Alles auf null – plötzlich allein

Geschrieben am 07.07.2021
von Ehemaliger Autor

Trennung kann zum Trauma werden. Wenn Menschen nach vielen Jahren aus ihrer gewohnten und geliebten Komfortzone geschubst werden, hat das Folgen. Während einige schulterzuckend den neuen Status quo akzeptieren, ihre täglichen Abläufe etwas modifizieren und ansonsten weitermachen wie immer, stürzen andere in ein tiefes, dunkles Loch. Von Phasen der Trauerbewältigung über Suizidgedanken, schweren Depressionen und Drohungen reicht die Palette der Reaktionen. Dabei gibt es im Vorfeld kaum Anzeichen, die erkennen lassen, wen es hart trifft und wer einfach weitermacht. Auch wenn wir glauben, den Charakter eines Menschen einschätzen zu können, erleben wir im Ernstfall Überraschungen. Wie können wir uns vor extremen Reaktionen schützen und zu einer stabilen, resilienten Persönlichkeit werden?



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Getrennt – und nun?

Sebastian war mehr als zwanzig Jahre verheiratet, zu dem Zeitpunkt waren sie bereits seit sieben Jahren ein Paar. Als er Petra beim Polterabend ihres Bruders kennengelernt hatte, war es Liebe auf den ersten Blick. Damals hatte Sebastian gerade seine Ausbildung zum Klempner beendet. Petra stand kurz vor dem Schulabschluss und wollte anschließend im über 500 Kilometer entfernten München studieren. Zu der Zeit hatte ihm die Zukunft Angst gemacht: das Einser-Abitur, die Studienpläne, die Großstadt. Was wollte sie mit ihm – dem kleinen Klempner aus einem 700-Seelen-Dorf inmitten von Wiesen und Wald? Denn er würde seinen Geburtsort nicht verlassen, schließlich sollte er in einigen Jahren den Familienbetrieb übernehmen. Klempnerei Rühlke & Söhne, in seiner Familie war das was Ordentliches.

Petra kam aus einem ganz anderen Umfeld – und dennoch: auch sechs Jahre später hatte ihre Beziehung noch Bestand. Genau zwölf Monate nach ihrem Doktortitel feierten sie Hochzeit, danach kamen zwei Kinder, ein hübsches Haus mit Garten und viele gemeinsame Jahre. Die Angst davor, nicht zu genügen, ist Sebastian irgendwann zwischen der Geburt der Kinder, der Praxiseröffnung seiner Frau und Expansion seiner Firma abhandengekommen. Wie aus dem Nichts traf ihn Petras Ankündigung: Sie hat sich in einen Kollegen verliebt, ein ehemaliger Kommilitone, den sie nun, fast 30 Jahre später, auf einer Tagung getroffen hat. Damals war er ihr nicht aufgefallen, aber nun – auf einmal wieder Schmetterlinge und rote Wangen, Lust und Spannung. Die Praxis im Dorf war verkauft, Petra ausgezogen und die Dorfbewohner bis auf das letzte Kind so neugierig, dass es kaum auszuhalten war, bevor Sebastian überhaupt realisierte, dass seine Welt über ihm zusammenbrach.

Verloren in der Rente

Sabine hat über vierzig Jahre in der Stadtverwaltung gearbeitet. Nach dem Realschulabschluss begann ihre Ausbildung, dann kam eine Beförderung nach der anderen, zuletzt war sie Leiterin der Pressestelle und verantwortlich für vier weitere Mitarbeiter. Sie hatte gute Verbindungen zur Presse und keine Hemmungen, ihren Willen auch gegen die Entscheidungen anderer durchzusetzen. Bei allem Ehrgeiz galt sie als Teamplayer – ein wichtiger Aspekt, um sämtliche Informationen zu erfahren. Nach der Rente änderte sich ihr Leben von Grund auf. Hatte sich zuvor alles um ihren Beruf und die Aufgaben gedreht, fiel ihr nun bereits nach dem Frühstück die Decke auf den Kopf.

Alles, was sie immer tun wollte, wenn nur die Zeit dafür blieb – jetzt fehlte die Lust oder die Gelegenheit. Die Kollegen hatten keine Zeit für ausgedehnte Treffen zur Mittagszeit – im Gegenteil: Bei den seltenen Zusammentreffen kamen keine Gespräche zustande. Sabine war raus aus dem Informationsgefüge und fühlte sich überflüssig und unwohl. Am schlimmsten waren das Gefühl völliger Hilflosigkeit und die Stille. Ihr fiel auch partout nicht mehr ein, welche großen Pläne sie eigentlich haben müsste. Ein Buch schreiben? Reisen? Alte Freunde besuchen? Alles sinnlose und wenig inspirierende Ideen. Zu den alten Freunden hatte sie schon längst keinen Kontakt mehr. Corona-Pandemie und soziale Einschränkungen erstickten alle Reisepläne im Keim, und ein Buch? Sie hatte keinen Schimmer, wovon es handeln sollte.

Empty Nest Syndrom

Frank hat seine Kinder aufwachsen sehen, immer mit einem leichten Befremden im Blick. Seine zwei Söhne und die fröhliche Tochter. Das Haus voller Leben, eine Sportaufführung nach der anderen, Tanzen, Basketball, Leichtathletik. Dann kamen Geige und Buchclub dazu, Schach AG und der Schwimmverein. Die Jahre mit den Kindern waren turbulent und laut, rasant in allem, was um ihn herum passierte. Manchmal saß er abends auf der Terrasse und wunderte sich über das Familienleben und wie nahtlos alles ineinanderfloss. Seine Frau Hanna hatte alles im Blick und dirigierte ihn zu Geburtstagen, Aufführungen und Schulentlassungsfeiern. Als sein Ältester das Haus verließ, wurde es ruhiger. Zwei Jahre später ging seine Tochter und ein weiteres Jahr danach zog auch das jüngste Kind aus.

Auf einmal war es still, wenn er am späten Nachmittag nach Hause kam. Hanna schien es nichts auszumachen. Aus ihrem Halbtagsjob wurde eine Vollzeitstelle, samstags standen Yoga und Wellness mit Freundinnen auf ihrer Agenda und am Sonntag besuchte sie ihre Eltern im Seniorenheim. Frank dagegen nahm die Stille umso bewusster wahr. Keine Termine, keine lauten Gespräche am Esstisch, kein Gekicher am Telefon. Während Sabine aufblühte, wurde Frank immer leiser und hilfloser. Was war bloß los mit ihm? Sein Hausarzt diagnostizierte das Empty Nest Syndrom – die Leere nach dem Auszug der Kinder. Eine Erklärung, die Frank mehr als peinlich war. Jahrelang hatte er nur auf Anweisung seiner Frau die Kinder zu ihren Aktivitäten begleitet, kam erst zum Abendessen aus dem Büro nach Hause und litt nun an einer typischen Hausfrauen-Krankheit? Wem sollte er das erzählen?

Etwas ist schiefgegangen – doch was?

Menschen reagieren unterschiedlich auf Veränderungen. Einige freuen sich, lang gehegte Träume endlich ausleben zu können. Ohne belastende Verpflichtungen auf einmal wieder tief durchatmen zu können, keine Verantwortung für andere zu tragen oder im Job funktionieren zu müssen. Andere verzweifeln an dieser Herausforderung. Was unterscheidet die beiden Typen voneinander? Warum gelingt es den einen, die Situation perfekt zu meistern und zu neuen Ufern aufzubrechen? Warum trauern die anderen über Tage, Wochen oder sogar Monate?

Vor eine Entscheidung gestellt werden und sie aktiv selbst treffen – allein dieser Umstand beeinflusst, wie sehr sich Menschen damit arrangieren können. Falsche Entscheidungen können bedauert werden und wir wünschen uns manchmal, sie rückgängig machen zu können, doch immerhin tragen wir allein die Verantwortung – das erleichtert uns die Akzeptanz. Werden wir dagegen mit etwas Unabänderlichem konfrontiert und können diese Entscheidung nicht beeinflussen, fühlen wir uns hilflos und hadern mit den Umständen. Wir wünschen uns sehnlich, dass alles wie früher sein würde und schaffen es nicht, uns in die neuen Gegebenheiten zu fügen. Wer selbstbestimmt agiert, ruht in sich selbst – sehr zum Vorteil für die eigene Psyche. Schüchterne oder introvertierte Menschen leiden stärker, wenn sie auf einmal allein sind. Dabei ist es grundsätzlich egal, ob sie die Entscheidung selbst treffen konnten oder andere dafür verantwortlich sind. Es ist die Herausforderung, aktiv auf andere zuzugehen oder sich selbst in neuen Situationen zu beweisen, die anspruchsvoll sind. Die Sicherheit des Gewohnten hat keinen Bestand mehr und das verunsichert.

Wenn das soziale Netzwerk fehlt oder nur eingeschränkt zur Verfügung steht, können aus Rissen Löcher werden. Mit einer Trennung verschwinden auch Freunde aus dem Bekanntenkreis und mit der Rente fehlen auf einmal die Kollegen. Der tagtägliche Small Talk auf dem Büroflur und Gespräche in der Kantine haben einen großen Anteil an unserem Leben, auch wenn wir diesen Bereich unter berufliche Kontakte einordnen. Wer nach einer Veränderung der Lebensumstände keinen Ersatz findet, vereinsamt im schlimmsten Fall. Ein soziales Netzwerk fängt uns auf und gibt uns Halt, wenn es fehlt, hat das gravierende Folgen. Selbst aufgeschlossenen Menschen gelingt es nicht über Nacht, sich neue Freunde zu suchen. Sosehr uns Familie manchmal stören kann, so wichtig sind sie in Extremsituationen.

Die Leere füllen

Nicht immer liegt es in unserer Hand, wie wir unseren Alltag gestalten. Wenn uns Veränderungen überrollen, trauern wir den gemeinsamen Erlebnissen hinterher – seien es Abende im Familienkreis, Meetings im Büro oder gemeinsame Theater- oder Kinobesuche mit Freunden. Auch wenn es uns nicht leichtfällt, diese Umstände zu akzeptieren, ist das der erste Weg aus dem Dilemma. Erst wenn wir akzeptiert haben, was wir nicht ändern können, sind wir bereit für nächste Schritte. Um sich einen neuen oder erweiterten Freundeskreis aufzubauen, müssen wir offen für Veränderungen sein. Eine gemeinsame Tasse Kaffee mit der Nachbarin, der Besuch einer Vernissage oder ein Abend in der Bibliothek – überall können wir neue Chancen entdecken.

Nicht jeder Versuch wird erfolgreich sein, daher sollten wir Misserfolge von Anfang an einkalkulieren. Die Nachbarin kann unmöglich zur neuen Freundin werden mit der Einstellung, die Lesung war uninteressant und es ergaben sich keine anschließenden Gespräche? Dem nächsten Versuch, neue Menschen in das eigene Leben zu lassen, sollten solche Erfahrungen nicht im Wege stehen. Vereine bieten viele Möglichkeiten, Gleichgesinnte kennenzulernen. Wer gerne singt, schließt sich einem Chor an und findet mit anderen Sängern eine gemeinsame Basis. Sportler haben sich untereinander immer etwas zu erzählen und auch politische Vereine verbinden. Ein Ehrenamt bringt mehr als nur Aufgaben, es ermöglicht auch zahlreiche Kontakte.

Wenn nichts hilft: Depression erkennen

Manchmal hilft nichts gegen das dunkle Loch und keine Motivation, sei sie noch so kreativ und individuell, fruchtet. Wenn Menschen keinen Weg aus dem Tief finden, droht eine Depression. Wie erkennen wir, ob Menschen in unserem Umfeld gefährdet sind? Denn Traurigkeit, Erschöpfung oder Frustration sind nicht unbedingt Vorzeichen einer Depression. Wir alle fühlen uns hin und wieder gestresst oder niedergeschlagen. Hält diese Stimmung über einen längeren Zeitraum hinweg an, könnte es eine Depression sein. Bringen weder Ablenkung noch Aufheiterung eine Besserung, ist eine ärztliche Untersuchung angebracht, denn bei rechtzeitiger Behandlung stehen die Chancen auf Heilung der Symptome eindeutig besser. Es ist nicht einfach, eine Depression zu erkennen, denn sie zeigt sich sehr unterschiedlich und gehört dabei zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Zu den bekanntesten Formen gehören saisonale Depressionen, die bipolare Störung und die Dysthymie, eine chronische Depression.

Die Ursachen sind vielfältig, eine Lebenskrise ist ein häufiger Auslöser. Beschwerden sind meist psychischer Natur, zeigen aber auch körperliche Ausprägungen. Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Probleme, Essstörungen oder Suchterkrankungen gehen oftmals mit einer Depression einher, ebenso wie Panikstörungen mögliche Begleiter sind. Wer bis zu einem einschneidenden Erlebnis oder einer traumatischen Veränderung nicht an einer Depression erkrankt war, weist eher unauffällige Symptome auf. Antriebslosigkeit ist eine der bekanntesten Symptome. Der Patient fühlt sich erschöpft, sowohl geistig als auch körperlich, und sieht sich außerstande, sein Leben aktiv zu gestalten. Bereits das Aufstehen am Morgen erscheint unmöglich und Betroffene verbringen ganze Tage im Bett, ohne die Ursache benennen zu können. Niedergeschlagenheit ist ein weiteres Symptom, das sich nach Krisen zeigt. Verschwindet das Gefühl nach einem angemessenen Zeitraum nicht wieder, kann eine Depression vorliegen und in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung münden. Betroffene verlieren nicht selten das Interesse an ihren Hobbys und ihrer Umgebung. Statt sich auf das Leben und neue Ereignisse zu freuen, fühlen depressive Menschen eine Leere in sich.

Wer den Verdacht hegt, selbst an einer Depression zu leiden oder bei Freunden und Familienmitgliedern erste Anzeichen wahrzunehmen glaubt, sollte als Erstes einen Termin beim Arzt vereinbaren. In der Regel beginnt die Untersuchung mit einem Gespräch, anschließend folgt eine Untersuchung, damit körperliche Ursachen ausgeschlossen werden können. Da jede Depression anders verläuft, gilt in Deutschland, dass mindestens zwei Hauptsymptome und zwei Nebensymptome erkennbar sein müssen, um die Krankheit zu diagnostizieren. Die Schwere wird anhand der Menge der zutreffenden Symptome ermittelt. Ist eine Depression erst einmal erkannt, beginnt die Behandlung. Je nach Schwere und Bereitschaft kann dies mit Medikamenten oder einer Therapie erfolgen, oftmals ist ein Mix aus beidem sinnvoll.

Menschen mit depressiven Verstimmungen sollten auf sich Acht geben, sind jedoch nicht hochgradig gefährdet. Wer seine Lebenskrise allein bewältigen kann, sollte sich mit anderen Menschen umgeben und sich selbst Gutes tun. Neben Gesprächen, Lachen und Aktivitäten mit Freunden oder Bekannten können es auch kleine Aufmerksamkeiten sein, die wir uns selbst gönnen. Eine Massage, eine neue Frisur, Sport, ein Musikinstrument oder auch Musik (hören) lenken ab und bereiten uns Freude. Sofern wir uns dazu aufraffen können und auch positive Gedanken zulassen, sind wir auf einem guten Weg. Yogakurse oder Meditationstechniken helfen uns dabei, den Weg zu entspannten Stunden zu finden. Auch wenn es ein schmaler Grat ist, der eine depressive Verstimmung von einer schweren Depression trennt, lassen sich mit etwas Geduld Unterschiede feststellen. Sich selbst in der Situation wiederfinden, die alte Ausstrahlung zurückgewinnen und das Beste aus dem aktuellen Moment zu machen, fällt allen schwer – dennoch ist es der beste Weg hinaus aus einem Gedankenkarussell, das uns nicht guttut. Wir sollten uns nicht scheuen, andere Menschen um Hilfe zu bitten, nur so finden wir in ein aktives Leben zurück und können darauf vertrauen, dass unsere Bekannten im Falle einer tatsächlichen Depression einen Untersuchungstermin für uns vereinbaren.

Dieser Beitrag entstand in freundlicher Kooperation mit einem externen Redakteur.