Die wütenden Tage: Leben mit psychischer Krankheit – Teil 2

Geschrieben am 15.01.2022
von Redaktion

Was tun an Tagen, an denen man das Gefühl hat, dass einem die Kontrolle entgleitet? Was tun, wenn sich die Tage häufen und immer schwerer zu ertragen sind? Unsere Autorin weiß es selbst nicht, versucht sich aber an einem hoffnungsvollen Zukunftsblick.



© Pexels

[English version below]

Heute habe ich einen wütenden Tag. Ich bin wütend auf das Leben, auf graue Regentage, auf das Gefühl von Verlust und auf Menschen, die ihr Leben im Griff haben. Aber am meisten wütend bin ich auf mich selbst, weil mir die Kontrolle entgleitet und ich nicht mehr ich selbst bin. „Das ist die Depression“, sagt mir mein Kopf, „das geht vorbei“.

Doch es ist nicht vorbei und mein Bauch sieht die Dinge ganz anders. Mein Bauch ist spannungsgeladen und kann sich nicht lösen von dem Gefühl, versagt zu haben. Mehr noch, immer wieder neu zu versagen. Ich gehöre nicht mehr zu den Menschen, die ihr Leben im Griff haben. Genau das verlange ich aber von mir.

Hohe Erwartungen, wenig Kraft

Ich erwarte von mir, mit einem vollen Terminkalender zurecht zu kommen und mich zu freuen auf das, was kommt. Ich erwarte von mir, leistungsstark im Job zu sein. Ich erwarte, dass ich für meine Freunde da bin und wenigstens ab und zu gute Stimmung verbreite. Die Realität sieht anders aus. Mein Terminkalender ist schon lange nicht mehr voll, weil mir schlicht die Kraft dafür fehlt.

Für den Job habe ich mich letztens eine Woche krankschreiben lassen, weil meine Emotionen übersprudelten und ich nicht mehr professionell arbeiten konnte. Vieles im Leben meiner Freunde zieht an mir vorbei und zur guten Stimmung trage ich schon seit Wochen nichts mehr bei. Sie unterstützen mich. Doch insgeheim frage ich mich, wie viel ich ihnen von mir zumuten kann – wo ich doch schon mir selbst zu viel bin.

Ein Blick in die Zukunft

Ich möchte einen Zukunftsblick wagen: Vielleicht wache ich morgen auf und realisiere, dass es keinen Sinn hat, härter zu mir selbst zu sein als zum Rest der Menschheit. Beim ersten Kaffee, den ich eigentlich nur schnell runterkippen wollte, scheint die Sonne in mein Gesicht und ich nehme mir ein bisschen Zeit, um entspannt in den Tag zu starten. Das Wort „Pause“ klingt auf einmal wie Musik in meinen Ohren – und wen kümmert es, dass ich davon zurzeit übermäßig viel brauche?

Auf der Arbeit läuft nichts, wie es soll und ich bin schon wieder sichtlich aufgewühlt, aber das ist okay. Starke Emotionen sind zurzeit nun mal Teil von mir. Bei meinen Freunden bin ich kein Sonnenschein, aber ich lasse es zu. Lasse zu, einfach in grauer Stimmung bei ihnen zu sitzen, ohne mich selbst unter Druck zu setzen. Ab und zu ziehen sich meine Mundwinkel sogar wie von selbst nach oben und ich empfinde etwas echte Freude.

Mein Tag ist immer noch wütend.
Aber mit Hoffnung.
Und die Hoffnung halte ich ganz, ganz fest.

Hier geht es zu Teil 1: Zwischen grauen und blauen Tagen.


The angry days – life with mental illness – part 2



© Pexels

What are you supposed to do on those days when you feel like life is out of control? What are you supposed to do when days like this are piling up and it’s getting harder to face them? Our author isn’t quite sure herself, but she tries to hold on to a more hopeful future.

Today is a day of anger. I’m mad at life itself, at rainy days, the feeling of loss, and at people who have their lives under control. But most of all I’m mad at myself because I am losing control and stopped being myself. “That’s just the depression,” my head tells me, “it’s going to pass.”

But it hasn’t passed yet and my gut has a completely different view on it. My gut is battling itself and can’t let go of the feeling that I’ve failed. More than that, to keep failing. I’m not one of those people who’ve got everything under control. Yet that’s the expectation I lay on myself.

High Expectation, no strength

I expect myself to be fine with a full schedule and to be excited for what’s ahead. I expect myself to be a hard-working employee. I expect myself to be there for my friends and to spread good vibes at least every now and then. Reality looks different. My schedule hasn’t been full for months, as I simply don’t have the strength.

The other day at work I handed in a sick note for a week because my emotions were going crazy and I couldn’t work professionally anymore. The lives of my friends just pass me by and I haven’t spread any good vibes for weeks now. They support me. But deep inside I wonder with how much I can actually burden them with – when I am even too much for myself.

A glimpse into the future

Let me dare a look at the future: Maybe I’ll wake up tomorrow and realise, that there’s no point in being harder on myself than on the rest of the world. With the first coffee, which I actually just wanted to grab quickly, the sun shines in my face and I take a moment to start the day right. The word “rest” suddenly sounds like music to my ears – and who cares that I need an excessive amount of it these days?

At work, nothing goes as it should, and once again I’m visibly agitated, but that’s okay. Strong emotions are currently part of me, it is what it is. I’m not a ray of sunshine around my friends, but I allow myself to just sit with them in a grey mood without putting myself under pressure. Every now and then, a small smile appears effortlessly on my face and I feel something like genuine joy.

It’s still a day of anger.
But with hope.
And I hold on to that hope very, very tightly.

Click here for part 1: Between grey and blue days.