Mental Health – Teil 1: Stigma in christlichen Gemeinschaften

Geschrieben am 21.12.2021
von Tamara Lindner-Haehl

Als Christin habe ich manchmal das Gefühl, nicht zu meinen psychischen Problemen stehen zu dürfen. Erst mit der Zeit habe ich gemerkt, wie gut es tut, offen darüber zu sprechen. Eine Einschätzung unserer Autorin Tamara.

 



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„Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit“ – (1. Korinther 12,26).

„Habt keine Angst“, sondern „Freuet euch!“ – Deine innere Stimme spricht dir zu: „Du bist doch Christ, du darfst keine Angststörung/Depression/Panikattacken/Essstörung … haben!“ Man schämt sich vor anderen wegen seiner Probleme und traut sich nicht, mit jemandem darüber zu reden. Solche Gedankengänge kann ich persönlich gut nachvollziehen.

Dabei sollten wir doch gerade unter Christen den Mut und das Vertrauen zueinander haben, als Brüder und Schwestern, über so etwas zu sprechen. Jesus zeigt sich innerhalb der biblischen Geschichten trauernd und leidend. Wieso sollten wir unser Leid dann verstecken?

Ein Leib Christi – miteinander leiden

Meistens sind Probleme, die unsere mentale Gesundheit angehen, nicht nach ein paar Tagen wieder verschwunden. Genau deswegen darf man sie auf keinen Fall verdrängen oder verschweigen. Wenn etwas Bestimmtes die Ursache der Probleme ist, wie beispielsweise eine Prüfung, ein Stellenwechsel oder Streit in der Familie, dann können die Symptome nach Beseitigung des Problems wieder zügig abschwellen. Jedoch können mentale Krankheiten auch vererbt oder einen tieferen Hintergrund haben, als man zunächst vielleicht annimmt. Mir persönlich war jahrelang gar nicht klar, dass ich überhaupt betroffen bin. Daher habe ich das Thema immer wieder verdrängt, obwohl mittlerweile sogar meine physische Gesundheit darunter litt.

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass man in solchen Zeiten Menschen an seiner Seite hat, die einem beistehen. Leidet in der Gemeinde miteinander, und lasst niemanden allein! Überschaut solche Probleme nicht oder tut sie nicht mit einem „Ach, das ist doch nur der Stress!“ oder „Das ist alles nur Kopfsache!“ ab. Natürlich kommen mentale Probleme von unserem Kopf! Doch würden wir auch nicht einfach bei einem gerissenen Meniskus sagen: „Ach, das ist doch nur das Knie. Mach´ dir da keine Gedanken, das kommt alles nur von den Bändern!“ Es ist wichtig (sogar lebenswichtig!), dass solche Krankheiten ernst genommen werden – in der Behandlung und natürlich auch im Gebet.

Ein Leib Christi – miteinander Hilfe suchen

Ich persönlich habe erlebt, wie heilend ein Gespräch sein kann. Einfach mal ganz ehrlich auf die Frage „Wie geht es dir heute so?“ antworten und nicht einfach mit der Antwort, von der du denkst, dass sie von dir erwartet wird: „Ich kann mich nicht beschweren!“ Mit einem Mal begann ich, mit meinen Geschwistern und meinen Schulfreundinnen über meine Angstattacken zu sprechen – und sofort war die Last nicht mehr unerträglich schwer auf meinen Schultern!

Auf der einen Seite war ich zwar noch nicht geheilt, auf der anderen Seite war es leichter für mich zu erklären, wenn ich beispielsweise wieder mal irgendwo gefehlt hatte. Denn nun konnte ich offen erklären, dass es mit meiner Gemütslage zu tun hatte oder ich einfach eine Pause gebraucht habe. Außerdem konnte ich mit meinen Peers auch meine Erfolge feiern! Es ist nicht nur so, dass meine Familie und Freunde mir Mut zusprachen und verständnisvoll reagierten, sondern einige zeigten sich daraufhin auch mir gegenüber verletzlich, und ich konnte ihre Last erleichtern. Praise the Lord!

Ein Leib Christi – Ermutigung suchen

Als ich bei einem Atrium (eine Mischung aus Mini-Gottesdienst und Studentenversammlung) an der Internationalen Hochschule Liebenzell ein Zeugnis darüber gegeben habe, wie ich Gott inmitten von meinen Problemen mit Panikattacken, Angstzuständen und Emetophobie erlebt habe, war es für mich ein Wunder, wie viele Studenten aus verschiedenen Jahrgängen anschließend auf mich zugekommen sind.

Durch Diskussionen und Gespräche habe ich nicht nur Annahme gefunden, sondern auch erfahren, dass viel mehr Leute, als ich dachte, ebenfalls ihre Schwierigkeiten mit diesem Thema haben. Man fühlt sich so verloren und einsam damit – und dabei verstecken wir es einfach alle nur oder machen oberflächliche Witze über die psychische Gesundheit. Es mag inzwischen ein Thema sein, das viel in den sozialen Medien kursiert und deswegen fast schon seine Ernsthaftigkeit verloren hat. Deshalb müssen wir aktiv dagegen angehen, weil es oft nicht ernst genommen und zum Teil sogar komplett verschwiegen wird!

Deshalb ein Action-Step für deine Woche!!!

-> Sprich eine Person auf das Thema „mentale Gesundheit“ in deiner Gemeinde oder deinem Freundeskreis an. Beispielsweise, indem du ihr die Frage stellst, wie es ihrem Herzen in diesem Monat so geht, was für Auswirkungen die Pandemie auf ihr Leben hat oder auch, ob sie überhaupt schon mal etwas von dem Begriff „Mental Health“ gehört hat?