne permanent erreichbar sein zu müssen.

Der kleine Wermutstropfen

Auch wenn wir das Home-Office als Paradies empfinden, bringt es andere Herausforderungen mit sich, die wir aber gerne als kleinen Wermutstropfen auf uns nehmen. Es wird aber irgendwann wieder die Zeit kommen, in der wir wieder rausgehen und wie früher, auf überfüllten Straßen zur Arbeit fahren werden. Oder vielleicht auch nicht? Für uns Introvertierte heißt es trotzdem weiterhin: stark bleiben, unsere Grenzen setzen und auch mal nein sagen können.

Die große Hoffnung ist ein gesellschaftlicher Wandel. Die große Hoffnung besteht darin, dass durch die Pandemie auch ein gesellschaftlicher Sinneswandel entsteht, der mit mehr Sensibilisierung für die Ambiguität der Menschen und mit entsprechenden Veränderungen einhergeht, die uns freier und glücklicher machen. Denn wie auch bei vielen Unternehmen schon angekommen ist: Glückliche Menschen arbeiten besser. Und Menschen die besser arbeiten braucht jedes gute und fortschrittliche Unternehmen, das konkurrenzfähig bleiben möchte.

Vielleicht ist die momentane (und fast schon seit einem Jahr anhaltende) Lage somit positiv und gibt uns mehr Zuversicht, als es auf den ersten Blick erahnen lässt. Und eine besonders Zuversicht haben wir dadurch bereits gewonnen: Wir sind stärker und anpassungsfähiger, als wir es manchmal glauben und ganz unabhängig davon sind wir großartige Anpassungskünstler, die schon viel Großes vollbracht haben und wir werden nicht ruhen, bis wir uns wieder einmal selbst übertroffen haben.