Frau-Sein: Über Wurzeln und das Patriachat

Geschrieben am 17.07.2021
von Christina Lopinski

Die Emanzipation der Frau geht nicht mit ihrer Wertschätzung einher. „Lass dir bloß nichts einreden – es ist schön, eine Frau zu sein“, schreibt Mely Kiyak in ihrem Buch „Frau-Sein“. Im Großhandel ist es seit Wochen ausverkauft. Dem Wunsch nach dem Sturz des Patriarchats liegt auch der Wunsch nach weiblicher Selbstliebe zu Grunde. Aber was bedeutet es eigentlich, eine Frau zu sein? Und warum fällt das vielen von uns immer noch so verdammt schwer? Ein Kommentar.



© f1rstlife / Christina Lopinski

Männlich, weiblich, wie bitte?

Ich habe in Berlin studiert – Der Stadt der Extreme, die jedes Vorurteil übertrifft und die überläuft – überall. Berlin ist über-voll, das Patriarchat tropft aus sämtlichen Subkulturen wie ein Handtuch, das ausgewrungen wird, bis es so trocken ist, dass der Stoff auf der nackten Haut schmerzt. Berlin hat als erstes Bundesland den Frauentag zum Feiertag gemacht. An meiner Uni gab es Unisex-Toiletten, die in fast jedem Techno-Club seit Jahren so natürlich sind wie das, was darin konsumiert wird. In Berlin ist Androgyn-Sein hip. Margarete Stokowski wohnt in Mitte und der Christopher Street Day hatte im vergangenen Jahr fast eine Million Besucher. Berlins Farbkasten ist so bunt, dass die Farbpalette ins Unendliche reicht, das Patriarchat ist dabei schwarz. Die „Frauen-Kampf-Demo“ ist die Größte ihrer Art in ganz Deutschland und Body Positivity scheint nicht abstrakt, sondern allgemeingültig. „Manchmal hat man Angst, ein Mann zu sein“, sagte neulich ein Freund zu mir. „Man weiß gar nicht, was Mann noch machen darf.“ Damit spielte er auf den Sexismus an, der in jedem Raum klebt, in dem sich Männer und Frauen befinden – einfach nur, weil es Männer und Frauen sind.

Ich finde es auch nicht gut, in die Vergangenheit zu schauen und aktuelle Unterschiede, wie das Gender Pay Gap, hinzunehmen mit dem Trost, schon viel geschafft zu haben – „wie viel wir schon geschafft haben.“ Wir. Die Frauen. Wir: Das sind nicht nur die Frauen, das müssen auch die Männer sein und alle dazwischen. Das Patriarchat wackelt. Das ist gut so. Das Matriarchat darf aber nicht in Angriffsposition auf die Übernahme warten. Ich will den Sexismus nicht umkehren. Ich will, dass sich wirklich etwas ändert! Ich glaube nicht, dass es mit dieser Anti-Haltung funktioniert. Mich nervt dieser elende Männerhass und die Ausgrenzung des männlichen Geschlechts bei der weiblichen Emanzipation. Ich möchte auch die gleichen Chancen haben wie mein männlicher Mitbewerber, aber ich möchte nicht bevorzugt werden, nur weil ich eine Vulva habe. Vielleicht sollten wir klein anfangen – nicht kleiner – Entwicklungen können gleichzeitig geschehen, aber manchmal hilft es, den Wirkungskreis zu verkleinern, um die Wirkung tatsächlich spüren zu können. Wir wollen verändern, was wir spüren. Deshalb muss das Ende des Patriarchats der Anfang der Selbstauseinandersetzung sein. Was bedeutet es eigentlich, eine Frau zu sein?

Die Macht von Stereotypen und Schubladen

Für mich ist die Frage sehr schwer zu beantworten. Ich will nicht die Debatte über biologisches und konstruiertes Geschlecht anfangen. Simone de Beauvoir hat sich auf fast 1000 Seiten den Kopf darüber zerbrochen und auch andere tun es noch oder werden es tun. Das ist wichtig, aber mir ist dieser Gedanke zu groß. Ich fühle mich wie eine Frau und das bin ich auch biologisch. Und trotzdem weiß ich nicht, wie es sich anfühlt, eine Frau zu sein. Meine Yogi-Freundinnen sprechen vom männlichen und vom weiblichen Teil in jedem Menschen: Ying und Yang, Schwäche und Stärke – Gegensätze, die in unterschiedlicher Ausprägung in jedem von uns zusammenfinden. Wenn ich darüber nachdenke, dann sind wir uns gar nicht so unähnlich, wir Männer und Frauen.

Ich bin sehr emotional und ich weine in manchen Phasen viel. Das ist vielleicht typisch weiblich, vielleicht aber auch typisch hochsensibel. Ich spiele gerne Fußball und ich trinke gerne Bier. Das ist nicht typisch männlich, das ist typisch menschlich. Ich könnte hunderte Beispiele aufzählen, jeder kann das. Es ist leicht, sich als Frau oder als Mann zu definieren. Viel schwerer ist es, diesen Begriffen Bedeutung zu geben. Was bedeutet es denn, eine Frau zu sein? Und wie fühlt es sich an, sich als Mann zu fühlen? Ich habe einen Mann noch nie gefragt, ob der Geruch von frischem Apfelkuchen für ihn auch so sehr nach zu Hause riecht, wie für mich und ich glaube auch nicht, dass man jede Eigenschaft einem Geschlecht zuordnen darf. Frau-Sein fühlt sich wohl für jeden anders an, so wie sich Mann-Sein anders anfühlt und generell das Sein als Mensch. Und trotzdem gibt es eine Sache, die uns stark unterscheidet, obwohl sie das Superlativ der Natürlichkeit sein sollte.



Wenn Scham Sexualität erdrückt

Ich habe mich mit 22 das erste Mal in eine öffentliche Sauna getraut. Das Handtuch war dabei mein Sicherheitsnetz und während sich mein damaliger Freund in Entspannung gesuhlt hat, habe ich mich beobachtet und objektiviert gefühlt. Seitdem ist mir bewusst, dass wir Scham empfinden können, auch wenn wir über Sex sprechen wie übers Zähneputzen. Ich glaube auch, dass Frau-Sein schambehafteter ist als Männlichkeit. Wir kriegen Kinder und trotzdem sprechen wir kaum über Selbstbefriedigung. Sinnlichkeit wird oft als Träumerei abgetan, Rückzug als Attribut der Langeweile.

Weibliche Sexualität galt lange als zur Befriedigung des Mannes vorhanden und Frauen als ‚leicht zu haben‘, wenn sie sich sexuell auslebten. Ich glaube schon, dass sich diese Vorstellungen lösen. Und trotzdem glaube ich, dass wir als Gesellschaft weniger weit sind, als wir das denken. Das Patriarchat und die weibliche Sexualität sind ineinander verwoben. Was bedeutet es, eine Frau zu sein? Sich als Frau zu fühlen? Ich habe mich in meiner Kindheit nie auf einen Spiegel gesetzt und mir angeschaut, wie ein weiblicher Körper von allen Seiten aussieht. Wir müssen suchen, um zu entdecken, was Frau sein bedeutet. Vielleicht haben viele von uns deshalb ein unnatürlicheres Verhältnis zu ihrem Körper.

Die kranke Frau aus der Werbung

Ich habe gemerkt, dass ich mich nicht mehr in zu enge Jeans zwängen möchte, um „skinny“ auszusehen, weil Frauen ebenso aussehen sollten. Glatte Frauen mit glatten Haaren und glatter Haut, die aus glatten Katalogseiten glitzern, gibt es in der Realität nicht. Und wenn es sie gibt, dann möchte ich keine von ihnen sein. Ich will die Normativität abschütteln. Ich möchte eine Frau sein. Aber eine, die sich selbst erschaffen hat. Ich will meine eigene Schablone sein. Ich will keine Charaktereigenschaften aufnehmen wie ungefilterte Atemluft, ohne zu untersuchen, ob sie zu mir passen.

Und ich will mich nicht selbst zum Stereotyp machen, indem ich ein Narrativ erfülle, das ich eigentlich ablehne. Ich kann süß und stark gleichzeitig sein. Wir alle können das, weil wir unsere Gleichzeitigkeit selbst bestimmen, wenn wir Gegensätze einfach mal Sätze sein lassen. Wenn wir das von Anfang an getan hätten, dann hätte sich das Patriarchat vielleicht gar nicht in dieser Weise entwickelt. Oder wir hätten es schon überwunden. Revolutionen hassen den Konjunktiv. Ich wünsche mir Integrität und dass wir uns alle ein bisschen mehr lieb haben. Nicht nur alle anderen, sondern vor allem uns selbst.

„Lass dir bloß nichts einreden – es ist schön, eine Frau zu sein.“