Wie du dich im Wald glücklich „badest“

Geschrieben am 09.04.2021
von Candan Demir

Es gibt Menschen, die sich nach einem harten Tag mit einem heißen Bad belohnen. Sie fühlen sich danach erfrischt und entspannt. Dieselbe Wirkung, ohne viel Wasser zu verbrauchen, kannst du aber auch mit einem bewussten Spaziergang im Wald erreichen.

 



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Denn nach einem Aufenthalt im Wald fühlen wir uns meistens besser. Dort sind wir der Natur nah und erleben sie mit all unseren Sinnen. Für einige Momente geraten sogar all unsere Sorgen in den Hintergrund. Aber was macht der Wald mit uns?

Die Wirkung des Waldes auf Psyche und Körper

Viele Studien zeigen, dass der Wald positiv auf Psyche und Körper wirkt. Nach einer kurzen Zeit des Verweilens im Wald fährt der Stresspegel runter. Das heißt, der Cortisolspiegel, der Blutdruck und die Herzfrequenz sinken. Cortisol ist ein Stresshormon. In brenzligen Situationen versorgt es uns mit Energie und macht uns so lebensfähig. Ein Cortisol-Überschuss kann jedoch auf Dauer schädlich sein. Aber mit einem Waldbesuch kann die Ausschüttung dieser Stresshormone gemindert werden. Die aktive körperliche Bewegung fördert zusätzlich unsere Gesundheit und sorgt dafür, dass unser Wohlbefinden steigt.

Der japanische Waldforscher Qing Li konnte anhand seiner Untersuchungen nachweisen, dass der Waldaufenthalt zu Heilungsprozessen in unserem Körper führt. Die Bäume senden Botenstoffe aus. Diese nehmen wir mit der Waldluft über die Lunge und die Haut auf. Das heißt, die natürlichen Körperzellen in unserem Blut steigen in ihrer Anzahl und werden aktiver. Sie sind Teil unseres Immunsystems und zerstören kranke Körperzellen. Unser Immunsystem hingegen ist unser Abwehrsystem, das uns vor Krankheitserregern und anderen Giften schützt. Außerdem hilft es bei der Heilung von Verletzungen. Der Wald stärkt also unser Immunsystem und wir werden nicht so schnell krank.

Im Wald zur Ruhe kommen

Psychologen sind der Ansicht, dass ein natürliches Umfeld hilft, um sich in das „Hier und Jetzt“ zu begeben. Der Kopf käme in der Natur besser zur Ruhe. Denn er ist mit all den aufkommenden und überraschenden Natur-Reizen beschäftigt. Den schönen Blüten, den singenden Vögeln, dem würzigen Duft von Bäumen und dem Rascheln der Blätter unter den Füßen… Die Formen und Muster im Wald sowie die Schattenspiele der Bäume wirken beruhigend auf den Menschen. Das Einzige, was im Wald ablenken kann, ist der Wald selbst (zumindest dann, wenn das Smartphone auch wirklich in der Tasche bleibt).

Auch das Waldklima trägt dazu bei, dass wir uns entspannter fühlen. Durch das dichte Kronen-Dach der Bäume wird die Luft kühl und feucht gehalten. Unsere Atemwege werden befeuchtet. Dadurch sind sie weniger anfällig für Bakterien und Viren. Zudem herrscht eine hohe Konzentration an Sauerstoff in der Luft. Wir atmen dann besser durch und können so unsere Gedanken sortieren. Die Bäume schützen nicht nur vor greller Sonneneinstrahlung, sondern auch vor Lärm. So sind wir weniger störenden Reizen wie zum Beispiel lauten Motorengeräuschen ausgesetzt. Auch das Dämmerlicht des Waldes wirkt beruhigend auf das Auge. Zusammen mit dem Lärmschutz wird unser Ruhe-Nerv aktiviert. Er sorgt dafür, dass wir uns gelassener fühlen.



Das Waldbaden

Der Trend, in der angenehmen Atmosphäre des Waldes zu „baden“, kommt aus Japan und wird als „Shinrin Yoku“ bezeichnet. Dort gilt „Shinrin Yoku“ als vorbeugende Methode zur Stressreduzierung und Förderung der Gesundheit. Die Wirkung des Waldes, die sogenannte Waldmedizin, wird dort sogar an Universitäten gelehrt.

Für das Waldbaden gibt es keine bestimmten Regeln. Mit geöffneten Sinnen wird die Umgebung bewusst und achtsam wahrgenommen. In diesem Zusammenhang heißt „achtsam zu sein“, den Moment zu genießen, ohne an Vergangenes oder an mögliche Pläne in der Zukunft zu denken. Um die Gedanken zu pausieren, kannst du das Waldbaden mit weiteren Entspannungsübungen wie zum Beispiel einer Atemübung ergänzen:

Such dir einen ruhigen Platz unter den wundervollen Bäumen. Setz dich aufrecht hin oder stehe schulterbreit. Schließe deine Augen. So bleiben deine anderen Sinne verstärkt im Vordergrund. Gerne kannst du deine Hände auf deinen Bauch legen, um dich mit deinem Atem zu verbinden. Atme tief ein und stell dir dabei vor, wie du neue Energie tankst. Atme doppelt so lang aus und stell dir vor, wie du Verbrauchtes ausatmest. Fühle gleichzeitig, wie dein Bauch auf und ab sinkt. Wenn du dich auf das Atmen konzentrierst, kommen deine Gedanken besser zur Ruhe. Du wirst merken, wie intensiv du dich in den Moment einfühlen und das „Hier und Jetzt“ genießen kannst.



Das Grün macht gesund

In der Farbpsychologie wird untersucht, welche Wirkungen die einzelnen Farben auf Emotionen und Stimmungen haben. Dabei hat die Farbe „grün“ einen beruhigenden Effekt auf unsere Nerven und wirkt sich positiv auf unsere Gesundheit aus. Dies konnte der schwedische Forscher Roger Ulrich im Jahr 1984 belegen. Laut seiner Studie erholten sich Patient:innen nach einer Operation schneller, wenn sie aus dem Fenster in die Natur blicken konnten. Außerdem brauchten sie weniger Schmerzmittel als die Kontrollgruppe, die eine triste Betonmauer als Aussicht hatte. Auch schon vor ungefähr 900 Jahren war die Universalgelehrte Hildegard von Bingen überzeugt davon, dass die Heilkraft der Natur ihre „Grünkraft“ sei.

Der Mensch als Teil der Natur

Oft ist das Großstadtleben von Hektik, Lärm und Schmutz geprägt. Viel Grün finden wir in unserer Umgebung nicht. Im täglichen Alltagsstress vergessen wir darum schnell unseren natürlichen Ursprung. Der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson wusste, dass uns die Liebe zur Natur angeboren ist und wir ein existenzielles Bedürfnis nach ihr hätten. Im Laufe der Evolution sei unsere emotionale Verbundenheit und Liebe zur Natur entstanden. Vor allem die Liebe zu all dem Lebendigen auf dieser Welt.

Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, kleine Pausen im Grünen zu nehmen und uns mit der Natur zu verbinden. Lass doch öfter mal dein Smartphone zu Hause liegen und schau, wie du dich fühlst. Gehe dafür öfter raus in die Natur und genieß die Zeit an der frischen Luft. Ohne das Smartphone kannst du dein Umfeld besser wahrnehmen und dies wirkt sich sogar positiv auf deine Konzentrationsleistung aus. Hast du bis hierhin gelesen? Na, dann los, worauf wartest du noch? Spring doch einfach ins Grüne und lasse den Wald auf dich wirken, um dem Schul- und Alltagsstress zu entfliehen.