Die russische Sprache hat ein Marketing Problem

Geschrieben am 18.07.2021
von Jonas Prien

Seit der Auflösung der Sowjetunion gibt es immer weniger Menschen, die die russische Sprache beherrschen oder diese lernen. Werden Klassiker der Weltliteratur, wie etwa „Krieg und Frieden“, „Der Idiot“ oder „Die toten Seelen“ bald nur noch auf Englisch, deutsch oder Chinesisch gelesen?



©f1rstlife/Jonas Prien

Der Blick in eine neue Welt

Fremdsprachen sind grundlegende Fähigkeiten vor allem in unserer globalisierten und digitalen Welt. Das Erlernen von Sprachen erfordert enormen Ehrgeiz und Fleiß, wie jedes Schulkind weiß – doch der Aufwand lohnt sich! Der österreichische Philosoph, Ludwig Wittgenstein, prägte den Satz „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

Trotz der Digitalisierung sind Fremdsprachen weiterhin fester Bestandteil jeder Schul- und Universitätsausbildung – zurecht! Denn unsere digitalen Übersetzer können (noch) nicht mit Menschen mithalten. Jede Sprache besitzt eigene, oft sogar regional unterschiedliche Nuancen, also feine Unterschiede, die erst infolge des Satzes zu verstehen sind. Möchte man zum Beispiel das Wort „schwer“ auf Englisch übersetzen, gibt es mit „heavy, difficult, hard, severe, serious, tough und weighty“ gleich eine ganze Reihe an möglichen Übersetzungen, die nur im Kontext richtig übersetzt werden können.

Noch schwieriger wird es dann in der Fachsprache mit tausenden historischen, kulturellen und politischen Termini sowie Redewendungen, wie etwa Erbfolgekrieg, Ministergremium, Devisenkurs oder „die Eule nach Athen tragen“. Es ist also kein Wunder, dass die EU mit ihren 23 Amtssprachen von Portugiesisch bis Finnisch über 5.000 Dolmetscher beschäftigt.

Sprachen transportieren Kulturen

Die Kunst, besonders komplexe Zusammenhänge durch verschiedene Laute auszudrücken, erlaubt dem Menschen letztlich erst in vollem Spektrum zu kommunizieren. Erst dadurch können wir unser gesamtes kognitives Potenzial durch Kommunikation zu nutzen. Eine einmalige Fähigkeit, durch die wir uns zum Homo Sapiens entwickelten, also zum „weisen Menschen“.

Sprachen transportieren Ideen, Traditionen, Glauben, Philosophien, Geschichten und letztlich die Essenz ganzer Kulturen. Welche Kulturen die Sprache wirklich verbreitet, hängt von der Attraktivität der Sprache, und damit vom wirtschaftlichen, persönlichen und gesellschaftlichen Nutzen des Individuums ab. In der Antike wurde Latein durch den Eroberungsdrang der Römer zur Weltsprache und erleichterte den Menschen in den Kolonien die Integration in das Werteverständnis und die Lebensweise der Römer. Wer am öffentlichen Leben teilhaben wollte, musste sich also dazu zwingen, Latein zu sprechen, um bloß kein Barbar zu sein.

In den vergangenen Jahrhunderten änderten sich die Sprachen im Aufstieg und Zerfall der Mächte. Während auf den mittelalterlichen Burgen noch Französisch gesprochen wurde, unterhielten sich die Seefahrer zur Zeit der großen Entdeckungen vor allem auf Spanisch und Portugiesisch, später auch auf Niederländisch und Englisch. Während die europäischen Reiche ihre Sprachen in entfernte Überseekolonien exportierten, konzentrierten sich die russischen Zaren auf das östliche Europa und weiteten ihre Macht bis in das zentralasiatische Hinterland aus.

Russland: viele Ethnien, viele Sprachen

Obwohl Russisch zur Lingua Franca im Zarenreich und auch in der Sowjetunion aufstieg, bewahrten sich die regionalen Stämme und Völker eine gewisse Unabhängigkeit in der Sprache. Daher überrascht es kaum, dass heutzutage mehr als 100 ethnische Sprachen in Russland gesprochen werden. Zu den Wichtigsten gehören dabei Tatarisch, Baschkirisch und Tschuwaschisch (alle gehören zur Familie der Turksprachen), Tschetschenisch, Darginisch und Inguschisch (Nordkaukasische Sprachen) sowie die mongolischen Sprachen Burjatisch und Kalmückisch.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion orientierten sich viele Länder Osteuropas politisch um. Diese Entwicklung wurde auch in der Sprachpolitik deutlich. Während im Jahre 1990 noch 74,6 Mio. Menschen Russisch weltweit lernten, waren es 2018 nur noch 38,2 Mio. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Zahl außerhalb der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), also der Ländergruppe der ehemaligen 15 Sowjetrepubliken, von über 20 Millionen auf knapp 1 Millionen gesunken ist, kann oder muss man von einer Krise sprechen.

Was macht die Fremdsprache Russisch so unattraktiv?

Das ist eine komplizierte Angelegenheit. Generell haben sich weltweit innerhalb der letzten dreißig Jahre die geopolitischen Schwerpunkte verschoben: Untergang der Sowjetunion, Entstehung der Europäischen Union, Aufstieg Chinas, größere Bedeutung der Schwellenländer, nationale Tendenzen in ehemaligen Sowjetrepubliken und letztlich auch die Digitalisierung, die vor allem Englisch zur wichtigsten Sprache im Internet machte.

Wie bereits oben erwähnt, hängt die Attraktivität einer Sprache von den Machtverhältnissen und damit dem Nutzen jedes Individuums ab (z.B. im Beruf oder im Urlaub). Russland erlebte insbesondere in den 90er und den „Nuller“ Jahren eine Krise nach der anderen. Dadurch sank die Geltung Russlands in der Welt und damit die, der russischen Sprache. Komplizierte politischen Konflikte mit russischer Beteiligung in der Ostukraine, Syrien und dem Iran sorgen aktuell für kein besseres Bild.

Am Rande sei erwähnt, dass Russisch eine komplizierte Sprache ist, die mit dem kyrillischen Alphabet, vielen Konsonantenpaarungen und schwieriger Aussprache den Einstieg nicht einfach macht. Auch das gegenwärtige Angebot russischsprachiger Musik, Filme oder Serien ist äußerst dürftig.

Sprache als Instrument der Softpower

Die Attraktivität der Sprache hängt aber nicht nur von der Stellung der Länder in der Welt ab, sondern vom kulturellen Marketing. Das Marketing meint hier die Gesamtheit aller Verknüpfungspunkte mit der Kultur und den Menschen eines Landes, also von klassischen Medien, Filmen, Büchern und Magazinen bis zu zwischenmenschlichen Kontakten im Arbeitsleben oder im Urlaub. Was für eine Rolle der „Export“ der heimischen Kultur spielt, kann man an dem Stellenwert der Stiftungen und Sprachinstitute erkennen.

Das deutsche Goethe-Institut (GI) beweist mit eindrucksvollen Zahlen, wieviel Deutschland für Kulturaustausch und Sprachvermittlung tut: 15,4 Millionen Deutschlerner, 95.000 ausländische Schule mit Deutschkursen, 30.000 Veranstaltungen mit 4,3 Millionen Besuchern. Die Liste könnte man noch weiter fortführen. In Russland selbst herrscht seit Jahren ein harter Wettbewerb zwischen den einzelnen Sprachschulen europäischer Staaten. Unbestritten ist, dass Englisch in allen staatlichen Russischen Schulen als erste Fremdsprache gilt (mit einigen Ausnahmen in Fernost). Danach herrscht aber Konkurrenz zwischen dem deutschen Goethe Institut und dem Institut Français über die zweite Fremdsprache. Vertreten sind auch die offizielle Spanische Sprachschule und das chinesische Konfuzius-Institut (welches aber aufgrund der Nähe zur chinesischen Staatsführung kritisiert wird). Dagegen tut Russland äußerst wenig, um aktiv junge Menschen für Russland und die Russische Sprache zu begeistern.

In Anbetracht dessen, dass im Jahre 2050 (UN Bevölkerungsprognose) nur noch 2,7% der Weltbevölkerung sich auf Russisch verständigen können, muss der Staat dagegen schnell etwas unternehmen, um sicherzustellen, dass in Zukunft Война и мир oder Преступление и наказание weiterhin auf Russisch gelesen werden.