Bye, bye Kulturdeutschland?

Geschrieben am 23.03.2021
von Daniel Fischer

Die Event- und Kulturbranche ist von der Corona-Pandemie wohl so stark betroffen wie kaum eine andere. Die Politik bemüht sich um Unterstützung. Vollständig auffangen kann man die Betroffenen aber wohl nicht. Müssen wir uns von dem bunten und breiten Angebot an Veranstaltungen, Ausstellungen und Museen auf unbestimmte Zeit verabschieden?



© Pixabay

„#AlarmstufeRot“, „Night of Light“, „Initiative für die Veranstaltungswirtschaft“: In Form verschiedenster Aktionsgemeinschaften kämpft eine ganze Branche um ihr Überleben – und das nicht erst seit gestern. Am 8. März 2020 besuchte ich noch mit meiner Schwester das Konzert von Rapper Kontra K in Köln – ein Geburtstagsgeschenk. Danach? Stille! Im Kampf um die Eindämmung des damals neuartigen Corona-Virus wurde ein Verbot aller Großveranstaltungen erlassen. Nun – knapp ein Jahr später – hat sich an der Situation für die betroffenen Betriebe und Personen nichts geändert. Zwar konnten im vergangenen Sommer aufgrund der entspannteren pandemischen Lage kleinere und abstandsgerechte Events stattfinden. Diese waren jedoch nicht gewinnbringend und konnten daher zur Verbesserung der finanziellen Lage wenig bis gar nichts beitragen.

Probleme über Probleme…

Seit rund zwölf Monaten können also Veranstalter, Künstler, Locations, Bühnenbauer, Licht- und Tontechniker, Security-Dienstleister und die vielen weiteren Menschen, deren Job im Zusammenhang mit einer Kulturveranstaltung steht, quasi keinen Cent verdienen. Dass dies wohl noch mindestens bis zum Herbst so bleiben wird, scheint mittlerweile jedem klar zu sein. Dementsprechend groß und real ist die Furcht vor einer Insolvenzwelle. Hinzu kommt, dass die Branche eine sehr lange Zeit auf echte Hilfestellungen der Politik warten musste. Woran mag das liegen?

Die Branche genießt im Gegensatz zu vielen anderen keinen ansatzweise „systemrelevanten“ Ruf. Dass viele Menschen während der Pandemie aufgrund der ausbleibenden Freude, die Konzerte, Entertainment, Sportevents und Familienunterhaltung mit sich bringen, mit depressiven Verstimmungen und seelischen Belastungen zu kämpfen haben, wird lediglich zur Kenntnis genommen. Dass Kulturangebote einen hohen touristischen und lokalwirtschaftlichen Stellenwert mit sich bringen, scheint auch nicht jedem präsent zu sein.



Verschiedenste Initiativen wie die „Night of Light“ machen auf die Situation aufmerksam – © f1rstlife / Daniel Fischer

Wo ist die Event-Lobby?

Darüber hinaus verfügt der Wirtschaftszweig über keine große Lobby, was insbesondere an seiner Heterogenität liegen mag. Er ist sehr breit gefächert und ihm sind unterschiedlichste Berufsbilder zugehörig. Dies macht eine zentrale Organisation nahezu unmöglich. Im Gegensatz zur Automobil- oder Flugbranche, die bereits immense Finanzhilfen und Fördermittel seitens des Bundes erhalten hat, benötigte es also im bisherigen Pandemie-Verlauf einen wesentlichen Mehraufwand, um sich Gehör zu verschaffen.

Nach anfänglicher Ignoranz und dem Angebot kaum nützlicher Kreditprogramme bemüht sich die Bundesregierung mittlerweile und zeigt mit Überbrückungshilfen und Kulturförderprogrammen, dass sie die Branche nicht vergessen hat. Darüber hinaus erleichtert sie den Kampf um das Überleben während der Pandemie durch Maßnahmen wie die Kurzarbeit. Dennoch reicht dies nicht ansatzweise, um die Verluste in dieser rund drei Millionen Menschen umfassenden Branche einzudämmen. Neue Probleme entstehen außerdem bislang im Zuge der Auszahlung der Förderungen. Kann es also wirklich passieren, dass das kulturelle Leben in Deutschland nach der Pandemie ein anderes, ein eingeschränkteres sein wird?

Wie viele Opfer fordert Corona?

Grundsätzlich müssen wir wohl leider von einem klaren „ja“ ausgehen. Die wirtschaftlichen Einbußen sind auf einem Niveau, dass vielen – insbesondere kleineren und neueren Betrieben ohne großes Eigenkapital – das Genick brechen könnte. Carsten Heling, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der LANXESS arena in Köln (Deutschlands größte und bestbesuchte Multifunktionsarena), prognostiziert: „Die gewaltige Größe unserer Branche und vor allem die diverse Struktur vom Künstler über Veranstalter und Venue bis hin zu den zahllosen Menschen hinter der Bühne, den Messeständen und den Regiepulten war sowohl der Politik als auch der Gesellschaft lange Zeit gar nicht bewusst. Daher war eine adäquate Reaktion mit Hilfspaketen und Regelungen gerade in den ersten Monaten kaum gegeben. Hier haben Initiativen wie „AlarmstufeRot!“ ganze Arbeit geleistet und beharrlich den Dialog gesucht. Obwohl die Struktur der Hilfen sich bessert und die Wahrnehmung sich definitiv verändert hat, ist es nicht auszuschließen, dass viele kleine und große Akteure die Krise potentiell nicht überstehen und wir den Kultur-Markt stark verändert vorfinden werden. Das Wichtigste, was wir jetzt alle brauchen, ist eine klare und abgesicherte Planungsperspektive, die endlich auf die zahlreichen und seriösen (Aerosol-)Studien zur Durchführung von sicheren Veranstaltungen hören und diese berücksichtigen.“



© f1rstlife / Daniel Fischer

Das vorzeitige Ende eines deutschen Luxusproblems?

Es ist also durchaus möglich, dass sich unsere Kulturlandschaft nachhaltig verändern wird. Viele kleine Unternehmen, Locations, Veranstalter etc. könnten nicht mehr existieren und die Zeit, die eine vollständige Regeneration benötigt, kann nur schwer vorhergesagt werden. Große Locations und Angebote werden vermutlich bestehen bleiben. Fraglich ist jedoch, inwiefern die Menschen und Betriebe, die momentan noch dahinterstehen, ebenfalls über die Runden kommen werden oder ob neue Geldgeber mit neuem Personal die Institutionen innerhalb der Branche übernehmen. Wie viele persönliche Schicksale die Pandemie in der Kultur- und Eventbranche fordern wird, bleibt also abzuwarten.

Des Weiteren kann es gut sein, dass uns durch die neue Realität bewusst wird, unter welchem Luxusproblem wir bislang in Deutschland leben durften. An jedem Tag der Woche gab es diverse Events in den Bereichen Musik, Entertainment, Comedy, Sport oder Bildung und wir konnten uns nicht entscheiden, welches Angebot wir annehmen wollten. Die Wahrscheinlichkeit, dass uns dieser Luxus im Zeitraum unmittelbar nach der Pandemie verwehrt bleiben wird, ist leider eine hohe…