Zehn Vorurteile gegen Homosexuelle

Geschrieben am 17.07.2021
von von Johanna Gremme

Homosexuelle sind pervers, krank oder ansteckend? Vorurteile gegen Homosexuellen halten sich im Alltag hartnäckig. Eine kritische Auseinandersetzung mit einer Reihe von Vorurteilen und Klischees von Johanna Gremme.



© f1rstlife / Johanna Gremme

Es gibt sie zuhauf. Es gibt sie immer und überall: Vorurteile. Leider begegnen sie uns immer wieder. Gegen alles und jeden. Nach wie vor auch gegen Homosexuelle. Gemeinsam mit einigen Menschen aus der Szene habe ich mich daher zusammengesetzt und zehn Vorurteile gesammelt, unter denen Homosexuelle häufig zu leiden haben.

1. Das rosa T-Shirt

Der Klassiker: Jeder Homosexuelle trägt rosa T-Shirts, klar, oder? Heißt im Umkehrschluss: Jeder Schwule, der kein Rosa T-Shirt trägt, ist nicht schwul? Oder jeder Hetero, der sich dem vorzüglichen Modebewusstsein seiner homosexuellen Kollegen anschließt, ist schwul? Fakt ist: Rosa und Pink sind einfach Farben, die auch Männern gut stehen. Homosexuelle haben sich eben als erste getraut, Farbe zu bekennen.

2. Der nasale Slang

Viele glauben, dass man Homosexuelle schon von Weitem an ihrer Stimmlage und Intonation erkennt. Einige bestimmt. Viele haben einen nasalen Slang. Aber genauso viele laufen in der Stadt an mir vorbei, denen ich ihre Homosexualität nicht anhöre. Sie sprechen genauso wie Ottonormalverbraucher.

3. Homosexualität und Aids

Eigentlich dachte ich immer, dass es sich bei dem folgenden Vorurteil um ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert handelt. Aber noch immer glauben viele Menschen, dass Aids einzig und allein eine Homosexuellen-Krankheit ist. Und sie glauben weiter, dass nahezu jeder von ihnen von dem HIV-Virus befallen ist. Beides stimmt nicht. Es stimmt allerdings, dass die Krankheit Aids durch Homosexuellen-Hetze in den 80er-Jahren eine gewisse mediale Karriere gemacht hat, die bis heute anhält. „Sad-Fact“ am Rande: Homosexuelle dürfen in Deutschland kein Blut spenden. Soweit reichen also die Vorurteile.

4. Der „schwule beste Freund“

Jeder Schwule hat eine allerbeste Freundin! Hat er? Es stimmt, dass viele Homosexuelle oft mit Frauen sehr gut befreundet sind. Aber die Gründe liegen doch auf der Hand: Sie teilen einfach mehr Gemeinsamkeiten. Viele homosexuelle Männer fühlen sich in der Anwesenheit von Frauen wohl und umgekehrt fühlen sich viele Frauen in der Anwesenheit von homosexuellen Männern wohl. Vielleicht liegt das daran, dass keine sexuelle Spannung oder irgendein Erwartungsdruck die Beziehung belastet. Trotzdem ist der „schwule beste Freund“ keine Trophäe, mit der sich Frauen brüsten sollten. Und schon gar kein Schoßhündchen.

5. Das Sexualleben

Homosexuelle wollen immer. Dieses Vorurteil kann sich nur ein Heterosexueller überlegt haben, der mit seinem eigenen Sexualleben nicht glücklich war. Nur weil Homosexuelle gerne Sex mit dem gleichen Geschlecht haben, haben sie deswegen noch lange kein gesteigertes Sexbedürfnis. Mal abgesehen davon, dass es überhaupt niemanden etwas angeht, wie andere Menschen ihr Sexualleben gestalten – es sei denn, sie sind deren Partner – scheint es dennoch für einige interessant zu sein, sich das Sexualleben von Homosexuellen auszumalen. Während viele davon ausgehen, dass Lesben gar keinen Sex haben können, kursieren über die Sexualität von Schwulen die wildesten Phantastereien. Eigentlich sehe ich gar nicht ein, an dieser Stelle wiederzugeben, was andere sich so eifrig überlegen. Das fände ich den warmen Jungs gegenüber irgendwie hintenrum…

6. Die Erziehung

Ich kann es kaum glauben, dass es Menschen gibt, die die Ansicht teilen, dass Homosexuelle nur deswegen gleichgeschlechtliche Partner lieben, weil ihre Eltern bei der Erziehung einen Fehler gemacht haben. Erziehung hat natürlich einen unbestreitbaren Einfluss auf uns. Aber keine Erziehung der Welt ist dafür verantwortlich, wen wir lieben. Und Schuld trägt sie schon gar nicht. Denn Lieben ist ja kein Verbrechen.

7. Der Haarschnitt

Was ein Kurzhaarschnitt mit der sexuellen Orientierung zu tun haben könnte, scheint auf den ersten Blick schleierhaft. Nicht aber für die vehementen Skeptiker, die in Frauen mit Kurzhaarschnitt oft eine Lesbe vermuten. Jede heterosexuelle Frau mit Kurzhaarschnitt sollte sich also Gedanken machen, ob sie nicht einen Haarschnitt trägt, den ihr ihr Unterbewusstsein diktiert hat. Man könnte meinen, sie sei einem „Freudschen Haarschnitt“ zum Opfer gefallen.

8. Das ständige „HOP-ON HOP-OFF“

Alle Homosexuellen, egal, ob Männlein oder Weiblein, seien in ihren Beziehungen sprunghaft, heißt es oft. Wenn überhaupt mal eine feste Beziehung zustande komme, dann halte sie ganz bestimmt nicht so lang wie eine Beziehung eines heterosexuellen Paares. Kaum zu glauben. Schließlich sehen sich viele Homosexuelle auch nach einer liebevollen, treuen und dauerhaften Beziehung wie jeder andere auch. Entweder, man ist als Person ein Einzelgänger oder ein Beziehungsmensch. Ungeachtet der sexuellen Vorlieben.

9. Die Memme und die Kampflesbe

Schwule sind Memmen und Lesben sind Kampflesben. Da gibt es nichts zu rütteln. Wenn ich mir allerdings meine homosexuellen Freunde und Freundinnen so anschaue, dann kann ER oft sehr gut mit anpacken und mir erklären, wie ich mein Fahrrad reparieren muss. Und SIE ist bestimmt nicht auf Krawall gebürstet, sondern vielmehr sehr emotional und verletzlich. Bestimmt gibt es Memmen und Kampflesben auf dieser Welt, die zufällig homosexuell sind. Aber es gibt auch viele heterosexuelle Memmen.

10. Der Hass auf das andere Geschlecht

Weil es so schön absurd ist, last but not least: Schwule hassen Frauen und Lesben hassen Männer. Sagt man. Aber nur, weil Schwule Männer lieben und Lesben Frauen, heißt das noch lange nicht, dass sie Menschen vom anderen Geschlecht nicht mögen. Das ist ja bei Heterosexuellen auch nicht so.

Fazit

Alle Angaben sind ohne Gewähr und basieren nicht auf empirischen Untersuchungsergebnissen. Die Auswahl der Vorurteile ist alles andere als absolut. Aber sie zeigt: Vorurteile können unrealistisch sein und sich trotzdem beständig halten. An vielen Vorurteilen mag ein Fünkchen Wahrheit dran sein. Schließlich existieren sie nicht einfach aus dem Nichts heraus. Bestimmt mag es Homosexuelle geben, die Skeptiker an Veranstaltungen wie dem CSD bewusst provozieren, indem sie viele Klischees bedienen. Es gibt sie bestimmt, die Offensiven, die Angriffslustigen, die bewusst herausstellen wollen, dass sie anders sind. Trotzdem gilt: Homosexuelle sind einfach Menschen, wie wir alle.