„Kalt am Kopf“ – Brustkrebs mit 33 Jahren

Geschrieben am 10.04.2021
von Dominic Dylka

Jede achte Frau erkrankt in ihrem Leben an Brustkrebs. Brustkrebs stellt damit die häufigste Krebserkrankung bei Frauen dar. Besonders fatal ist die Diagnose im jungen Alter. Brustkrebs wird hier häufig zu spät erkannt; die Heilungschancen sind oft schlecht. Unser Autor Dominic hat mit einer Betroffenen gesprochen.



Es ist Dienstagmittag. Veronika K. kommt nach Hause, schließt die Tür auf. Blass wie ein Geist und leicht benommen schlendert sie ins Wohnzimmer. Dort warten ihr Mann und ihr einjähriger Sohn bereits auf sie. „Mama“, „Aua“ und „Piek“ sind Worte aus dem Mund des Einjährigen. Selbst er weiß: Seine Mutter ist am Vormittag nicht einkaufen gewesen. Sie war bei ihrer wöchentlichen Chemotherapie.

Veronika hat Brustkrebs – und das mit gerade einmal 33 Jahren. An einem Novemberabend entdeckt sie beim Duschen eine Verhärtung über ihrer linken Brust. Zunächst denkt sie an einen Milchstau – ihr einjähriger Sohn wird nämlich noch gestillt. Jedoch stellt Veronika fest: die Stelle ist viel härter und runder. Sie lässt ihre Mutter drüberschauen und auch die ist der Meinung, da stimme etwas nicht. Nach Ultraschall und der durch ihre Frauenärztin angeordneten Entnahme und Untersuchung des Brustgewebes dann die Erkenntnis: Triple-negatives Mammakarzinom. Eine sich schnell ausbreitende und aggressive Art von Brustkrebs.

„Ich konnte mich kaum auf die Diagnose der Ärztin konzentrieren. Alles rauschte. Ich war wie gelähmt“, blickt Veronika zurück. Sie verließ die Praxis und rief ihre Schwester an, die sich derweil um Veronikas Sohn kümmerte. „Ich fühlte mich nicht fähig, irgendetwas zu machen und war wie benommen.“ Verständlich. Schließlich liegt das mittlere Erkrankungsalter für Brustkrebs bei 64 Jahren. Die Diagnose trifft die 33-Jährige sehr plötzlich.



„Wenn mein Sohn schlafen geht, bin ich meist genauso schlapp und müde“

Was die Erkrankung neben einer Chemotherapie für Veronika heißt: Abstillen. Und das so schnell wie möglich. Jeder kann sich hierbei von seiner eigenen Mutter erzählen lassen: das ist kein einfacher Prozess. Letztendlich ist das Kind nichts anderes als Muttermilch gewöhnt und muss die Ernährung im frühen Alter ein erstes Mal umstellen.

Dass die Chemotherapie nicht ganz harmlos ist, zeigen die Nebenwirkungen, die Veronika wöchentlich erfährt: Starke Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen, aber auch Nasenbluten, Hitzewallungen und Kribbeln in den Fingern. „Alles verkraftbar“, wie sie findet. „Das Schlimmste ist die Antriebslosigkeit. Es ist schwer zu akzeptieren, etwas nicht machen zu können, weil ich die Energie dafür nicht habe.“

Fotoalben bekleben, den Haushalt machen oder einfach mal spazieren gehen: alles Sachen, zu denen Veronika keinen Antrieb findet. Zudem braucht ihr einjähriger Sohn natürlich viel Aufmerksamkeit. „Das ist eigentlich die größte Hilfe, die man in der Situation haben kann: Ein stressiger Alltag mit Kleinkind. Ich habe tagsüber keine Zeit, mich mit dem Brustkrebs zu beschäftigen. Und wenn mein Sohn schlafen geht, bin ich meist genauso schlapp und müde.“



Selbsthilfegruppen auf Social Media

Neben ihrem Sohn findet Veronika starke Stützen in ihrer Familie und ihren Freunden. Jedoch macht das Coronavirus dem einen Strich durch die Rechnung: „Die Treffen mit Freundinnen und Freunden fehlen mir. Daran nagt meine Stimmung dann auch manchmal“.

Eine große Hilfe bieten Veronika stattdessen die sozialen Medien – besser gesagt: Instagram. Unter dem Usernamen „versdylei“ postet sie mittlerweile regelmäßig Beiträge über ihre Krebserkrankung. „Es hat sich auf Instagram sowas wie eine kleine Selbsthilfegruppe während der Coronazeit gegründet.“

Viele Frauen mit dem gleichen Schicksal kommen unter dem Hashtag #brustkrebs virtuell zusammen, schenken sich gegenseitig Kraft und ersetzen fehlende „echte“ Treffen so gut es eben geht. „Durch die Community gewinne ich an Selbstvertrauen. Zu sehen, dass Krebs gut enden kann, macht mir Mut. Das positive Feedback auf meine Beiträge hilft zusätzlich“, erzählt die 33-Jährige.


Der Umgang mit Glatze

Ihre Chemotherapie läuft inzwischen neun Wochen lang. Jeden Dienstag bekommt sie Kortison und sogenannte Zytostatika verabreicht, die durch einen eingepflanzten „Port“, den „Chemo-Eingang“, wie Veronika ihn nennt, einlaufen. Sie hemmen die Teilung und Vermehrung der Krebszellen. Die Hauptnebenwirkung: Müdigkeit. Aber auch ihr Umgang mit dem einhergehenden Haarausfall ist erwähnenswert: „Als die Haare ab waren, habe ich schon ein bisschen geweint. Aber die kommen zurück. Das ist bei weitem nicht das Schlimmste an der Behandlung“, weiß Veronika.

Vielmehr findet sie hier einen positiven Einfluss der Corona-Pandemie: „Das Virus macht es mir einfach. Ich muss mir gar keine Gedanken darüber machen, wie ich vor die Tür gehe“, sagt sie. Trotzdem trägt sie daheim Turbane und Mützen. „Vorrangig aber nicht wegen des Aussehens“, stellt Veronika klar. „Mir ist auch einfach kalt am Kopf.“ (lacht.)