Toxic Positivity – gut oder schlecht?

Geschrieben am 03.01.2022
von Ramona Englisch

Vor ein paar Tagen fragte meine Tochter mich, warum ich plötzlich nicht mehr alles schaffe? Dabei fällt mir auf, wie ausgebrannt ich mich fühle. Mein Kopf ist voller Gedanken; in mir so viele Emotionen, die ich unterdrücken muss. Warum es nichts bringt, nur positive Gefühlen zu zeigen.



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Die Situation war Folgende: Meine Tochter brachte aus der Schule einen Zettel zum Unterschreiben mit. Für gewöhnlich unterschreibe ich das gleich, nach dem Motto: „Mach es gleich, dann ist es leicht“. Seit einiger Zeit mach ich das nicht mehr. Nicht nur meine Tochter, sondern auch ich selbst frage ich mich, warum das eigentlich so ist?

Einfach zu viel im Kopf

Ich bemerke, dass ich mich und mein Umfeld ständig selbst optimieren will. Alle sollen glücklich sein. Das ist an sich ja nichts Schlechtes. Es ist ja gut, glücklich zu sein und auch gewünscht von der Gesellschaft, von Freunden, von Familie. Ein Indiz dafür ist ja auch, dass man nicht mehr fragt: „Wie geht es dir?“, sondern nur „Alles gut?“. Damit impliziert man schon in der Frage, dass man gar nichts Negatives hören möchte.

Durch dieses ständige Glücklichsein-Wollen entstehen auch Probleme. Wenn ich jetzt mal wütend, genervt oder gestresst bin, darf ich das auch sein. Mein Umfeld spiegelt mir aber, dass das nicht gut ist. Ich muss doch glücklich sein. Ich habe doch alles. Im Grunde soll ich dadurch doch alle negativen Gefühle unterdrücken. Das bringen wir auch unseren Kindern bei.

Selbst die Kinder lernen, ihre Gefühle zu unterdrücken, indem sie Sätze hören, wie „Stell dich nicht so an!“, „Ist doch alles gar nicht schlimm!“, „Ach, da muss man doch nicht weinen!“, „Jetzt krieg dich mal wieder ein!“. Diese Sätze helfen niemandem. Sie verschlimmern es noch. Hilfreich ist es, wenn einfach nur zugehört wird. Wenn man, als Zuhörer, auch Stille zulassen kann. Es bedarf nicht immer irgendwelcher Lösungen, manchmal reicht einfaches Zuhören.

Gefühle wahrnehmen

Gefühle sind dazu da, um wahrgenommen zu werden. Und das muss man lernen – auch wenn so viel los ist im Kopf. Dinge müssen erledigt werden, Termine müssen gemacht und eingehalten werden usw. Und zusätzlich kommen noch unterdrückte Gefühle dazu. Auch die schwirren im Kopf umher und überlagern alles andere. Negative Gefühle sorgen dafür, dass es zu Veränderungen kommen kann.

Wenn eine Situation sich nicht gut anfühlt und negative Gefühle hervorruft, muss etwas geändert werden. Gefühle – ob gut oder schlecht – sorgen für Fortschritt. Ein erster Schritt ist der Weg in die Achtsamkeit. Nimm die Gefühle wahr, lass sie existieren. Nur halte dich nicht an ihnen fest, sondern lasse sie weiterziehen.

Ausgebrannt vom Glücklichsein

Warum ich es also nicht schaffe, weiterhin dieselbe Leistung zu erbringen, wie vor ein paar Wochen noch, liegt einfach daran, dass ich mich völlig ausgebrannt fühle von dem ganzen zwanghaften „Glücklich-Sein“. Oder anders gesagt: Ich fühle mich unwohl, weil ich meine Gefühle unterdrücke, weil es in mir brodelt und ich nicht weiß, wohin damit.

Die Gedanken kreisen und alles andere rückt in den Hintergrund. Vieles gerät in Vergessenheit und dann ärgere ich mich. Negative Gefühle verstärken sich und ich versuche trotzdem zwanghaft, glücklich zu sein. Um niemanden traurig, oder wütend zu machen. Um der Welt vorzugaukeln, dass doch alles völlig in Ordnung sei.

Am Ende kann man sagen, dass mein Umfeld akzeptieren muss, dass ich eben bin, wie ich bin. Mit allen Emotionen, die ich habe. Und das sind nun mal viele. Die sind auch bei weitem nicht alle schön. Weg mit der „Good Vibes Only“-Strategie, zurück zu: „Lass die Emotionen raus!“