Über Frust und Enttäuschung

Geschrieben am 08.03.2021
von Christina Lopinski

Die ganze Welt befindet sich seit vielen Monaten in einer Extremsituation. Wir alle sind müde. Frust und Enttäuschung beherrschen unsere Gefühlswelt. Manchmal ist es schwer, das kleine Glück dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei ist es egal, wo auf der Welt man sich befindet.



Ich bin frustriert. Ich sitze in meiner Gartenlaube im nördlichen Nairobi. Es ist kurz nach acht Uhr abends. Ich würde gerne ausgehen oder irgendetwas tun. Die Pandemie und meine Einsamkeit machen das unmöglich, während mich mein Frust handlungsunfähig macht und Ruhelosigkeit freisetzt, wie ein Ventil, das nicht mehr schließt. Ich bin frustriert und enttäuscht, weil alles so anders ist, als ich das erwartet habe.

Diese Gefühle habe ich seit einem Jahr öfter. Corona hat uns alle in eine Extremsituation katapultiert, an die wir uns nicht gewöhnen können. In Extremsituationen wird man mit seinen eigenen Grenzen und dem innersten Kern konfrontiert. Frust und Enttäuschung sind prägend für diese Pandemie. Ich glaube, sie stehen symbolisch für ein anderes gesellschaftliches Problem, dass viel mit Selbstwert und fehlender Zeit zu tun hat.

Ein Appell, zärtlicher zu sich selbst zu sein

„Ich glaube es geht gerade allen so“, sagt meine Freundin am Telefon. Ich nicke. Es sind aber nicht alle allein in Ostafrika, denke ich und schwimme in Selbstmitleid. „Es ist, was du daraus machst“, sagt sie. Und ich höre zum ersten Mal die Chance, die seit fast zwei Wochen an der Tür meines Gedankenpalastes klopft und übertönt wird, von all den Stimmen, die darin so laut herumschreien, Tage zählen, und am liebsten gestern schon wieder nach Hause geflogen wären.

„Warum bist du denn so frustriert?“, fragt C. Ich denke an mein Praktikum. „Weil ich nichts zu tun habe“, antworte ich. Das stimmt so nicht ganz. Mein „Nichts“ auf der Arbeit besteht darin, täglich eine Presseschau der kenianischen Zeitungen zu erstellen und in den Agenturen nach wichtigen Meldungen über Ostafrika zu suchen. Dabei lerne ich ziemlich viel über die afrikanische Politik. Ich lerne, dass der globale Süden eine Stimme hat, die hier gehört, aber in Deutschland verfremdet wiedergegeben wird.

Ich lese jeden Tag Artikel und Kommentare über die unfaire Verteilung des Impfstoffes. Ich fange an, die Impf-Diplomatie zu verstehen, und dass hinter jeder Ambition Intentionen stecken. Altruismus gibt es in der internationalen Politik nicht. Ich lerne, dass der globale Süden nicht mit großen Augen und ausgestreckten Händen nach dem globalen Norden greift, sondern dass eine tatsächliche Abhängigkeit besteht. Und wie schamlos sie ausgenutzt wird. Nicht nur von China.

Ich lese jeden Tag über tausende Teenage-Girls, häufig jünger als 14, die während der Pandemie schwanger geworden sind und jetzt nicht mehr in die Schule gehen können. Ich lese von steigenden HIV-Raten und wachsendem Hunger, weil die Heuschreckenplage immer noch nicht eliminiert ist und Corona sämtliche Menschen in die Armut getrieben hat. Ich lese von Inflation in Kenia, ich lese von Entführungen in Nigeria, von Terrorismus im Kongo, von Massen-Vergewaltigungen in Äthiopien. Ich denke viel an Kolonialismus und wie wenig ich darüber in der Schule gelernt hat. Wie verzerrt mein Bild von diesem Kontinent war, bevor ich angefangen habe, mich selbst zu bilden: Afrika ist nicht Safari und Frauen mit riesigen Ohrlöchern.

Der Pass der Privilegierten

Mich überfordert diese Erkenntnis jeden Tag. Mich überfordert auch mein Privileg, einen deutschen Pass zu haben. Ich kann meiner Familie keine Fotos schicken, weil ich mich so unbeholfen durch die Gegend bewege. Ist es angemessen, das zu fotografieren, was ich sehe, um meine Realität vor Ort zu teilen? Oder fühlen sich die Menschen, deren Handwerk ich gerne fotografieren würde, herabgewürdigt? Ich hänge in meinen Unsicherheiten fest, wie ein Papierflieger, der im Baum klemmt. Corona macht all das nicht einfacher. In Kenia liegt die Positivrate aktuell bei fast zehn Prozent. Die Infektionszahlen sind trotzdem sehr niedrig. Das liegt vor allem daran, dass viel weniger getestet wird. Gleichzeitig kann nicht einschätzen, wie frei ich mich hier bewegen darf – deshalb bewege ich mich lieber gar nicht. Unsicherheit triggert Angst und Angst lähmt.

Ich war heute nach der Arbeit im Supermarkt. Wegen der chronischen Terrorgefahr gibt es vor dem Eintreten Sicherheitskontrollen. Zusätzlich wird die Temperatur gemessen. Ich bin jedes Mal aufgeregt, bevor ich einen geschlossenen Raum betrete. Bei mir hat das Thermometer heute aufgeleuchtet und rot geblinkt. Ich habe mich geschämt und mich entschuldigt. Der Security-Mann hat mich von oben bis unten gescannt, mich angelächelt, mich gefragt, ob ich lange gelaufen sei. Ich nicke vorsichtig. „Dann geh durch“, sagt er. So funktioniert Pandemiebekämpfung nicht. Ich bin rot auf der Alarm-Skala und es interessiert niemanden, weil ich eine potentiell gute Kundin bin. „Hunger ist schlimmer als Corona“, hat Kassim aus Sansibar neulich gesagt, ich habe das Video über ihn transkribiert und musste mich zusammenreißen, nicht anzufangen, zu heulen.

Der Expat-Mythos

Ich war vor Kurzem das erste Mal in dem Café, das nur wenige Gehminuten von meiner Gartenlaube entfernt ist. Mich hat der Besuch mehr verstört als erfreut. Ich werde sehr nett von den Kellner:innen empfangen. Ich setze mich in die Sonne und bestelle einen Wassermelonensaft. Ich zahle 450 Schilling, das sind ungefähr drei Euro vierzig. Das ist sehr viel Geld für einen Saft in Deutschland, das ist exorbitant viel Geld für einen Saft in Kenia. Nicht nur für einen Saft, sondern für eine ganze Mahlzeit. Um mich herum sitzen nur Expats.

So nennen sie sich selbst, die Ausländer:innen, die hier in Botschaften und Konsulaten arbeiten, an internationalen Schulen, vor allem in der UN. Alle Menschen um mich herum sind weiß. Wir trinken Saft für drei Euro vierzig, während wir auf die Security-Männer schauen, die Temperaturen kontrollieren und am Tag wahrscheinlich weniger verdienen als wir in einer halben Stunde vertrinken. Der Mindestlohn liegt bei umgerechnet knapp zwei Euro. Als mir das klar wird, werde ich sehr traurig. Ich frage mich, ob wir das dürfen. Dürfen wir Expats es uns gut gehen lassen, die Schönheit des kenianischen Lebens sehen und leben, während die Schere zwischen Arm und Reich eine Schlucht ist?

Der verflixte Fernsehjournalismus

„Warum bist du denn so frustriert?“, fragt C. Ich denke an mein Praktikum. „Weil jedes Thema, das ich vorschlage, abgelehnt wird“, sage ich. Ich komme aus dem Zeitungsjournalismus. Ich bin es gewohnt, Texte zu kreieren und meine Kreativität ausleben zu können. Ich bin es gewohnt, dass am Ende des Tages ein fertiges Produkt entstanden ist, dass ich am nächsten Tag gedruckt in den Händen halten kann, mit mir tausende andere Menschen. Ich bin es gewohnt, daraus meinen Selbstwert zu schöpfen. Beim Fernsehen läuft das anders. Ein Beitrag gestaltet sich nicht von heute auf morgen und nicht in Eigenregie, schon gar nicht von einer Praktikantin. Ich bin frustriert, weil ich das Gefühl habe, das nicht zu können, dieses Ding Fernsehen, weil ich bereits an Schritt eins scheitere: Der Redaktion ein Thema vorzuschlagen, dass sich filmisch umsetzen lässt. Ich bin keine Journalistin, denke ich dann, wenn ich acht Stunden recherchiert habe und meine Augen von dem ganzen Googeln flimmern. Ich stürze mich in Rabbit-Holes und verfange mich in festgefahrenen Denkmustern und dem Druck, liefern zu müssen. Ich gebe mir keine Zeit. Mein Druck ist zu groß, mein Selbstwert zu hungrig.

Das ist das Problem. Ich bin mir sicher, es ist nicht nur mein Problem, dass wir darauf konditioniert sind, uns Bestätigung im Außen zu holen. Mit „wir“ meine ich meine Generation. Vielleicht liegt das in unserem Naturell, das verlernt hat, sich selbst zu lieben und nach Gedanken handelt, nicht nach Gefühlen und Intuition. Frust und Enttäuschung werden von Handlungsunfähigkeit genährt, die aus dem Gefühl der Sinnlosigkeit des eigenen Tuns, schlimmer, des eigenen Seins, entsteht. Die Pandemie und alle ihre Nebenwirkungen katalysiert und verstärkt dabei ALLES. Wir müssen nicht schnell sein, um gut zu sein. Wir müssen nichts produzieren, um anerkannt zu werden. Wir müssen auch nicht schön sein, weil das Konzept sowieso viel zu subjektiv ist. Manchmal reicht es, einfach nur zu sein. Vielleicht kommt dann alles so, wie es kommen soll. Druck verstopft unsere Gedankenstränge und macht uns engstirnig. Keine Zeit zu haben, macht uns unglücklich. Bestätigung durch Leistung zu erwarten, macht unfrei. Lasst uns endlich anfangen, zärtlicher mit uns selbst umzugehen!



Peter und die Suche nach dem Glück

Ich bin Sonntag mit dem Uber, eine Art Taxi von Privatleuten, von einem Ausflug zurückgefahren. Weil der Verkehr so dicht war, saßen Peter und ich zwei Stunden in seinem Toyota fest. „Erzähl mir von Kenia“, habe ich irgendwann gesagt, weil ich das Schweigen nicht ertragen konnte. Er hat mir von der elenden Korruption erzählt und wie teuer es ist, seine Kinder in die Schule zu schicken. Peter arbeitet sechs Tage in der Woche, nur sonntags nicht, da geht er in die Kirche. Er arbeitet zehn Stunden am Tag und verdient 300 Euro im Monat. Er hat drei Kinder, die Schule kostet alle drei Monate pro Kind 200 Euro. Er sagt, dass er für 1000 Schilling in der Woche einkauft. Mein Wassermelonensaft hat 450 Schilling gekostet. Ich fühle mich schlecht.

Ich lerne Perspektive und Privilegien. „Ich finde das so unfair“, sage ich irgendwann, wir stehen an einer Ampel, ein Bettler klopft an mein Fenster, ich klammere meinen Rucksack an mich, Peter hat die Türen abgeschlossen. „Das ist das Leben“, sagt er und lächelt. Peter wirkt nicht unzufrieden. Peter sucht nicht nach dem Glück im Außen. Ich frage ihn, ob er Kenia mag, bei all den Sachen, die das Leben hier so schwierig machen. „Ich bin hier geboren, natürlich liebe ich Kenia“, sagt er. Das Leben ist hier ein Geschenk. Es wird wertgeschätzt und alles dafür getan, das Beste daraus zu machen. Man hat hier keine Zeit, sich zu vergleichen. Für alles andere reicht die Zeit aber schon. Peter gibt mir seine Nummer und sagt ich soll mich melden, wenn ich irgendwohin muss. Ich bedanke mich von Herzen, als ich aus dem Auto stolpere .