Die Bindungstheorie: Verschiedene Bindungstypen

Geschrieben am 14.02.2021
von Josephina Petersen

In Zeiten von Tinder und Co. ist es sehr leicht geworden, Bindungen und Beziehungen einzugehen. Doch nicht jeder „Match“ passt auch zwingend zu deinem „Bindungsstil“. Wie sich die verschiedenen Bindungsstile manifestieren, möchte ich dir in diesem und der folgenden Artikelserie erläutern.


Wir alle sind geprägt von unseren Erfahrungen, welche wir im Leben bereits erfahren durften. Wie wir Beziehungen angehen und leben hängt von unserem jeweiligen Bindungstypen ab, welcher sich aufgrund der Prägungen (Kindheit und späteren Beziehungserfahrungen im Erwachsenenleben) in unserem Charakter manifestiert hat.

Die Wissenschaft hat sich mit diesem Thema in einer Studie in den 1950er Jahren beschäftigt und hat drei verschiedene Bindungstypen typisiert:
– Der unsicher-ambivalente (ängstliche) Bindungstyp
– Der unsicher-vermeidende Bindungstyp
– Der sichere Bindungstyp



Foto: Pixabay

Mutter-Kind-Bindung als Grundlage für verschiedene Bindungsstile

Die Studie von John Bowlby, Psychoanalytiker und Kinderpsychiater und Mary Ainsworth, Psychologin zeigt auf, dass die wichtigste Bindung, welche der Mensch erfährt, haupt-prägend und ursächlich dafür ist, wie der Mensch in seinem Leben Beziehungen eingeht: Die Mutter-Kind-Bindung. In einem „Fremde-Situationstest“ werden die Verhalten der Kinder untersucht, bei welchem die Mutter mit dem Kind in einem Wartezimmer sitzt. Nach kurzer Zeit kommt ein Unbekannter, ein Fremder hinzu und die Mutter verlässt den Raum. Nach kurzer Zeit kehrt diese zurück. Auf dieser Studie basierend wurden Erkenntnisse geschaffen, inwieweit diese Situation, welche stellvertretend für den Erziehungsstil der Mutter steht, sich auf das Verhalten des Kindes auswirkt.


Der unsicher-ambivalente (ängstliche) Bindungstyp

Das Kind zeigt sich beim Spielen widersprüchlich anhänglich in Bezug auf die Mutter. Als die Mutter den Raum verlässt und dieses mit dem Unbekannten allein im Raum ist, steigt der Cortisol-Spiegel des Kindes deutlich an, es schreit und ist verängstigt. Bei der Rückkehr klammert sich das Kind an die Mutter, lässt sich allerdings kaum beruhigen. Es verhält sich ambivalent, stößt die Mutter weg aber sucht gleichzeitig die Nähe der Mutter. Das Gefühlserleben (Wut über den Weggang der Mutter, gleichzeitig die Angst über den Verlust) des Kindes lässt sich kaum adäquat regulieren, der Stresspegel ist weiterhin stark erhöht. Das Kind verharrt in Wut und Ärger und kann sich nicht mehr auf das Spielen konzentrieren.


Der unsicher-vermeidende Bindungstyp

Das Kind erscheint äußerlich beim Spielen ruhig und cool, dies wir oft als frühe Selbstständigkeit fehlinterpretiert. Als das Kind allein mit dem Fremden in dem Raum verbleibt, da die Mutter den Raum verlassen hat, bleibt das Kind weiterhin ruhig. Das Kind spielt einfach weiter und zeigt eine Pseudo-Unabhängigkeit von der Mutter, der Cortisol-Spiegel weist jedoch unmissverständlich auf vermehrten Stress hin, welcher sogar noch höher als bei der ängstlichen B ist. Bei der Rückkehr reagiert das Kind mit Ablehnung und wendet sich aktiv ab. Es will auch nicht auf den Arm genommen oder getröstet werden

 


Der sichere Bindungstyp

Das Kind spielt gemeinsam mit der Mutter, welche feinfühlig auf das Kind eingeht. Es herrscht ein guter Kontakt zwischen Mutter und Kind. Als die Mutter den Raum verlässt und das Kind mit dem Fremden allein im Raum bleibt, fängt das Kind an zu weinen. Das Kind zeigt deutliches Bindungsverhalten in Bezug auf die Mutter. Als die Mutter zurückkehrt, lässt sich das Kind relativ schnell beruhigen und widmet sich wieder dem Spielen zu. Der Cortisol-Spiegel normalisiert sich sehr schnell und das Kind ist wieder sicher gebunden.


Unsicherheit in Beziehungen aufgrund unsicherer Kindheitsprägung

Diese Verhaltensweisen, welche sich bereits im Kindesalter gezeigt haben, werden auch im späteren Erwachsenen-Leben auf den Beziehungspartner und generell auf Beziehungen übertragen. Die frühe Mutter-Kind-Bindung ist somit prägend für alle weiteren Bindungsstile, auch in Freundschaften und Liebesbeziehungen.
Kinder lernen sehr früh, ob sie sich auf Ihre wichtigste Bezugsperson der Mutter verlassen können und ob sie sicher gehalten und aufgehoben sind – danach richtet sich ihr Verhalten in obiger Situation aus. Wurden die (individuellen) emotionalen Bedürfnisse des Kindes seitens der Mutter nicht adäquat erfüllt, so reagieren die Kinder unsicher. Die Unsicherheit ist immer in Verbindung mit dem ängstlichen und den vermeidenden Beziehungsstil verknüpft. Ein ängstlicher sowie auch ein vermeidender Beziehungstyp ist im Grunde seiner Selbst ein unsicherer Mensch – zumindest was die zwischenmenschliche Interaktion innerhalb einer Partnerbeziehung betrifft.

 

 


Die Psychologie hinter nicht funktionierenden Beziehungen

Der Mensch agiert somit immer aus seinem sich aus der Kindheit manifestierten Bindungssystem heraus. Und da der Mensch an sich dazu neigt, unaufgelöste Situationen zu reinszenieren, finden sich immer genau die Menschen zusammen, welche nicht zusammenpassen aufgrund ihrer bereits angelegten Konstitution. Das schlechteste Match ist ein ängstlicher Bindungstyp mit einem vermeidenden Bindungstyp oder gar zwei Menschen, welche beide den vermeidenden Bindungsstil in sich tragen.
Bindungsstile sind nicht in Stein gemeißelt und kann sich im Erwachsenenalter auch noch weiterentwickeln, sofern andere erfolgreiche und sichere Bindungen „erlebt“ werden.

In meiner nachfolgenden Artikelserie werde ich auf die verschiedenen Bindungstypen eingehen und aufzeigen, welche Verhaltensmerkmale charakterisierend sind für den jeweiligen Bindungsstil. Da auch ich mich selbst erkannt habe und auch mein Umfeld sondiert habe, möchte ich dieses Wissen gerne weitergeben, sodass auch du von meinen gewonnenen Erkenntnissen profitieren kannst und hoffentlich den Weg aus dem Beziehungsdrama findest, sollte du davon betroffen sein.